Arzneimittelrückstände

170 Medikamente in Seen und im Trinkwasser nachgewiesen

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Anja Garms

Experten fordern mehr Forschung zu den Auswirkungen

Im Jahr 2012 wurden 1,3 Milliarden Packungen Medikamente in deutschen Apotheken verkauft. Mehr als 3000 Wirkstoffe sind zugelassen. Doch die gute medizinische Versorgung hat auch diese unerwünschte Nebenwirkung: Rückstände der Arzneien finden sich in Gewässern und im Grundwasser und in Spuren sogar im Trinkwasser.

Viele Wirkstoffe werden vom Körper unvollständig aufgenommen. Ein Teil von ihnen – oder auch ihre Stoffwechselprodukte – werden wieder ausgeschieden und gelangen so ins Abwasser. Außerdem kippen viele Menschen alte Medikamente einfach in die Toilette oder die Spüle. Viele Arzneistoffe sind chemisch aber sehr stabil. Sie sollen im Körper schließlich nicht zerfallen, bevor sie ihren Wirkort erreicht haben. In der Umwelt wird das zum Problem, da die Stoffe nicht oder nur sehr langsam abgebaut werden. Und auch herkömmliche Kläranlagen entfernen die Rückstände oft nicht oder nicht vollständig aus dem Abwasser. So gelangen sie in die Oberflächengewässer, ins Grundwasser und zum Teil ins Trinkwasser.

Dort findet sich dann „von jeder Sorte etwas“, sagt Uwe Dünnbier. Er fahndet bei den Berliner Wasserbetrieben nach Arzneimittelrückständen im Wasser. Zu den am häufigsten nachgewiesenen und schlecht entfernbaren Stoffen gehören Schmerzmittel wie Diclofenac, die Antiepileptika Carbamazepin und Gabapentin, Betablocker sowie diverse Antibiotika. Von den vielen Wirkstoffen sind laut Umweltbundesamt bislang erst 170 in Oberflächengewässern nachgewiesen worden. Das liegt vor allem daran, dass für jede Substanz ein eigenes Testverfahren entwickelt werden muss.

„Aber die Messmethoden werden immer besser“, sagt Dünnbier. Was auch immer gemessen wird – die Konzentration der Stoffe sei gering: „Wir messen im Nanogramm- oder unteren Mikrogrammbereich“, sagt Dünnbier. Angesichts dieser geringen Belastung sehen viele Experten keine Gefahr für den Menschen. Ein Nanogramm pro Liter – das entspricht der Menge eines Zuckerwürfels in einer Talsperre mit 2,5 Milliarden Litern Fassungsvermögen, sagt etwa der Verband forschender Arzneimittelhersteller in einem Positionspapier. Die gefundenen Rückstände lägen viele Zehnerpotenzen unter der Wirkungsschwelle für den Menschen, und Modellrechnungen zeigten, dass selbst bei lebenslanger „Einnahme“ des Trinkwassers die aufgenommenen Konzentrationen höchstens wenigen Tagesdosen eines Medikaments entsprächen.

Allerdings belegen Studien, dass Fische und andere Wasserlebewesen durchaus unter dem Medikamentenmix im Wasser leiden können. So zeigten schwedische Forscher kürzlich in Laborexperimenten, dass Rückstände des Medikamentes Diazepam zur Therapie von Angststörungen Flussbarsche mutiger machen. Sie verließen ihre Verstecke, waren aktiver und fraßen mehr. Das könne ernste Konsequenzen für das Ökosystem haben, warnten die Forscher. Andere hatten gezeigt, dass umweltrelevante Dosen verschiedener gängiger Medikamente, unter anderem des Schmerzmittels Diclofenac, bei Karpfen und Forellen zu Leber- und Nierenschäden führten.

Noch keine Grenzwerte festgelegt

Im Freiland beobachtete Fruchtbarkeitsstörungen und die Verweiblichung von Fischen und Fröschen führen Experten auf Rückstände von Hormonen im Wasser zurück. Und so bleibt, obwohl bisher keine schädlichen Auswirkungen auf den Menschen festgestellt wurden, ein Unbehagen. „Im Moment weiß das einfach keiner“, sagt Anke Putschew vom Fachbereich Wasserreinhaltung der TU Berlin. Hinzu komme, dass im Wasser oft eine ganze Palette von Stoffen zu finden ist. Wie diese zusammenwirken, sei derzeit völlig unklar. Putschew ist wie viele Experten der Ansicht, dass aufgrund des Vorsorgegebotes Rückstände aus dem Abwasser entfernt werden sollten: „Diese Stoffe gehören einfach nicht dorthin.“

Derzeit gibt es aber keine Grenzwerte für Arzneimittelwirkstoffe in Oberflächengewässern oder Trinkwasser. In der überarbeiteten Richtlinie über Umweltqualitätsnormen der EU sind in diesem Jahr erstmals drei Arzneistoffe in eine sogenannte Beobachtungsliste aufgenommen worden: zwei Hormonpräparate und das Schmerzmittel Diclofenac. Von 2015 an wird die Konzentration dieser Stoffe europaweit an vielen Standorten gemessen. In die „Liste prioritärer Stoffe“ wurden die Stoffe hingegen vorerst nicht aufgenommen. Dies hätte zur Folge gehabt, dass Grenzwerte festgelegt und eingehalten werden müssen.