Gesundheit

Ein Netz um Leib und Seele

Ein Geflecht aus Bindegewebe durchzieht den Körper. Ist es geschmeidig, lockert das auch psychische Verspannungen

Ein geheimnisvolles Netz durchzieht unseren Körper: die Faszien. Sie sind überall in unserem Körper und umhüllen unsere Muskeln, Organe und Knochen. Sie bestehen aus Kollagenfasern und Flüssigkeit und bilden ein dreidimensionales Netz, das alle Einzelteile in unserem Inneren zusammenhält. Sie umschließen auch unsere Venen, Arterien und Nerven. Manche Faszien sorgen dafür, dass sich die Organe im Körper gut bewegen können und trotzdem an ihrem Ort verharren. Wenn wir etwa tief einatmen, verschieben sich sanft die Organe im Bauchraum. Das ist deshalb möglich, weil sie an Faszien aufgehängt sind und von ihnen schützend umschlossen werden. So können unsere Organe durch den Körper gleiten und wir können uns in alle Richtungen bewegen. Trotzdem bleibt alles an seinem Platz.

Stress führt zu Verhärtungen

Diese feinen Schichten aus Bindegewebe haben großen Einfluss auf uns: Sind sie verspannt und verhärtet, umschließen sie unseren Körper und unsere Psyche wie die Mauern eines Gefängnisses. Lockern und lösen wir sie aber, so tritt ein wunderbarer Effekt ein: Nicht nur unserem Körper geht es dann besser, sondern auch unserer Seele. Wie eng das Wechselspiel von Körper und Seele tatsächlich ist, dafür sind die Faszien ein faszinierendes Beispiel. Mittlerweile hat das auch die Schulmedizin erkannt.

Die Vorstellung, dass Körper und Seele eng miteinander verbunden sind, ist schon sehr alt. Neue Studien bestätigen allerdings, was traditionelle Heiler schon vor Jahrhunderten wussten: Wir sind ein Ganzes und unsere Psyche kann nicht von unserem Körper getrennt betrachtet werden. Unsere Hormone beeinflussen zum Beispiel jeden Tag, wie wir uns fühlen. Und unsere Gedanken können wiederum intensiv auf unseren Körper einwirken. Das eine formt das andere und umgekehrt.

„Emotionen haben eine enorme Kraft und sie formen unseren Körper sehr viel mehr, als jede Vernunft es je zustande bringen würde“, schreibt der Heilpraktiker Peter Schwind in seinem Buch „Faszien – Gewebe des Lebens“. Ein Beispiel aus dem alltäglichen Leben, das zeigt, wie sich unsere Gefühle etwa in der Körperhaltung spiegeln: Wir lassen die Schultern hängen, wenn wir schlechte Laune haben und beißen die Zähne aufeinander, wenn wir unter Druck stehen.

Was in unserem Körper passiert, wenn er nun immer wieder mit zu viel Stress und negativen Gefühlen bombardiert wird, erklärt der amerikanische Körpertherapeut Thomas W. Myers: „Wenn sich Stress im Körper ansammelt, hat er nur zwei Wege nach draußen. Der eine Weg führt über die Körperchemie.“ Durch den Stress werden dann sogenannte Neuropeptide ausgeschüttet und wirken auf unser Nervensystem. Das spüren wir an einer veränderten Stimmung, beispielsweise an Gereiztheit oder Nervosität. „Der andere Weg führt über Verspannungsmuster in unserem Körper“, so Myers. Hat die Seele zu viel Stress abbekommen oder sogar ein Trauma erlebt, leitet sie den übermäßigen Druck also an unseren Körper weiter. Wir spüren dann eine Verspannung im Nacken oder es zwickt vielleicht an der Schulter.

Haben sich Sorgen und Belastungen erst mal im Körper festgesetzt, graben sie sich immer tiefer in unseren Körper ein. „Schließlich werden unsere Gefühle sogar Teil des faszialen Gewebes“, erklärt Myers. Dort stecken sie dann erst einmal fest. Die Faszien sind nicht besonders dick, aber sie bestehen aus festem Kollagengewebe und können versteifen und verfilzen. Gesunde Faszien sind dagegen sehr elastisch. Sie machen uns flexibel und beweglich. Bei Kindern sind sie noch sehr weich und haben einen hohen Wasseranteil. Wenn wir älter werden oder viel Stress haben, verfilzen und vertrocknen die Faszien. Unser Körper wird steifer und ist anfälliger für Schmerzen.

Elastische Faszien sind auch für unser Immunsystem wichtig. Ida Rolf, die Begründerin der Rolfing-Methode und Pionierin der Körpertherapie, war eine der ersten, die schon vor vielen Jahren die Bedeutung der Faszien intuitiv erkannte. Sie war damals schon der Meinung, dass ungelöste psychische Konflikte in unserem Bindegewebe feststecken – und dass wir sie über den Körper auch wieder lösen können. Ein Experiment belegt das: In einem Laborversuch wurden Stresshormone auf Fasziengewebe geträufelt. Und selbst unter diesen Bedingungen, also mit Gewebe, das längst nicht mehr lebendig war, zeigte sich ein starker Effekt: Das Faszien-Gewebe zog sich zusammen und verhärtete.

Yoga führt zu intensiver Dehnung

Das Fatale:„Das fasziale System ist der Ort, wo man beginnen muss, denn es trägt einen tiefen Abdruck davon, wie wir uns unser ganzes Leben lang bewegt haben“, erklärt Thomas W. Myers. Und es trägt auch einen Abdruck davon, wie wir uns unser Leben lang gefühlt haben. Was können wir also tun, wenn wir unsere negativen Gefühle wieder aus Faszien lösen wollen? Nicht jede Form von Bewegung hilft weiter, denn: „Die meisten Sportarten werden das Muster der Faszien nicht stark verändern, weil sie für die Muskeln entwickelt wurden oder für das Herz-Kreislaufsystem“, sagt Myers.

Beispielsweise ist Joggen gesund, aber das Bindegewebe wird dadurch nicht stark gedehnt, wenn sonst keine anderen Übungen gemacht werden. Denn die Faszien bestehen aus stabilen Fasern, die unsere Verspannungen festzurren und festhalten. Yoga indes kann die Faszien mobilisieren. Einer der Gründe für die Wirkung: Faszien lieben es, intensiv gedehnt zu werden. „Das ist das Wunderbare am Yoga, dass Sie durch die tiefe, lange Dehnung tatsächlich das Bindegewebe verändern können“, erklärt Myers. „Sie verändern das Gewebe in den Faszien und damit kommen sie auch an die Gefühle ran.“

Die Yoga-Lehrerin Christine Ranzinger aus München bestätigt: „Faszien-Training kann ein effektiver Weg der Selbstheilung sein.“ So werden Prozesse angestoßen, die uns in neue Denkmuster hinein bewegen und eine neue seelische Freiheit ermöglichen. Myers hat während seiner langjährigen Arbeit als Körpertherapeut oft erlebt, wie Patienten sich von einer seelischen Last befreien können, wenn der Körper ihnen die richtigen Signale dafür sendet. Wenn verhärtete Faszien wieder flexibel werden, kommt der Fluss der Lebenskraft wieder ins Fließen. Ganz so, als fordere der befreite Körper die Seele auf, aufzuwachen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin „Herzstück“. Das aktuelle Heft ist am Kiosk erhältlich, das Magazin erscheint ab sofort alle zwei Monate und kostet 4,50 Euro. www.herzstueck-mag.de .