Psychologie

Moral ist ansteckend

Menschen tun gern Gutes, wenn sie selbst vorher beglückt worden sind

Moralisches Verhalten von Menschen zu erfassen ist eine ziemliche Mammutaufgabe. Es lässt sich nur schwer testen, denn was moralisch ist und was nicht, darüber gibt es fast so viele Auffassungen wie es Menschen gibt. Was genau soll man also überprüfen? Das Einzige, was zuverlässig moralischen Konsens produziert ist die Tötung von Menschen – Wissenschaftler haben deswegen ihre Versuchspersonen hypothetische Dilemmas lösen lassen, in denen sie gezwungen waren, über Leben und Tod Anderer zu entscheiden.

Mit dem wirklichen Leben hat das für die meisten Probanden aber natürlich so gut wie nichts zu tun. Wilhelm Hofmann von der Universität Köln hat sich deshalb etwas anderes einfallen lassen, um moralisches Verhalten und moralische Grundsätze von Menschen zu verstehen. Der Psychologe beschreibt in der Studie mit dem schönen Namen „Moral im Alltag“, wie er zusammen mit Kollegen eine App für Smartphones entwickelte und sie dann auch 1200 Versuchspersonen erfolgreich unterjubelte.

Die App forderte die Probanden drei Tage in Folge fünf Mal am Tag dazu auf, über moralisches oder unmoralisches Verhalten innerhalb der letzten Stunde zu berichten – jenes, das sie beobachtet hatten, jenes, das ihnen zuteil wurde, jenes, über das sie etwas gelernt hatten oder jenes, das sie selbst ausgeführt hatten. So stellte Hofmann sicher, dass jeder nur das notierte, was für ihn persönlich ein Akt der Moral war oder eben gerade nicht.

Eine Tat am Tag

Dabei kam überraschend heraus: Moral ist durchaus ansteckend. Wem etwa selbstlos geholfen wurde, der war nicht nur dankbar, sondern half im Verlauf des Tages auch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit selbst jemand anderem. Allerdings galt das nur, wenn derjenige nicht schon zuvor geholfen hatte. Im Gegenteil führte eine frühere gute Tat dazu, sich später doch eher unmoralisch zu verhalten, denn schließlich hatte man ja bereits Gutes geleistet.

Hofmann fand aber noch etwas anderes heraus. Menschen haben eine Tendenz, sich selbst als moralisch einwandfreiere Person zu sehen als andere. Sie berichteten mehr über eigene gute Taten und mehr über unmoralisches Verhalten Anderer. Man könnte etwas überspitzt auch sagen: der moralische Alltag der meisten bestand darin, sich die eigenen Glanzleistungen vor Augen zu führen, und gleichzeitig auf die schlechten Taten der Anderen hinzuweisen.

Das klingt nicht sonderlich schmeichelhaft, hat aber zumindest aus evolutionärer Sicht durchaus gute Gründe. Denn um zu wissen, wem man trauen kann, ist es wichtig, Unehrlichkeit oder Egoismus der Mitmenschen schnellst möglichst zu entlarven, und Informationen über unehrenhaftes Verhalten über Klatsch und Tratsch an jene weiterzuverbreiten, die man schützen möchte. Für das eigene Selbstbild aber ist es besser, die eigene moralische Unbeflecktheit zu verteidigen – und eventuelle Ausrutscher als Ausnahme zu sehen, die eigentlich nur die Norm bestätigen.