Medizin

Meine Niere gehört mir

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Wartelisten-Skandale lassen die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende auf den tiefsten Stand seit Jahren sinken

Nach der Skandalserie in Transplantationszentren ist die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland auf einen dramatischen Tiefstand gefallen. In den ersten drei Monaten 2013 zählte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) nur noch 230 Organspender, 18 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Damit ist der Rückgang in diesem Jahr bisher noch stärker als im Verlauf des vorigen Jahres. 2012 war die Zahl der Menschen, denen nach dem Tod Organe entnommen wurden, um 12,8 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2002 gesunken (siehe Grafik). Das entsprach einem Rückgang um 10,4 Prozent auf 3.511 gespendete Organe. Nach Angaben der Stiftung warten 12.000 Patienten dringend auf ein Spenderorgan.

Ursache der sinkenden Spendenbereitschaft sind die Skandale an vier Transplantationszentren, die von Mitte vorigen Jahres an bekannt wurden. Der Interims-Vorstand der Stiftung Organtransplantation, Rainer Hess, erklärte, das Vertrauen der Bevölkerung in die Transplantationsmedizin sei geschwächt. Es müsse neu erarbeitet werden. „Die breite Verunsicherung hat sich auf vielen Ebenen bemerkbar gemacht, sei es bei Gesprächen am Infotelefon Organspende oder den Rückmeldungen aus den Regionen in der Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern“, so Hess. „Wir appellieren daher an alle Menschen, dass die Organspende nicht an Wert verloren hat.“ Jedes gespendete Organ bedeute für einen Patienten auf der Warteliste, dass er eine Chance zum Weiterleben bekommt. Die Solidarität mit diesen Menschen dürfe nicht verloren gehen, mahnte Hess.

Die Stiftung will künftig eng mit den Krankenhäusern zusammenarbeiten, in denen Organe entnommen werden. Es werde aber wohl bis 2014 dauern, bis es ein funktionierendes System von Transplantationsbeauftragten geben werde, räumte Hess ein. Im Stiftungsrat der DSO, dem die Verbände der Krankenkassen, der Ärzteschaft, der Kliniken und der Transplantationschirurgie angehören, sind künftig der Bund und die Länder mit je zwei Mitgliedern vertreten. Dadurch soll die öffentliche Kontrolle verstärkt werden.

Patientenschützer sind skeptisch

Patientenschützer kritisierten die Strukturveränderungen als unzureichend. Sie entpuppten sich als „bloße Kosmetik“, sagte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Mittwoch. Eine private Organisation werde durch einen öffentlich-rechtlichen Anstrich noch lange keine staatliche Institution: „Mit der Aufnahme weniger Vertreter aus Bundes- und Landesbehörden in den Stiftungsrat kann das nicht erreicht werden.“ Brysch forderte, die DSO aufzulösen und ihre Aufgaben einer staatlichen Institution zu übertragen. „Es ist Zeit, die Koordinierung der Transplantation in Deutschland einer staatlichen Institution zu übertragen“, so Brysch

Auch die Grünen kritisierten die Satzungsänderungen als „reine Kosmetik“. Vier Ministerialbeamte im DSO-Stiftungsrat könnten Skandale auch in Zukunft nicht verhindern, erklärten die Gesundheitsexperten der Bundestagsfraktion, Elisabeth Scharfenberg und Harald Terpe zu den Änderungsvorschläge.

Die DSO koordiniert alleinverantwortlich Organentnahmen und -übertragungen in Deutschland. Das deutsche Organspende-System war nach Skandalen in Transplantationszentren in die Kritik geraten. Manipulationen bei der Organvergabe waren zunächst aus der Universitätsklinik Göttingen bekanntgeworden, später auch aus Regensburg und München. Beteiligten Ärzten wird vorgeworfen, dass sie Patienten kränker darstellen, damit sie auf der Warteliste für Transplantationen weiter nach oben rutschen. Mediziner beklagen grundsätzlich eine starke Konkurrenz um Organe zwischen deutschen Kliniken; deshalb solle die Zahl der Transplantationszentren vermindert werden. Beklagt wird zudem eine mangelnde Professionalität in der Transplantationsmedizin. Das Fachgebiet sei heute nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Chefarzt.

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland weiter im unteren Drittel der Tabelle: Die Zahl der Organspender pro eine Million Einwohner sank von 14,7 im Jahr 2011 auf 12,8. Beim europäischen Spitzenreiter Spanien sind es über 30.

( BM )