Gesundheit

Süße Begierde

| Lesedauer: 7 Minuten

Vor allem Frauen greifen unter Stress zu Schokolade. Forscher fanden jetzt heraus, dass die Hormone daran schuld sind

Schokoladenblues, Stressnaschen: Wer von Prüfungsdruck, Hektik oder Ärger heimgesucht wird, greift schneller zu Süßkram. Kuchenstücke verschwinden im Nu. Wieso verliert man in hektischen Minuten so leicht die Kontrolle? Ist es eine Persönlichkeitsschwäche? US-Wissenschaftler um Robert Margolskee geben jetzt Entwarnung. Die Süßattacken haben eine biologische Ursache. Die Hormone sind schuld. Dass Margolskee und sein Team überhaupt auf die Idee kommen konnten, Hormone könnten etwas mit Appetit und Geschmack zu tun haben, ist leicht erklärt. Zum einen kennt wohl jeder Heißhungerattacken, die sich an einem stressigen Tag einstellen. Zum anderen zeigen Studien, dass verliebte und depressive Menschen eine ganz eigene Art des Geschmackssinns haben. Allein: Die genauen Mechanismen dahinter sind bislang rätselhaft.

Das Forscherteam vom Monell Chemical Senses Center in Philadelphia hatte bereits in früheren Studien festgestellt, dass sich in den Geschmackszellen für süß, bitter und umami (Herzhaftes) spezielle Andockstellen für sogenannte Glucocorticoide befinden. Diese Nebennierenhormone besitzen vor allem entzündungshemmende Eigenschaften, doch wenn es für sie auch Rezeptoren in den Sinneszellen der Zunge gibt, können sie auch Einfluss auf den Geschmack nehmen. Möglicherweise tun sie das vor allem unter Stress – dann werden besonders viele Corticoide ausgeschüttet.

Lust auf Schokoriegel

Die Wissenschaftler aus Philadelphia überprüften an gestressten Mäusen zunächst, wie Stress und Geschmack miteinander zusammenhängen. Das Geschmackssystem der Nagetiere ist fast identisch mit dem des Menschen, somit können Ergebnisse, die im Tierversuch gewonnen werden, einigermaßen gut auf den Menschen übertragen werden. Die Wissenschaftler stressten die Mäuse und prüften dann auf deren Zungen, ob bei ihnen mehr Corticoidrezeptoren als bei relaxten Tieren aktiviert wurden.

Tatsächlich war bei den Stressmäusen die Aktivierungsquote der Rezeptoren um 77 Prozent höher, und es waren vor allem die Geschmackszellen für Süßes und Umami, in denen sie aktiv wurden. „Dieser Mechanismus könnte erklären, warum manche Menschen in Stressphasen vermehrt zu süßen Lebensmitteln greifen“, erläutert Studienleiter Robert Margolskee. Dass man unter Examensdruck und Bürohektik mehr Lust auf Schokoriegel verspürt, hat also auch damit zu tun, dass die sensorische Wahrnehmung physiologisch umgepolt wird. Außerdem bietet die Studie eine neue Erklärung für ein altbekanntes Geschlechterphänomen. So kann man immer wieder beobachten, dass Frauen unter Stress eher zu Süßem greifen als Männer.

Bisher vermutete man dahinter vor allem soziale Faktoren. Denn Mädchen erfahren eher den „Schokotrost“, das heißt, im Falle etwa eines schmerzhaften Unfalls werden sie durch Eltern und andere Erwachsene öfter durch süße Leckereien getröstet als Jungen. Die werden gerne mit der Formel „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ abgespeist. Die Folge davon sei, so die bisherige Annahme von Psychologen, dass diese Mädchen später als Frauen anfällig dafür sind, sich jedes Mal, wenn sie sich schlecht fühlen, mit einer Süßigkeit versorgen. Die US-Studie bietet nun ein anderes Erklärungsmodell.

