Technisierung

Mensch oder Maschine?

Cyborgs sind bald keine Vision mehr. Augen mit Zoomfunktion und künstliche Arme sollen den Menschen optimieren. Für Ethiker ein Horror

Enno Park zeigt auf seinen mächtigen Oberarm. „Hier kommt er rein“, sagt der stämmige Mann. „Er“, das ist ein Vibrationswecker, den Park sich unter die Haut implantieren lassen möchte. Die Krankengeschichte des Berliner Wirtschaftsinformatikers lässt ihm keine andere Wahl. Park ist seit einer Masernerkrankung vor 25 Jahren fast taub. Nur zehn Prozent seines Hörvermögens sind ihm geblieben. Erst mithilfe eines sogenannten Cochlea-Implantats konnte er erstmals etwas hören. Ein Cochlea-Implantat ist eine Hörprothese: Ein Mikrofon nimmt die Umgebungsgeräusche auf, ein Sprachprozessor wandelt sie in elektrische Signale um und leitet sie direkt in den noch intakten Hörnerv. Damit können auch Gehörlose nahezu alle Geräusche um sie herum wahrnehmen. Die beiden Sendespulen des Hightech-Hörgeräts trägt Park hinter den Ohrmuscheln. Wenn er sich abends schlafen legt, nimmt er die Sendespulen ab. Und dann herrscht so eine Stille, dass kein noch so schriller Alarm ihn wach bekommt. Deshalb kam Park auf die Idee mit dem Vibrationswecker. Wenn es in seinem Oberarm brummt, werde ihn das aus dem Schlaf reißen. Und was spreche schon dagegen, sich noch ein zweites Hilfsgerät zu implantieren?

Den Körper aufrüsten

Überhaupt hat der 40-Jährige noch einiges vor. Er möchte seinen Körper Stück für Stück mit Technik aufrüsten. Wenn das mit dem Wecker geklappt hat, dann kann er sich vorstellen, einen Funkchip zwischen Daumen und Zeigefinger einpflanzen zu lassen: „Damit ließe sich das Smartphone automatisch entsperren und so einstellen, dass nur noch ich es benutzen kann.“

Die Technisierung des Menschen ist ein Projekt, an dem viele Wissenschaftler arbeiten. Ihr Ziel ist die Mensch-Maschine, das Beste aus zwei Welten, der Cyborg. Das klingt monströs, doch ein Cyborg muss nicht immer ein „Terminator“ oder „Robocop“ sein. Auch Patienten mit Prothesen, gelaserten Augen oder Herzschrittmachern gehören dazu, selbst Träger von Google Glass. Einige Wissenschaftler und Tüftler allerdings wollen mehr als nur Ersatzteile schaffen: Warum nur Defizite beheben, warum nicht auch gesunde Menschen optimieren, fragen sie. Über die Grenze dieser Eingriffe wird heftig gestritten. Wo genau sie verläuft, sei gesellschaftlich noch nicht ausgehandelt, sagt Karsten Weber, Professor für Allgemeine Technikwissenschaften an der TU Cottbus-Senftenberg.

Der Begriff Cyborg setzt sich zusammen aus ‚cybernetic organism‘, kybernetischer Organismus. Kybernetik ist die Lehre von der Steuerung von Maschinen und Organismen. Cyborgs sind Mischwesen aus Lebendigem und technischem Material. Und wie viel Technik verträgt der Mensch, physisch und moralisch? Es gibt sehr verschiedene Formen der Eingriffe. Und viele dieser ethischen Unterschiede, sagt Weber, erfasse man eher gefühlsmäßig: „Ein Programmierer zum Beispiel lässt sich seinen abgerissenen Arm durch eine Prothese ersetzen, um wieder seiner Arbeit nachgehen zu können.“ Das würden viele Menschen nachvollziehen können und akzeptieren. Das sei aber etwas anderes, als wenn Ärzte einen Sportler ohne medizinischen Grund mit Roboterbeinen versähen, nur damit er schneller laufen kann. „Dafür hätten nur wenige Verständnis.“

