Ehrenrettung

Neandertaler nutzten Geräte zur Lederbearbeitung

Unsere Verwandten waren offenbar kluge Erfinder

Es sind nur vier winzige Knochenreste, wenige Zentimeter lang und einen Zentimeter breit. Ein Ende ist abgesplittert. Doch die Splitter versetzen Anthropologen in Aufregung, denn ihr anderes Ende ist rund und poliert. Nicht die Kräfte der Natur haben das Ende geschliffen, sondern Menschen – genauer: Neandertaler. Im Südwesten Frankreichs haben Anthropologen in zwei Fundstätten diese Werkzeuge aus Knochen gefunden. Ihr Alter: rund 50.000 Jahre. Die Knochenstäbchen wurden wohl zum Bearbeiten von Leder benutzt.

Die Forscher um Shannon P. McPherron vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig bezeichnen die kleinen Werkzeuge als Lissoirs. Fast baugleiche Exemplare werden noch heute benutzt. Damit wären die Neandertaler-Stäbchen die einzigen Werkzeuge, die bis heute nahezu identisch benutzt werden. Mit den aus Hirschrippen hergestellten Stäbchen haben die Neandertaler wahrscheinlich Leder bearbeitet, sodass es weicher und wasserbeständiger wurde. Analysen zeigen Spuren, die darauf hinweisen, dass weiches Material verarbeitet wurde. Die Frühmenschen hatten sich die Biegsamkeit und Flexibilität der Knochen zunutze gemacht, scheiben die Anthropologen im Journal „PNAS“.

Beide Arten lernten voneinander

Die Funde aus Frankreich dienen der Ehrenrettung der Neandertaler. Diese Menschenart galt lange Zeit als etwas dümmlicher Verwandter von Homo sapiens. Doch mittlerweile mehren sich die Zeichen, dass auch Neandertaler klug waren und kulturelle Fähigkeiten entwickelten – bevor der moderne Mensch nach Europa kam und hier beide Menschenarten einige Zeit gemeinsam lebten. Über diese Zeit wird viel spekuliert. Lange war unklar, wie nahe sich die beiden kamen. Vor drei Jahren belegten Erbgutanalysen, dass ein bis vier Prozent der DNA des modernen Menschen vom Neandertaler stammen. Die beiden kamen sich also ziemlich nahe.

Im vergangenen Sommer stellten ebenfalls Leipziger Forscher ihre Untersuchungsergebnisse aus der Grotte du Renne vor: An dieser Neandertaler-Fundstätte hatten sie Klingen, Knochenwerkzeuge und Schmuck aus Elfenbein gefunden, die so hergestellt worden waren, wie es in dieser Zeit für Homo sapiens charakteristisch war. Der Rückschluss der Forscher war, dass die Neandertaler von Homo sapiens lernten. Die neuen Funde legen nun sogar nahe, dass die Neandertaler als erste Menschen Lissoirs zur Lederbearbeitung herstellten. Die Funde sind älter als die ersten handwerklichen Zeugnisse von Homo sapiens in Europa. Als diese aus Afrika kamen, hatten sie zunächst nur spitze Knochenwerkzeuge. Dann scheinen die kleinen Knochenstäbchen der Neandertaler die modernen Menschen überzeugt zu haben. Homo sapiens fertigte kurz darauf ebenfalls Lissoirs. Es ist nicht auszuschließen, dass sich Homo sapiens Fertigkeiten des Neandertalers zu eigen machte. Der vermeintlich dümmliche Verwandte könnte also durchaus ein begabter Handwerker gewesen sein.