Aus der Stressforschung ist bekannt, dass der Mann auf Überforderung eher mit aggressiv machenden Hormonen wie etwa Noradrenalin reagiert, während bei Frauen in den Nebennierenrinden vermehrt entzündungshemmende Corticoide ausschüttet werden. Und weil diese Hormone den Geschmack auf Süßes eichen, greifen gestresste Frauen eher zum Schokoriegel, während gestresste Männer sich vorzugsweise durch Alkohol ruhigstellen, der – zumindest in geringerer Dosierung – ein wirksamer Noradrenalinhemmer ist. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Ernährungsverhalten unter Stress haben also ebenfalls physiologische Ursachen.

Wozu aber schaltet der Körper den Süßhunger ein? Eine mögliche Erklärung wäre, dass er dem Gehirn die Versorgung mit seinem Haupttreibstoff, Zucker, sichern will. „Unter akutem Stress braucht das Gehirn zwölf Prozent mehr Energie, und die erhält es am schnellsten über den Zucker“, erklärt Diabetologe Achim Peters von der Universität Lübeck, der davon überzeugt ist, dass das Gehirn als „selfish brain“ egoistisch genug ist, seine Zuckeransprüche gnadenlos, zur Not auch gegenüber allen anderen Organen, durchzusetzen.

Eine andere Erklärung haben Forscher in den Labors der University of Cincinnati gefunden. Demnach dient eine erhöhte Zuckerzufuhr dazu, einen dauerhaften Anstieg des Corticoidpegels im Körper zu verhindern. Der kann die Hirnzellen und ihre Verbindungen schädigen. Die Forscher konnten jedoch feststellen, dass sofort weniger Cortisol im Körper kursiert, wenn man ihn mit reichlich Zucker versorgt. Die genauen Mechanismen dahinter sind zwar noch unbekannt, aber im Versuch an Ratten offenbarte sich Zuckerwasser geradezu als Erste-Hilfe-Medikament gegen erhöhte Corticoidspiegel im Blut.

Ein Zuckerersatz allerdings hilft nicht. Kredenzt man Nagern künstlich gesüßtes Wasser, so veränderte das den Corticoidpegel nicht. „Es müssen schon echte Zuckersnacks sein“, betont Studienleiterin Yvonne Ulrich-Lai. Wer also unter Stress plötzlich Heißhunger auf Süßes verspürt, sollte ihn nicht durch Diätprodukte befriedigen. Das wäre zwar günstig für die Körperkonturen, aber möglicherweise schlecht für das Gehirn.

Nicht nur Stress, sondern auch andere Lebensumstände schlagen auf den Appetit: etwa das Verliebtsein. Im Bremerhavener ttz-Sensoriklabor schnitten Personen, die sich vorher in einem Fragebogen als frisch verliebt geoutet hatten, in einem Geschmackstest geradezu erbärmlich ab. Sie reagierten auf bittere Lösungen ausgesprochen unempfindlich, und auch das Süße erkannten sie oft erst in höherer Konzentration als die weniger verliebten Probanden.

Verliebte verlieren den Geschmack

Die Bremerhavener Wissenschaftler sehen die Ursache in dem Hirnbotenstoff Serotonin, der beim Empfinden von Süßem und Bitterem eine Schlüsselfunktion ausübt. „Der geschmackliche Impuls bei der Wahrnehmung dieser Ausprägungen war umso schwächer, je weniger Serotonin die Tester im Blut hatten“, erklärt ttz-Biochemiker Mark Lohmann. Bei der Wahrnehmung von Salzigem und Umami spiele das Hormon hingegen kaum eine Rolle. „Dies könnte erklären, warum die Erkennung dieser Geschmacksarten bei Verliebten nicht beeinträchtigt ist.“

Aus Sicht der Evolution bleibt der Bitter- und Süßverlust ein Rätsel. Denn biologisch gesehen bereiten sich verliebte Paare auf eine Familiengründung vor, für die man viele Energien und somit viel Zucker braucht. Als angehende Eltern sollten sie auch sensibel für bittere Speisen sein, da diese häufig giftig sind. Aber nicht nur die Liebe, sondern auch Depressionen schränken das Empfinden für süß und bitter ein. Das Leben verliert an Geschmack.