Geduld

Alles erreichen mit Selbstdisziplin

Studien zeigen: Wer verzichten kann und hartnäckig bleibt, ist erfolgreicher und lebt gesünder

Ende der 60er-Jahre wollte Walter Mischel, Psychologe an der Stanford University, entschlüsseln, wie Willenskraft entsteht. Der gebürtige Österreicher lud 500 Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren zum Experiment. Er setzte sie einzeln in einem Raum an einen Tisch. Darauf stand ein Teller mit einem Marshmallow. Dann erklärte er dem Kind, dass es den Marshmallow gleich essen könne – oder dass es eine Weile warten könnte und dafür später zwei bekommen würde. Er müsste kurz etwas erledigen und sei bald wieder da. Dann verließ er den Raum und beobachtete, was die Kinder anstellten.

Einige schafften es zu warten. Andere konnten oder wollten nicht – das süße Stück war weg, als Mischel zurückkam. Als der Psychologe die Kinder 13 Jahre später nochmals einlud, gab es erstaunliche Ergebnisse. Jene, die im Vorschulalter hatten warten können, waren als Jugendliche zielstrebiger und erfolgreicher in Schule und Ausbildung. Außerdem konnten sie besser mit Rückschlägen umgehen, wurden als sozial kompetenter beurteilt und waren emotional stabiler als jene, die dem Marshmallow damals nicht hatten widerstehen können – obwohl sie ebenso intelligent waren.

Heute ist klar, dass Mischel mehr als nur Willenskraft gemessen hat. Matthias Sutter vom Europäischen Hochschulinstitut in Florenz nennt das Glück bringende Gemisch aus Selbstkontrolle, Frustrationstoleranz und Ausdauer in seinem neuen Buch schlicht: Geduld. In „Die Entdeckung der Geduld – Ausdauer schlägt Talent“ geht Sutter der Frage nach, was die Forschungserkenntnisse für eine Gesellschaft bedeuten. „Als Ökonom ist mein Verständnis von Geduld im Grunde ganz einfach“, sagt er. „Geduld heißt: Ich verzichte auf heutigen Konsum, um in der Zukunft mehr davon zu haben. Wir investieren heute in Bildung, damit wir morgen bessere Berufschancen haben, wir sparen heute, damit wir in der Zukunft eine Rente haben, wir investieren heute, damit wir morgen mehr produzieren können.“

Ungeduldige geben schneller auf

Sutter zeigt, wie Menschen, die bereits als Kinder ungeduldig sind und eine sofortige Belohnung einer in der Zukunft vorziehen, mit den Untiefen des Lebens umgehen. So haben die Ungeduldigen später durch ein kürzere Ausbildungszeit ein geringeres Einkommen und sie tendieren mehr dazu, nur wenig zu sparen und stattdessen Schulden anzuhäufen. Außerdem geben sie bei Jobproblemen schneller auf. Werden sie arbeitslos, wenden sie weniger Kraft für die Jobsuche auf und bleiben länger arbeitslos. All das verursacht individuelle Probleme und belastet die Wirtschaft und die Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft.

Wie Sutter in eigenen Experimenten zeigen konnte, geben Ungeduldige mit höherer Wahrscheinlichkeit Geld für Zigaretten und Alkohol aus als Geduldige. Und auch bei sportlicher Betätigung, Essverhalten und Übergewicht schneiden die Ungeduldigen schlechter ab. Angesichts der Liste von Konsequenzen scheint Geduld eine geradezu schicksalsbestimmende Eigenschaft zu sein. Aber woher kommt sie? Mischel fand Indizien für die Vermutung, dass Geduld zumindest teilweise genetisch veranlagt ist. Er fand heraus, dass sich ein hohes Maß an Selbstkontrolle aus der Gehirnaktivität ablesen lässt. Teilnehmer mit guter Selbstkontrolle nutzen ihre neuronalen Netzwerke effizienter als jene mit geringerer Selbstkontrolle. Eine andere Untersuchung aus New York hat gezeigt, dass Kinder mit weniger Geduld bis ins Erwachsenenalter mehr Zeit benötigen, um irrelevante Informationen beiseitezuschieben und dabei mehr Fehler machen. Dem liege mangelnde Selbstkontrolle zugrunde, so die Forscher.

Doch die Genetik ist nicht alles. Matthias Sutters eigene Studien an Schulkindern etwa zeigten ein interessantes Muster. Die Anzahl der Kinder, die unabhängig vom genauen Testaufbau nie auf Belohnungen warten wollen, nimmt von der ersten bis zur fünften Klasse ab – ein Hinweis darauf, dass Kinder mit zunehmendem Alter lernen, dass sich Warten lohnen kann. Ernst Fehr von der Universität Zürich, belegte in seinen Untersuchungen außerdem, dass das Elternhaus der Kinder einen Einfluss darauf hat, wie geduldig diese werden.

In aller Regel, so sein Ergebnis, werden Kinder genauso geduldig oder ungeduldig wie ihre Eltern. Nach einer Studie von Celeste Kidd von der Rochester University in New York lernen Kinder in einem unzuverlässigen Umfeld Ungeduld geradezu. Denn auf eine versprochene Belohnung zu warten, die dann vielleicht gar nicht kommt, ist wenig sinnvoll. Sie zeigte: Ein Hinweis zur Verlässlichkeit des Umfeldes kann die Wartezeit von Kindern verdoppeln – oder halbieren.

Solche Befunde findet Matthias Sutter ermutigend. „Wir haben ja alle unsere abgebrochenen Projekte, wo man später denkt: Warum habe ich das eigentlich nicht fertig gemacht?“. Niemand schaffe es immer, geduldig zu sein. Aber dass man Geduld trainieren kann, daran glaubt er fest. Das sei ein Unterschied zum Intelligenzquotienten. „Den IQ und auch das elterliche Umfeld kann man nicht einfach ändern, das ist ja nun einmal so“, sagt er. „Aber Geduld ist erlernbar – und kann schlechtere Startbedingungen im Leben kompensieren.“

Konzentration auf späteren Lohn

Man könne auch Anreize im System schaffen, um es Menschen zu erleichtern, geduldig zu sein. Etwa wenn beim Eintritt in ein Unternehmen ein bestimmter Prozentsatz des Bruttolohnes standardmäßig für die Altersvorsorge einbehalten werde, würden deutlich mehr Menschen sparen, als wenn sie sich aktiv darum bemühen müssten. Muss sich der Arbeitnehmer aber aktiv um seine Altersvorsorge kümmern, melden sich nur etwa 30 Prozent an.

Dass Menschen ihre eigenen Wege finden, Zeiten der Entbehrungen für einen späteren Erfolg zu überbrücken, war bereits bei den Marshmallow-Kindern zu beobachten. Sie alle nutzen die gleichen Methoden wie Erwachsene, nämlich Ablenkung und die Konzentration auf die Belohnung – aber jedes Kind erreichte das anders. Manche sangen, standen vom Tisch auf und redeten sich selbst gut zu, versteckten den Marshmallow oder hielten sogar ein Nickerchen.

Und die ganz Gerissenen knabberten den Marshmallow an der Unterseite ein wenig an und legten ihn zurück auf den Teller. Man muss ja schließlich wissen, worauf man wartet.