Gesundheit

Strahlende Zukunft

Ob mobile Geräte der Gesundheit schaden, ist umstritten. Aber immer mehr Nutzer haben Beschwerden

2009 zog ein verzweifeltes französisches Ehepaar durch die Provinz an der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz, auf der Suche nach Ruhe. Ihre Tochter Marianne war krank, sehr krank. Kopfschmerzen quälten sie, sie bekam keine Luft und ihr Herz klopfte panisch ohne Unterlass. Erst im Doubs-Tal bei Soubey im Schweizer Kanton Jura konnten alle drei aufatmen: Hier gab es kein WLAN-Netz und keine Handys. Marianne, die sich als elektrosensibel bezeichnete, brauchte einen Platz wie diesen, einen Ort ohne Strahlung, um sich zu erholen – und dafür nahm die Familie die Einöde in Kauf.

Unterstützung vom Hirnforscher

Elektrosensible gibt es auch in Deutschland. Einige Hunderttausend Menschen sind es, die glauben, elektromagnetische Felder durch Handys, WLAN, Tablet-PCs, Sendemasten, Radios und TV-Geräte zu spüren. Viele sind überzeugt, dass die Strahlen schaden. „Sie leiden oft sehr und unter ganz unterschiedlichen Symptomen von Herzflattern über Kopfschmerzen bis zu Atemnot“, sagt Gunde Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter.

Seit Jahren ist unklar, ob die Strahlen tatsächlich schaden oder die Betroffenen eine besondere Form der Hypochondrie trifft. Bisher gilt die Stellungnahme der Deutschen Strahlenschutzkommission, die 2008 Studien sichtete und zu dem Schluss kam, dass Elektrosensibilität wohl nicht existiert. Doch die Betroffenen wehren sich. Sie protestieren gegen den Ausbau der WLAN-Netze in ICE, Regionalzügen und S-Bahnen, wie ihn Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) fordert. Und sie protestieren dagegen, dass ihre Kinder schon in der Schule elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt sind.

Beistand bekamen sie im Oktober 2014 vom Hirnforscher Manfred Spitzer. Er sprach sich in einem offenen Brief des Ärztearbeitskreises Digitale Medien Stuttgart gegen den Ausbau des WLAN-Netzes und die Ausbreitung von digitalen Medien an Schulen aus. „Weit unterhalb der Grenzwerte, bei Belastungen im Normalbetrieb, liegen Erkenntnisse aus mehr als 40 in seriösen Fachzeitschriften veröffentlichten Arbeiten vor, die nachweisen, dass die Belastung zu Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, ADHS, Spermienschädigungen bis hin zu DNA-Strangbrüchen und damit zu Krebs führen kann“, stand darin. Wie haltbar sind solche Vorwürfe?

„Grundsätzlich ist die Belastung durch WLAN-Strahlung viel geringer verglichen mit der Handystrahlung“, wendet Martin Röösli, Strahlenexperte der Universität Basel, ein. „Die Energie, die man von einem WLAN-Netzwerk abbekommt, das sich in Reichweite befindet, ist üblicherweise rund 100.000-mal geringer als beim Handytelefonieren.“ Weil es bisher zur Strahlung nur Schätzungen auf Basis der Sendeleistungen der Geräte gab, stattete Röösli im Juni 2012 Siebt- und Achtklässler mit einem Messgerät aus, um zu prüfen, wie stark sie tatsächlich bestrahlt werden.

Die Auswertung der Studie läuft noch, doch Röösli kann bereits sagen: In Schulen mit WLAN-Zugangspunkten im Klassenzimmer tragen diese zur Hälfte der Belastung bei. Über den ganzen Tag gemessen sackt der Anteil der WLAN-Strahlung dann aber unter fünf Prozent. Denn die Jugendlichen telefonieren vor und nach dem Unterricht, verschicken gut 20 SMS am Tag und surfen etwa 40 Minuten im Netz – das wiegt schwerer. Röösli will aber mehr, als die Strahlenbelastung auf eine solide Basis zu stellen. Um Manfred Spitzers Verdacht zu untersuchen, wonach die Strahlung Kinder verhaltensauffällig machen kann, mussten seine 439 Schüler auch Tests zu Aufmerksamkeit und Gedächtnis absolvieren. Diese Ergebnisse stehen zwar noch aus, doch bereits 2010 hatte eine Studie in vier bayerischen Städten einen Zusammenhang zwischen Strahlenbelastung und Verhaltensauffälligkeiten bei 1524 Jugendlichen aufgedeckt. Auch hier hatten einige Jugendliche über 24 Stunden ein Messgerät am Körper getragen.

