Medizin

Intensivstation auf Rädern

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Rainer Kurlemann

Die Überlebenschance von Notfallpatienten steigt in modernen Einsatzmobilen. Moderne Technik entlastet das medizinische Personal

Im Ernstfall kommt das Krankenhaus zum Patienten. An einem gewöhnlichen Werktag rufen mehr als 35.000 Menschen in Deutschland den Rettungsdienst. Jede Minute kann dabei über Leben und Tod entscheiden und auch das weitere Leben des Betroffenen bestimmen. Rettungsassistenten wählen dafür gern einfache Bilder. „Time is brain“, lautet eine Faustformel, die für den Schlaganfall zutrifft: „Zeit ist Gehirn“. „Bei einem akuten Schlaganfall sterben pro Minute 1,9 Millionen Nervenzellen ab, weil sie nicht ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt werden“, erklärt Professor Heinrich Audebert, ärztlicher Leiter der Klinik für Neurologie an der Charité. Das bedeutet: Je schneller das Blutgerinnsel aufgelöst wird, das die Ader im Gehirn blockiert, desto besser sind die Aussichten für den Patienten.

Aufwändige Diagnostik an Bord

Die Charité hat deshalb gemeinsam mit Technikspezialisten den Rettungsdienst auf den Kopf gestellt. Die Techniker statteten die ohnehin gut ausgerüsteten Rettungswagen zusätzlich mit teuren Spezialgeräten aus. Es gibt etwa ein Dutzend solcher Projekte in Deutschland, aber das Berliner Vorgehen ist besonders spektakulär. Denn wenn das Schlaganfall-Einsatzmobil „Stemo“ zum Patienten fährt, bringen die Notfallhelfer die Ausstattung eines Krankenhauses mit: einen Computertomografen nebst Analytiklabor. Damit können sie die Untersuchung für die weitere Schlaganfalltherapie direkt am Einsatzort durchführen. Ein Neurologe und ein Radiologe mit telemedizinischer Anbindung werten das CT des Kopfes sofort aus und klären, ob eine geplatzte Ader oder ein verstopftes Blutgefäß die Ursache des Schlaganfalls ist. Das zu wissen, ist essenziell für die weitere Therapie.

„Das ‚Stemo‘ verkürzt die Zeit bis zum Behandlungsbeginn um durchschnittlich 25 Minuten“, erklärt Audebert. Er kann die Konsequenzen des frühen Therapiebeginns aus der Erfahrung mit 6182 Notfallpatienten belegen. Die Wahrscheinlichkeit, schnell nach Hause entlassen zu werden, verdopple sich nahezu, wenn die Behandlung innerhalb der ersten Stunde nach dem Schlaganfall beginne, sagt Audebert. Der Anteil der Patienten, die die besonders wirksame Lyse-Therapie zum Auflösen eines Blutgerinnsels bekommt, steige zudem von 21 auf 33 Prozent. Die Behandlung im Rettungswagen sei so sicher wie in der Klinik.

Das Spezialfahrzeug ist aufgrund seiner aufwändigen Ausstattung 6,70 Meter lang und hat ein zulässiges Gesamtgewicht von zwölf Tonnen – Dimensionen eines Lkw. Eine spezielle Luftfederung schützt die empfindliche Elektronik. Zudem gleicht ein Hydrauliksystem automatisch sämtliche Unebenheiten am Einsatzort aus, damit der Computertomograf während der Messung nicht schräg steht. Die Wände des Rettungswagens sind so stark abgeschirmt, dass während der Untersuchung keine Röntgenstrahlung nach außen dringt. „Wir erfüllen die Vorschriften eines stationären Röntgenraums“, sagt Audebert. In Norwegen, Kanada und den USA fahren „Stemos“ im Testbetrieb, die von den Berliner Erfahrungen profitieren.

„Die Technologie ist heutzutage nicht mehr die Herausforderung für die weitere Entwicklung des Rettungsdienstes“, sagt Sven Meister, der am Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik in Dortmund forscht. Eine Verbesserung scheitere eher an politischen und strukturellen Problemen – und an der Finanzierung. „Die Städte haben schlichtweg kein Geld, um zum Teil schon jetzt notwendige Neubeschaffungen für Geräte zu tätigen“, sagt Meister.

Tele-Notarzt bleibt in der Zentrale

Die größte Herausforderung sieht er in den Strukturen, die nicht auf Digitalisierung ausgelegt seien. So fehle ein bundesweit einheitliches Verfahren zur Meldung von freien Bettenkapazitäten. Während in den Krankenhäusern ausgeklügelte Hightech für die Diagnostik einzieht, hapert es bei der Datenübertragung noch an den Grundlagen. Beim Kölner Herzinfarktprojekt beispielsweise werden dringend benötigte EKG-Daten teilweise noch mit dem Faxgerät vom Rettungswagen ins Krankenhaus übermittelt, damit das Herzkatheterteam seine Arbeit vorbereiten kann. In Dänemark dagegen werden derzeit alle Rettungswagen mit digitalen Sendeeinheiten ausgestattet, die Patientendaten direkt ins nächste Krankenhaus senden. Wenn der Patient dort übergeben wird, kennen die Ärzte bereits dessen Situation, eine zeitaufwändige und möglicherweise lückenhafte Übergabe entfällt.

In Aachen ist ein ähnliches Konzept, das in den Regelbetrieb gegangen. Die zwölf Rettungswagen der Feuerwehr senden ihre Daten direkt an den Tele-Notarzt, der von der Feuerwache aus Anweisungen an die Rettungsassistenten erteilt. Zusätzlich kann der Notarzt eine Kamera an der Decke des Rettungswagens steuern und sich einen Eindruck vom Patienten verschaffen. „In etwa der Hälfte der Fälle macht ein Notarzt am Einsatzort nicht mehr, als ein Medikament zu geben oder eine Infusion anzuhängen. Diese Aufgabe kann auch das Rettungsteam übernehmen“, sagt Jörg Christian Brokmann, der Leiter der Notaufnahme an der Uni-Klinik. . „Wir wollen den Notarzt nicht abschaffen. Aber er soll nur noch dort hinfahren, wo er auch benötigt wird.“ Ein Rechtsgutachten gibt den Rettungsassistenten zudem Sicherheit, dass auch eine fernmündliche Anweisung ausreicht. Denn selbst bei Notfällen darf eigentlich nur ein Arzt bestimmte Medikamente verordnen.

Das „Stemo“ in Berlin fährt indes nicht im Regelbetrieb, sondern wird weiter als Forschungsprojekt aus Mitteln von Stadt, Bund und EU finanziert. Eine Million Euro kostet das Spezialfahrzeug in der Anschaffung, fast dieselbe Summe wird jährlich für den Betrieb fällig. Die Charité verweist in der Debatte über die Kosten darauf, dass gleichzeitig Geld eingespart werde. „Stemo“-Patienten würden im Schnitt früher aus der stationären Behandlung entlassen, und auch in der Nachsorge in den Jahren nach dem Schlaganfall werden deutliche Einsparungen erwartet, sagt Neurologe Audebert. Genau darauf konzentrieren sich nun auch neuen Studien: die Langzeitauswirkungen für die Patienten und die Wirtschaftlichkeit.