Gesundheit

Brustkrebs: Wie hoch ist das Gen-Risiko wirklich?

Fragen und Antworten zur häufigsten Krebserkrankung bei Frauen

Brustkrebs bedeutet heute nicht mehr unbedingt ein Todesurteil – die meisten Betroffenen können, wenn die Krankheit im Anfangsstadium behandelt wird, wieder geheilt werden. In Deutschland und anderen Ländern der industrialisierten Welt ist Brustkrebs dennoch die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Für 2012 gehen die deutschen Krebsregister von rund 74.500 neu erkrankten Frauen aus, rund 17.000 Frauen starben im gleichen Jahr daran. Die Ursachen sind sehr komplex. Einflüsse der weiblichen Geschlechtshormone und des Lebensstils sowie das Alter gehören zu den beeinflussenden Faktoren. Auch die Gene spielen eine Rolle. Aber nur bei einem Teil aller Betroffenen gibt es eine eindeutig erbliche Veranlagung. Diese liegt bei der US-Schauspielerin Angelina Jolie offenbar vor. Das hat sie zu dem drastischen Schritt der Brustamputation veranlasst. Doch gab es dazu keine Alternative? Und wie hoch ist eigentlich das eigene Risiko, defekte Gene in sich zu tragen? Die wichtigsten Fragen zu diesem Thema – beantwortet von Experten:

Was bedeutet es, ein defektes BRCA1-Gen in sich zu tragen, wie es bei Angelina Jolie der Fall ist?

Normale BRCA1-Gene sind an der Kontrolle des Zellwachstums und der Zellteilung beteiligt, erklärt Nina Ditsch, Oberärztin der Frauenklinik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Wenn sich dieses Gen aber verändert, also mutiert, kann diese normale Funktion beeinträchtigt werden. Das führt dazu, dass einzelne Zellen unkontrolliert wachsen: Es kann Krebs entstehen. Deshalb haben Frauen mit einer Mutation des BRCA1-Gens ein bis zu 85-prozentiges Risiko, in ihrem Leben an Brustkrebs und ein 40- bis 50-prozentiges Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken.

Ist das Risiko-Gen vererbbar?

„Leider können Frauen das Risiko auch an ihre Kinder weitergeben“, sagt die Ärztin. Wenn eine Frau eine Mutation von BRCA1 in sich trage, sei diese auch zu 50 Prozent vererbbar auf die Kinder. Entsprechend hat offenbar auch Angelina Jolie diesen Gendefekt von ihrer Mutter geerbt. Besorgniserregend sei auch, dass Frauen mit einem vererbten mutierten Gen in der nächsten Generation früher im Leben an Brustkrebs erkranken, erklärt die Expertin. Der Grund dafür seien vermutlich neue Umwelteinflüsse – ganz geklärt sind die Ursachen aber noch nicht.

Wie viele Frauen haben solch eine Genmutation?

„Diese Frage ist leider kaum zu beantworten“, erklärt Wolfgang Janni, ärztlicher Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Ulm. Denn die Zahlen seien nicht genau zu ermitteln. Das liege unter anderem daran, dass die Genuntersuchung nur bei einer kleinen Auswahl von Frauen durchgeführt wird. „Wir denken zwar, dass unter zehn Prozent der Brustkrebserkrankungen genbedingt sind – dennoch ist es wahrscheinlich, dass wir noch nicht alle Gene gefunden haben, die an der Entstehung von Brustkrebs beteiligt sind.“ Es würden ständig neue entdeckt. BRCA-Mutationen gehören jedoch zu den häufigsten Gendefekten, die im Zusammenhang mit Brustkrebs gefunden werden.

Wer sollte einen Gentest machen?

Wenn in der Familie bereits Frauen oder auch Männer an Brustkrebs erkrankt sind, rät der Experte zu einem Gentest, um herauszufinden, ob eine Genmutation vorliegt. Für diesen Test reicht eine Blut- oder Speichelprobe aus.

Liegt ein Gendefekt vor – ist die Brustamputation die beste Lösung?

Hat eine Frau ein mutiertes BRCA1-Gen, wird im Dialog mit der Patientin genau erörtert, welche Maßnahmen getroffen werden können. Dabei ist die psychologische Betreuung der Patientinnen stets sehr wichtig. Denn das Wissen um das eigene Risiko ist eine hohe Belastung – und oft haben diese Frauen ja bereits eine Betroffene in der Familie. „Das hinterlässt natürlich Spuren“, erklärt Mediziner Janni. Meist entscheiden sich die Frauen – zumindest in Deutschland – aber für eine engmaschige Früherkennung und nicht für die vorbeugende Operation. Das heißt, sie unterziehen sich halbjährlich einer Tastuntersuchung der Brüste und gehen im Abstand von genau definierten Intervallen zur Mammografie, zum Ultraschall oder zur Kernspintomografie. Weil eine derartige Früherkennung bei den Eierstöcken nicht möglich ist, so Janni, sei es außerdem ratsam, bei positiv getesteten Patientinnen die Eierstöcke nach dem 40. Lebensjahr zu entfernen. Mit diesen Maßnahmen sei das Risiko, an Brustkrebs zu versterben, bereits stark vermindert, erklärt der Experte.

Wie läuft eine Brustamputation ab?

Wenn die Patientin dies möchte, kann der Brustdrüsenkörper entfernt werden. Das heißt, der Hautmantel um die Brust und auch die Brustwarzen bleiben bestehen, und der Brustdrüsenkörper wird durch ein Implantat ersetzt. Das kosmetische Ergebnis ist meist sehr gut – ein Laie wird häufig keinen Unterschied bemerken, erklärt Janni. Die vorbeugende Operation ist mittlerweile ein Routineeingriff. In den 15 großen Brust- und Eierstockkrebszentren in Deutschland werden diese OPs gleich mehrfach im Monat durchgeführt.

Zahlt die Krankenkasse den Gentest?

Wenn bestimmte Kriterien erfüllt seien, wie zum Beispiel eine familiäre Vorbelastung, übernähmen die Krankenkassen in den allermeisten Fällen die Kosten für einen Gentest sowie alle nachfolgenden Behandlungen, sagt Ann Marini vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV).

Werden auch Kosten einer Brustamputation übernommen?

Werde dann tatsächlich festgestellt, dass ein Gendefekt vorliegt, weist man auch bei der GKV zunächst auf die Alternativen zur Operation, die engmaschige Früherkennung hin. Die Kosten hierfür werden in der Regel übernommen. Entscheidet sich die Betroffene für eine vorbeugende Operation, dann wird auch diese bezahlt, ebenso wie der Wiederaufbau der Brust durch ein Implantat. Der Verband rät, sich für die Beratung und Behandlung an eines der 15 zertifizierten Brust- und Eierstockkrebszentren in Deutschland zu wenden, da Krankenkassen mit diesen Einrichtungen oftmals Einzelverträge abschlossen hätten.

Kann ich Brustkrebs vorbeugen?

Studien gehen davon aus, dass etwa jede zehnte Frau an Brustkrebs erkrankt. Unabhängig davon, ob eine familiäre Vorbelastung vorliegt, lohnt sich also die Vorsorge – siehe Grafik. „Die Forschung arbeitet aktuell daran, die Funktion dieser Gendefekte noch genauer zu verstehen – und auch an entsprechenden Substanzen und Therapien“, erklärt Kerstin Rhiem vom Zentrum familiärer Brustkrebs an der Universität Köln. Weitere Informationen zum Thema erblicher Brustkrebs gibt es im Internet auf dem eigens hierfür gegründeten Netzwerk brca-netzwerk.de.