Es bleibt eine kleine Unsicherheit

Eine dänische Untersuchung zwei Jahre später zeigte ähnliche Resultate: Unter 13.000 Siebenjährigen waren Verhaltensprobleme häufiger, wenn sie selbst eifrig mobil telefoniert hatten – und noch häufiger, wenn die Mutter bereits in ihrer Schwangerschaft oft zum Handy gegriffen hatte. Das mag für Laien nach Beweisen aussehen, Röösli aber warnt vor voreiligen Schlüssen.

„Es ist genauso gut denkbar, dass ADHS den Konsum der digitalen Medien in die Höhe treibt, dass also der Zusammenhang umgekehrt ist, als manch einer spontan vermutet“, sagt der Strahlenexperte. Was er meint, ist: Ein Zusammenhang sagt noch nichts darüber aus, welcher der beiden untersuchten Faktoren Ursache und welcher Wirkung ist, ob also der Konsum zu ADHS führt oder aber ADHS zu einem erhöhten Konsum. Es könnte sogar sein, dass ein dritter, bislang noch unbekannter Faktor dahintersteckt.

Trotz der Verdachtsmomente ist „eine Schädigung durch Mobilfunkstrahlung bis heute nicht belegt“, dabei bleibt auch Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz. Im Gegenteil: Einige früher diskutierte Risiken wurden sogar widerlegt. So weiß man heute, dass der Spiegel des Schlafhormons Melatonin durch Strahlung nicht durcheinandergerät. Auch dass Menschen seit der Handynutzung häufiger an Leukämien und Hirntumoren erkranken, hat sich nicht überzeugend bestätigt.

So fand die größte Erhebung zur Handynutzung überhaupt, die Interphone-Studie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation mit mehr als 12.000 Teilnehmern, für den Durchschnittstelefonierer keine erhöhte Krebsgefahr. Aber einige ungeklärte Fragen blieben. Tatsächlich fanden die Wissenschaftler in der Interphone-Studie, dass Vieltelefonierer zu 15 Prozent häufiger an Hirntumoren erkrankt waren. Die Autoren rangen um Erklärungen, fanden so recht aber keine. Dazu kam heftige Kritik an der Methodik der Studie von einer Gruppe aus gut 40 Fachleuten, unter anderem auch an der Kofinanzierung der Studie durch die Mobilfunkindustrie. Die International Agency for Research on Cancer ließ daher Vorsicht walten. Sie stufte die Mobilfunkstrahlung wegen der Unstimmigkeiten als möglicherweise krebserregend ein.

Ziegelberger kann diese Entscheidung nachvollziehen: „Es bleibt eine Restunsicherheit“, sagt sie. „Auch weil Hirntumoren sich erst nach zehn bis 20 Jahren entwickeln. So lange ist der Handygebrauch noch gar nicht Usus.“

Stress durch Mobiltelefone

So untersuchen Forscher derzeit, ob womöglich Erkrankungen wie etwa Demenz und Parkinson zunehmen, seitdem Mobilfunkgeräte zu jedem Haushalt gehören. Und in jüngster Zeit bringen Wissenschaftler auch noch Argumente für einen ganz anderen Wirkmechanismus ins Feld. Die hochfrequenten elektromagnetischen Strahlen könnten oxidativen Stress auslösen. Dann würden freie Radikale entstehen, die das Gewebe und auch das Erbgut attackieren. Sarah Drießen vom Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Verträglichkeit in Aachen sagt, es gebe gute Studien, die das untermauerten, aber genauso gute, die das Gegenteil belegten – wie so oft in der Wissenschaft.

Experten raten zur Vorsicht. Festnetztelefon statt Mobiltelefon, Basisstationen und WLAN-Zugangspunkte nicht ins Schlaf- und Kinderzimmer, rät etwa das Umweltbundesamt. Und Schulen sollten ihre Schüler nicht per Funk ans Internet anbinden, so das Bundesamt für Strahlenschutz. „Es gibt immer mehr Strahlenquellen“, sagt Ziegelberger. „Dadurch wird die Belastungssituation immer komplexer und für den Laien undurchsichtiger.“ Belastung zu minimieren, beruhige einfach. Und das ist einiges wert – selbst wenn sich auf lange Sicht kein Verdacht bestätigen sollte.