Gewalt

Leitfaden für Ärzte: Missbrauch von Kindern erkennen

| Lesedauer: 2 Minuten

Hilfe für die Diagnose der behandelnden Mediziner

Ist ein Kind beim Toben gestürzt, oder wurde es mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen? Die Zeichen von Gewaltanwendung bei Kindern sind oft nicht eindeutig. Die Diagnose einer Misshandlung fällt Ärzten deshalb oft sehr schwer. Die behandelnden Mediziner sind in dem Dilemma, den kleinen Patienten schützen zu wollen, ohne aber die Eltern vorzuverurteilen. Ein neuer Ratgeber im Internet soll ihnen nun dabei helfen, Kindesmissbrauch besser zu erkennen.

Der „Ärztliche Leitfaden Kinderschutz“ enthält Tipps für das Erkennen von Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch. Bei einem Verdacht können niedergelassene Kinderärzte sowie Kliniken die niedersächsische Kinderschutzambulanz um Rat fragen. Sie ist am Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover angesiedelt. „Unser Ziel ist die Abklärung von Verdachtsfällen, noch bevor eine Strafanzeige gestellt wurde“, sagt die Leiterin Anette Debertin. Den Ratgeber gab es schon länger – nun wurde er aber erstmals in digitaler Form herausgebracht.

Gespräch mit Eltern suchen

Die Ärztekammer Niedersachsen brachte ihn mit auf den Weg. Vizepräsident Gisbert Voigt, selbst Kinderarzt in Melle bei Osnabrück, rät Kollegen bei einem Misshandlungsverdacht, zunächst das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Erste Ansprechpartner seien in der Regel Beratungsstellen und das örtliche Jugendamt, nicht die Polizei. „Die direkte Strafverfolgung ist nur dann zu rechtfertigen, wenn akute Gefahr für das Leben des Kindes besteht“, sagt Voigt. Bei Gewalt gegen Kinder ist die Dunkelziffer hoch, auch weil die Täter meist in der Familie zu finden sind. Der Vater oder der neue Freund der Mutter kann auch der Peiniger sein.

Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik 2011 werden in Deutschland täglich elf Jungen und Mädchen misshandelt sowie 39 sexuell missbraucht. Drei Kinder sterben jede Woche an den Folgen von Gewalt oder Vernachlässigung. Dabei sind nur die angezeigten Fälle berücksichtigt. „Kleine Kinder können sich nicht wehren, ältere schweigen oft aus Scham“, sagt Debertin. Seit dem offiziellen Start Anfang 2011 ließen sich mehr als 300 Kinder- und Klinikärzte beraten. Befunde, Fotos oder Röntgenbilder können dazu anonymisiert übermittelt werden. Knapp 130 Kinder im Alter von einem Monat bis 18 Jahren wurden bisher von den Rechtsmedizinern untersucht. „In rund 20 Prozent der Fälle bestätigte sich der Verdacht, dann wurden fast immer Ermittlungen eingeleitet“, berichtet Debertin. Rund ein Viertel der Tatverdächtigen wurden dagegen durch die Untersuchung vom Missbrauchsverdacht entlastet. „Rötungen und sogar Blutungen im Genitalbereich können zum Beispiel auch durch Hautkrankheiten verursacht sein.“

( dpa )