Medizin

Ein Nobelpreisträger wird Berliner

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Wolfgang W. Merkel

Die Charité bekommt Verstärkung von dem US-Spitzenforscher Thomas Südhof. Sein Schwerpunkt wird Autismus sein

Die Hirnforschung in Berlin bekommt einen herausragenden Unterstützer. Thomas Südhof, renommierter Hirnforscher von der Stanford University in Kalifornien und Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 2013, kommt für drei Jahre als Gastwissenschaftler („Visiting Fellow“) nach Berlin. Das haben das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG) und die Stiftung Charité am Donnerstag bekannt gegeben.

Südhof, der in Göttingen geboren ist und mit einer kurzen Unterbrechung seit gut 30 Jahren in den USA forscht, wird voraussichtlich ab Herbst eine Arbeitsgruppe auf dem Campus der Charité in Berlin-Mitte betreuen und mit seinen Aktivitäten in Stanford koordinieren. Dazu wird er zwischen beiden Standorten pendeln. In Berlin wird er eng mit dem Charité-Hirnforscher Professor Christian Rosenmund zusammenarbeiten. Beide kennen sich schon seit 17 Jahren und haben sich oft ausgetauscht, unter anderem in der Zeit, als auch Rosenmund in den USA forschte.

Nun soll die Kooperation noch enger werden. Eine Verlängerung des Aufenthalts in der Hauptstadt um weitere drei Jahre oder einen dauerhaften Verbleib des Spitzenforschers halten sich beide Seiten offen. Südhof erhält für sein Engagement in Berlin und für seine Aufwendungen pro Jahr 150.000 Euro.

Thomas Südhof hatte im vergangenen Dezember gemeinsam mit zwei US-Kollegen den Medizin-Nobelpreis erhalten. In seinen Arbeiten befasst er sich mit der Frage, wie Körperzellen es schaffen, die vielfältigen in ihrem Inneren produzierten Substanzen zu transportieren und stets zur richtigen Zeit an den richtigen Ort innerhalb der Zelle zu bringen.

Gast für drei Jahre

Südhof ist formal Gast des BIG. Das Institut möchte die Kooperation mit auswärtigen Spitzenwissenschaftlern auf mehreren Feldern etablieren. Da kommt es sehr gelegen, dass die noch junge Einrichtung gleich einen Nobelpreisträger in die Hauptstadt ziehen konnte. „Das Schöne ist, dass der erste Fellow am BIG jemand ist, dessen Reputation außer Zweifel steht“, sagte Professor Jürgen Zöllner, ehemaliger Wissenschaftssenator und derzeitiger Vorstand der Stiftung Charité. Der BIG-Vorstandsvorsitzende Professor Ernst Rietschel ergänzte: „Das könnte ein Präzedenzfall sein für die zukünftige Rekrutierung von Spitzenforschern. Das macht uns am BIG Mut, dass es für solche Personen attraktiv ist, nach Berlin zu kommen.“

Südhofs Berliner Kooperationspartner, Professor Christian Rosenmund, ist Sprecher des Exzellenzclusters „Neurocure“. Solche Exzellenzcluster bringen herausragende Forscher zu einem Thema von großer wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Relevanz zusammen. „Wir wollen in unserer Arbeit herausfinden, wie die Kontaktstellen der Gehirnzellen, die Synapsen, funktionieren. Für Südhof ist das hier eine interessante Landschaft von Forschern, die alle mit Synapsen arbeiten“, sagt der Hirnforscher. Diese Aufgabenstellung soll verbunden werden mit dem Thema Autismus und mit der Frage, welche genetischen Grundlagen diese Entwicklungsstörung hat.

Außerdem verfügt Südhofs Stanforder Arbeitsgruppe über herausragende Kenntnisse darüber, wie „normale“ Körperzellen, etwa aus der Haut, in einen Urzustand ähnlich dem eines Embryos zurückprogrammiert werden können. Aus diesen „induzierten pluripotenten Stammzellen“ (iPS) können Biologen eine Vielzahl spezialisierter Zellen züchten, etwa Herzmuskel- oder Leberzellen. Diese iPS könnten aber auch in der Hirnforschung und für die Therapie von Krankheiten und Störungen des Gehirns interessant werden. „Diese Technologie wollen wir in Berlin etablieren“, sagte Rosenmund.

Es sei nicht einfach gewesen, Südhof nach Berlin zu holen, so der Charité-Forscher. Auch wenn er die drei Jahre nicht komplett in Deutschland verbringe, sondern pendele, habe er doch weiterhin eine Arbeitsgruppe in Stanford von 30 bis 40 Forschern zu betreuen. Nicht zuletzt seien dort Frau und Kinder, seine Frau arbeite ebenfalls als Hirnforscherin. „Er sieht aber, dass in Berlin wissenschaftlich viel passiert. Die treibende Kraft für seine Zusage waren die guten Arbeitsmöglichkeiten, von denen er inhaltlich profitieren kann.“ BIG-Vorstandsvorsitzender Rietschel stellt klar, dass die Kooperation mit Südhof keine Einbahnstraße sein wird: „Leute aus Berlin werden in Stanford die Stammzelltechnologie erlernen, und junge Forscher beider Seiten werden zwischen Stanford und Berlin pendeln.“

So lange arbeiten wie möglich

Die Krönung aus Berliner Sicht wäre, wenn Südhof sich entschließen könnte, ganz in Berlin zu bleiben und an der Charité zu forschen. Eine nicht allzu realistische Option, bietet Stanford doch als Top-Universität weltweit geradezu paradiesische Arbeitsmöglichkeiten für Spitzenforscher. Das ist ein generelles Problem für den hiesigen Forschungsstandort, befand gerade erst die Expertenkommission Forschung und Innovation. „Zu wenige der besten Wissenschaftler können gehalten oder zurückgeholt werden. Insbesondere für diese Spitzenwissenschaftler ist das deutsche Forschungssystem derzeit nicht attraktiv genug“, heißt es in einem Gutachten, das am Mittwoch an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben wurde.

„Der Tenor, dass wir die Besten verlieren und nicht wieder zurückbekommen, ist falsch. Deutschland hat sich als Wissenschaftsstandort in den letzten Jahren hervorragend entwickelt“, entgegnet indes BIG-Chef Rietschel. Wer weiß, vielleicht überlegt es sich Thomas Südhof tatsächlich. „Er mag Berlin sehr gerne“, weiß sein Kollege Rosenmund. Nachdem er für den Nobelpreis nominiert worden war, sagte er dem „Spiegel“, er würde „wirklich sehr gern wieder zurück nach Deutschland kommen, schon damit meine beiden kleinen Kinder auch die Sprache lernen können“. Auch er glaube, dass die deutsche Forschungslandschaft mittlerweile ausgezeichnet sei.

Eines spreche aber gegen seine Rückkehr: sein Alter. In Deutschland würde er wohl mit 65 zwangsweise in den Ruhestand geschickt. Er würde aber gern so lange wie möglich forschen. „In den USA geht das“, so Südhof im „Spiegel“. Möglicherweise verändern sich hierzulande aber die restriktiven Arbeitsgesetze. Auch der deutsche Physik-Nobelpreisträger 2005, Theodor Hänsch, stand kurz nach seiner Preisverleihung vor der Zwangsverrentung. Schließlich fand sich 2006 doch noch eine Lösung für den passionierten Forscher. Er arbeitet bis heute an seinem Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching bei München.