Auch Laien können sich schon bald ein Bild davon machen, was in dem Forschungsfeld technisch möglich ist. Wenn am 12. Juni um 22 Uhr die Fußball-WM eröffnet wird, dann sehen Millionen von Fernsehzuschauern einen Cyborg in Aktion. Ein Querschnittsgelähmter wird auf dem Platz der Arena de São Paulo stehen. Dass er sich langsam Richtung Ball bewegt und mit seinem Kick das Turnier eröffnet, verdankt er seiner technischen Ausrüstung. Er trägt ein Exoskelett, wie eine Rüstung umgibt es seinen Körper. Elektroden erfassen seine Gehirnsignale, sie erkennen, welche Muskeln er bewegen möchte.

Die Sinne verfeinern

Auch die Sinne lassen sich technisch verfeinern. Es gibt nicht nur Prothesen wie das Cochlea-Implantat, das Enno Park wieder hören lässt, sondern auch Geräte, mit denen herkömmliche Sinneswahrnehmungen gesteigert werden können. Forscher der Princeton University haben ein künstliches Ohr entwickelt, das deutlich besser hört als das menschliche. Im Innern arbeitet eine Antenne, die zudem Ultraschall empfangen kann – so wie es Fledermäusen auch möglich ist. Linsen, mit denen der Träger Infrarotlicht wahrnimmt und somit im Dunklen sehen kann, sollen demnächst auf den Markt kommen. Mit anderen Linsen wird es möglich sein, in Bereiche des Blickfelds zu zoomen.

Das interessanteste, aber auch umstrittenste Forschungsfeld ist die direkte Verbindung zwischen Technik und Gehirn. Kern der Verfahren sind Brain-Machine-Interfaces, Schnittstellen zwischen Gehirn und Maschine. Darüber läuft zum Beispiel die Steuerung durch Gedanken ab, wie etwa beim Exoskelett, das gelähmte Menschen dirigieren. Ganz so einfach ist das Anzapfen des Gehirns jedoch nicht: Die Operationen sind riskant, eingeführte Elektroden könnten die Nerven schädigen. Auch bleibt immer ein – kleines – Loch für das Datenkabel. Darüber könnten Bakterien eindringen und zu einer Hirnhautentzündung führen.

Wenn der Eingriff ins Gehirn möglich ist, scheint es nicht mehr weit zur Fernsteuerung von Lebewesen. Bei Tieren ist das mit technischer Hilfe schon Realität. Forscher können Mäuse auf Knopfdruck einschlafen lassen und Insekten dirigieren. Beim US-Unternehmen Backyard Brains gibt es eine Robo-Schabe zu kaufen. Das Krabbeltier trägt eine Kontrolleinheit auf dem Rücken und lässt sich per Smartphone in die gewünschte Richtung steuern.

Für Christof Niemeyer vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gehören die ferngesteuerten Schaben zu einer „hoch umstrittenen“ Entwicklung. Die prompt die Frage aufwirft, ob Gehirnmanipulation auch beim Menschen möglich sei. „Denkbar ist das schon, es gibt da jedoch viele technische Hindernisse, die dem entgegenstehen. Davon sind wir noch sehr, sehr weit entfernt“, sagt Niemeyer. Es dürfte auch massive Sicherheitsprobleme geben. Schließlich lässt sich jede Technik durch Unbefugte manipulieren. Hacker haben bereits gezeigt, dass sie über ein Funknetzwerk erreichbare Insulinpumpen manipulieren können. Das könnte für den Patienten tödlich enden. Die ethischen Probleme, die das mit sich brächte, werden heiß diskutiert. Gelten für die Mischwesen auch die Menschenrechte? Wird es eine Verpflichtung geben, sich technisch zu verbessern? „Heikel wäre es zum Beispiel, wenn ein Arbeitgeber von seinen Mitarbeitern verlangte, dass sie sich technisch aufrüsten, um mehr leisten zu können“, sagt Technikethik-Experte Weber.