Medizin

Experte kritisiert Hygienemängel an Kieler Uniklinikum

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Wolfgang W. Merkel

Infektion von 31 Patienten mit gefährlichen Keimen nur durch Personalfehler erklärbar

Im Falle der Kieler Patienten mit gefährlichen multiresistenten Erregern wurde offenbar die Krankenhaushygiene vernachlässigt. Das sagte Professor Klaus-Dieter Zastrow, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Hygieniker, der Berliner Morgenpost.

Am Sonnabend war bekannt geworden, dass elf am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (Standort Kiel) gestorbene Patienten zusätzlich zu ihren teils schweren Erkrankungen auch Keime der Art Acinetobacter baumannii mit Resistenzen gegen mehrere Antibiotika trugen. Bei neun von ihnen sei das Bakterium aber eindeutig als Todesursache ausgeschlossen worden, gab die Klinik bekannt. Bei zwei Patienten konnte die Todesursache nicht zweifelsfrei geklärt werden. Am Montag ist ein weiterer mit dem Keim belasteter Patient gestorben. Experten der Universitätsklinik Frankfurt am Main haben nun die Arbeit in Kiel aufgenommen. Sie wollen die Gründe für die Ausbreitung der Erreger bei insgesamt 31 Patienten untersuchen. Die Keime gehören zur sogenannten 4-MRGN-Gruppe, die gegen vier wichtige Antibiotika-Wirkstoffklassen resistent sind.

Klaus-Dieter Zastrow, Leiter der Krankenhaushygiene der Berliner Vivantes Kliniken, übt Kritik. „Der Fall zieht sich schon mehr als fünf Wochen hin und in den letzten Tagen änderte sich die Zahl der betroffenen Patienten fast stündlich. Das ist schon wundersam. Man müsste viel schneller herausbekommen, was los ist“, sagte er. „Die Frage ist: Wie kann es sein, dass am Anfang ein Patient an einem multiresistenten Keim erkrankt ist und es jetzt 27 sind? Der Keim muss durch Ärzte oder Pflegepersonal weitergetragen worden sein. In solchen Fällen wurden immer Hygieneregeln missachtet. Das geht gar nicht anders.“

Die Aussage, dass die Infektionen mit Acinetobacter baumannii nicht ursächlich für den Tod der infizierten Patienten gewesen sei, will der Berliner Mediziner relativieren, solange nicht klar ist, welche Organe infiziert waren. Der Erreger kann unter anderem zu Lungenentzündung und Blutvergiftung (Sepsis) führen. „Eine Lungenentzündung oder eine Sepsis mit Acinetobacter baumannii, zumal einem multiresistenten Stamm, ist immer eine schwere Komplikation. Das schwächt den Patienten und trägt zumindest mittelbar zum Tod bei“, sagte Zastrow.

Mehr Personal gefordert

Professor Zastrow kennt die leitende Hygieneärztin am Kieler Klinikum als kompetente Expertin. Er geht davon aus, dass ihr Hygienemanagement sachgerecht war. „Die mikrobiologischen Befunde erhebt allerdings das mikrobiologische Labor, also eine andere Abteilung. Ganz offensichtlich hat diese die Hygiene nicht hinreichend informiert, dann ist die Hygienikerin machtlos.“ Der Mediziner kritisiert die oftmals zu knappe Personaldecke auf Intensivstationen. „Für jeweils zwei beatmete Patienten ist eine Pflegekraft notwendig“, sagte er. „Es ist aber keine Seltenheit, dass Pflegekräfte vier oder im Extremfall sechs Patienten zu betreuen haben.“ Das dürfe aber nicht passieren, denn dann gehe die Fehlerquote in die Höhe. „Unter diesem Druck wird dann nicht oft genug der Kittel gewechselt und die Händedesinfektion nur zehn statt 30 Sekunden durchgeführt. So sind die Keime nicht sicher beseitigt. Wie oft so etwas passiert, wissen wir nicht genau, aber wir können davon ausgehen, dass dies nicht allzu selten der Fall ist.“

Krankenhaushygieniker forderten deshalb mehr Personal für Intensivstationen und ein regelmäßiges Screening auf multiresistente Erreger. „Es kann nicht sein, dass ein Patient mit einer im Krankenhaus erworbenen schweren Infektion erst mal aufs Geratewohl ein möglicherweise nicht wirksames Antibiotikum bekommt und der genaue Erregertyp tagelang nicht bestimmt wird. Das ist ein schwerer ärztlicher Fehler.“

Es sei klar, dass Krankenhäuser nicht permanent eine personelle Maximalbesetzung auf ihren Intensivstationen vorhalten können. Ist Personal krank oder im Urlaub, „dann muss das Krankenhaus seine Betten sperren und von beispielsweise zehn nur maximal sieben für die Rettungsdienste freigeben“, sagt Hygieniker Zastrow. Aus Sicht der Gewerkschaft Verdi sind die Umstände in Kiel nicht so überraschend, wie es die Klinikleitung darstelle. 2013 seien vom Pflegepersonal 1864 Gefährdungsanzeigen aus der Pflege gestellt worden. Das seien Spitzenwerte.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) brachte am Montag eine Verschärfung der Meldepflichten auf den Weg. Resistente Erreger sollen demnach nicht erst bei Krankheitsausbruch, sondern beim ersten Nachweis gemeldet werden.

( mit dpa )