Phänomene

Mysteriöses Licht

In einem Tal in Norwegen fasziniert ein spukhaftes Leuchten Bewohner und Besucher. Jetzt werden die Ursachen ergründet

Hessdalen ist ein kleines Hochtal in Mittelnorwegen, es gehört zur Gemeinde Holtålen. Behutsam schlängelt sich das Flüsschen Hesja durch Felder und Wald. Rund 150 Menschen leben hier. Ruhig ist es, fast langweilig. Nachts aber wird es richtig spannend. Denn dann kehrt der Spuk ein.

In der Dunkelheit tauchen unerklärliche Lichtphänomene auf, schon seit 200 Jahren wird davon berichtet. Hunderte Einwohner und Touristen haben sie gesehen. Leuchtende Kugeln, die nachts über die Wipfel rasen. Kurz aufblinkende Lichter am Boden. Lange in der Luft stehende oder sich langsam und ungerichtet bewegende Kugeln, in deren Innerem sich eine Struktur formt. Kleine zuckende Lichtblitze, aber auch Pkw-große Leuchtbälle, die bis zu zwei Stunden lang am Himmel stehen.

Die Phänomene passen in keine Kategorie und lassen sich wissenschaftlich bislang nicht erklären. Wohl gerade deshalb sind die Lichter unter Ufo-Fans berühmt, es gibt nicht viele Orte, an denen regelmäßig Mysteriöses passiert. Aber auch Physiker sind begeistert.

Erste wissenschaftliche Untersuchungen der Lichter führte Erling Strand, ein Computeringenieur vom Østfold University College, durch. Er hatte 1982 aus der Presse von den „Ufos aus Hessdalen“ gehört. Mit befreundeten Physikern gründete er das „Projekt Hessdalen“. In ihrem ersten Sommer konnten die Forscher 188 merkwürdige Lichter im Tal filmen, von denen sich 53 hinterher nicht als Autoscheinwerfer oder Beleuchtung von Gebäuden enttarnen ließen. Das Fazit: Es gibt das Phänomen wirklich, die Hessdalen-Lichter sind keine Spinnerei.

Aber was steckt hinter den Geisterlichtern? Die Forscher feuerten mit Lasern auf die Lichtkugeln und versuchten, ihr Spektrum zu bestimmen. Sie analysierten ihre Bewegungen und Geschwindigkeiten und führten eine Reihe anderer Tests durch. Es gab den Versuch, seismische Aktivität mit den Erscheinungen in Zusammenhang zu bringen oder auch die Radioaktivität des umgebenden Gesteins. Fehlanzeige. Es wurde ruhig um die Lichter im hohen Norden. Um dennoch mehr über sie herauszufinden, richten Forscher regelmäßig „Science-Camps“ ein, in denen Jugendliche beim Datensammeln helfen. Die Lichter werden weiterhin untersucht – doch die Forscher verzweifeln auch darüber, dass sie sich der wissenschaftlichen Erklärung so standhaft entziehen.

Die beiden italienischen Forscher Jader Monari und Romano Serra haben sich auf die Geologie des Hessdalen-Tales spezialisiert. Hier, im Gestein der Region, suchen sie nach einer Erklärung für die Lichtphänomene. Die Forscher präsentieren eine erstaunliche Hypothese: Das idyllische Tal Hessdalen soll eine Art natürliche Batterie sein. Und die Phänomene haben etwas mit Plasmaphysik zu tun.

Plasmen bestehen aus einem Gemisch geladener Teilchen, also Ionen und Elektronen. Je nach Zusammensetzung des Plasmas kann es Licht abstrahlen, wenn die entgegengesetzt geladenen Partikel zueinanderfinden und sich ihre Ladungen neutralisieren. Sind die Umgebungstemperaturen niedrig, senden sie unter Umständen auch kein Licht aus.

Hessdalen ist ein geologischer Sonderfall: Das Gestein in den Hängen der einen Talseite ist kupferhaltig, das auf der Talseite enthält viel Zink und Eisen. Am Fuße des Tales fließt der Fluss Hesja, dessen Wasser relativ viel Schwefel enthält, der aus geschlossenen Minen aussickert. „Das Tal wird so zu einer perfekten Batterie“, schreiben die Italiener.

Energie einer natürlichen Batterie

Im vergangenen Sommer wollten die beiden ihre Batterie-Hypothese testen. Sie stellten zwei Felsbrocken von den beiden Hängen des Tales in den Hesja. Tatsächlich konnten sie zwischen den Felsen eine Spannung messen. „Diese natürliche Batterie erzeugte genügend Energie, um damit eine Lampe zu betreiben“, ist Monari überzeugt. Nach seiner These können dadurch Plasmablasen entstehen. Zudem erzeuge die „Batterie“ elektromagnetische Feldlinien, an denen entlang sich die Blasen bewegen.

Existiert im Norden Norwegens also tatsächlich eine riesige natürliche Batterie? Warum tauchen die Lichter dann aber nicht nur am Fluss zwischen den Hängen auf, sondern auch weiter oben, dort also, wo nach der Theorie keine Plasmablasen an Feldlinien entlangrutschen können? Eine stichhaltige Erklärung gibt es dafür nicht.

Björn Gitle Hauge, der am norwegischen Hessdalen-Projekt mitarbeitet, sagte der Zeitschrift „New Scientist“, dass sich mit der Batterie-Theorie keinesfalls alle Fragen klären ließen. Er vermutet, dass Sonnenstürme etwas mit den Phänomenen zu tun haben könnten. 2007 habe es in Hessdalen eine Schar von Lichtern gegeben, die etwa eine halbe Stunde nach einem großen Nordlicht aufgetreten sind. 2010 hätten Forscher die Geisterlichter während eines grünen Polarlichtes gefilmt. Bei einer solchen Aurora borealis treffen geladene Partikel der Sonnenstürme auf die Atmosphäre und lassen sie leuchten. Hauge will dieser Spur nachgehen. Vorerst aber behält Hessdalen sein Mysterium.