Gesundheit

Hygieneregeln werden missachtet

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Wolfgang W. Merkel und Regina Köhler

Krankenhausinfektionen: Deutschland hat gute Regeln zum Schutz der Patienten. Deren Einhaltung müsste nur kontrolliert werden

Die Charité informierte jetzt über einen Ausbruch des multiresistenten Keimes der Art „Klebsiella pneumoniae Carbapenamase“ (KPC) in einer Erwachsenen-Intensivstation des Campus Virchow. Zwei Patienten starben. Für gesunde Menschen sind KPC-Bakterien ungefährlich. Doch für abwehrgeschwächte Patienten stellt ein KPC-Keim ein Risiko dar. Bei einer Infektion mit KPC treten die typischen Infektionssymptome wie Fieber, schweres Krankheitsgefühl oder Atemnot auf. Die Erkrankung ist nur mit wenigen Reserve-Antibiotika behandelbar.

Der bisher größte KPC-Ausbruch in Deutschland wurde 2012 in Leipzig bekannt. Seit 2010 haben sich dort mindestens 95 Menschen mit multiresistenten KPC-Stämmen infiziert. Eingeschleppt wurde der Keim offenbar von einem Griechenland-Urlauber, der sich nach seiner Rückkehr im Leipziger Uniklinikum behandeln ließ. Die Antibiotika schlugen nicht an, der Patient bekam eine Lungenentzündung und starb.

Obwohl der Kranke sofort isoliert worden war, wurde der Keim einige Wochen lang bei anderen Patienten der Uniklinik festgestellt. Nachdem sich die Fälle häuften, meldete das Krankenhaus die Fälle Anfang 2011 dem Gesundheitsamt. Die Öffentlichkeit erfuhr aber erst ein gutes Jahr später von dem Keim-Ausbruch. Inzwischen waren 30 der infizierten Patienten gestorben, nach Angaben der Klinik war jedoch unklar, wie viele der Todesfälle direkt auf den Keim zurückgingen.

Antibiotikaforschung ist nötig

In unschöner Regelmäßigkeit kocht das Thema Krankenhausinfektionen hoch. Es ist auch ein Massenphänomen: Nach Berechnungen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene kommen allein in Deutschland jährlich 40.000 Patienten ums Leben, die sich in einer Klinik mit einem resistenten Keim infiziert hatten. Noch gut im Gedächtnis sind die Infektionen von Frühchen mit Serratien an der Berliner Charité im vergangenen Jahr. Ein Baby starb, fünf erlitten eine Blutvergiftung – mit unbekanntem Ausgang. Dabei sind die Verursacher oft völlig harmlos für gesunde Menschen. Es handelt sich in vielen Fällen um solche, die den Menschen natürlicherweise besiedeln: Sie leben auf der Haut oder im Darm. Die häufigsten Krankenhaus-Infektionen betreffen deshalb Wunden, Atemwege und den Harntrakt. Gelangen die Erreger in die Blutbahn, zumal bei einem Patienten, der aus anderen Gründen geschwächt ist, können sie großen Schaden anrichten.

Das Problem ist alles andere als neu – aber nach wie vor nicht bewältigt. Am drängendsten ist, dass sich manche Keime, wie auch im aktuellen Fall, an die Mehrzahl der existierenden Antibiotika angepasst haben. Häufig passiert die Anpassung, weil diese Medikamente unsachgemäß und unsinnig angewendet werden. Seit Jahrzehnten wurden zudem kaum neue Antibiotika-Klassen entwickelt, die die Lücken in den brüchigen Schutzwällen schließen könnten. Alle Experten drängen hier auf mehr Forschungsanstrengungen.

Ein weiterer Grund für die Probleme ist der hohe finanzielle, zeitliche und personelle Druck in den Krankenhäusern. Mediziner seien ja auch nur Menschen, sagt etwa Klaus-Dieter Zastrow, Chefarzt der Abteilung Hygiene und Umweltmedizin an den Berliner Vivantes-Kliniken und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. So passiere es immer wieder, dass Ärzte und Pflegepersonal das eigentlich obligate Händedesinfizieren zwischen dem Betreuen der einzelnen Patienten vernachlässigen. Das sei keineswegs nur Gedankenlosigkeit, sondern auch Folge der zunehmenden personellen Engpässe. Somit ist, sagt der Mediziner, das Verhalten des Klinikpersonals die Hauptursache für Krankenhausinfektionen. Eine sachgerechte Hygiene könne 50 Prozent der Fälle vermeiden.

Dennoch weiß, anders als der Außenstehende erwarten würde, längst nicht jeder Arzt und jede Schwester, wie man es richtig macht. Die Fehler, die gemacht würden, seien grundlegend, sagt Klaus-Dieter Zastrow. „Es besteht häufig nicht das Bewusstsein für die Tragweite des eigenen Tuns. Da wird oft nur fünf Sekunden lang desinfiziert – das ist viel zu kurz.“

Und die Desinfektion müsste eigentlich unmittelbar vor der Betreuung eines Patienten vollzogen werden. Stattdessen reinigt das Personal die Hände oft, nachdem es bei einem Patienten war und bevor es zum nächsten Krankenbett wechselt. Zwischendurch werden aber verkeimte Gegenstände angefasst: das eigene Handy, eine Bettdecke oder gar ein völlig verkeimter alter Verband, der gewechselt werden muss. Die Desinfektion und das Anlegen steriler Handschuhe müsste erfolgen, unmittelbar bevor der neue Verband angefasst wird. Ähnliches gelte für den Mund- und Nasenschutz. „Der wird manchmal allein deshalb weggelassen, weil der betreffende Mitarbeiter meint, damit unvorteilhaft auszusehen“, beklagt Zastrow.

Zur Ausbildung der Ärzte und des Pflegepersonals gehört durchaus auch die Hygiene, aber sie ist aus Zastrows Sicht unzureichend und wird an den Universitäten auch sehr unterschiedlich gelehrt. In der Pflegeausbildung seien 80 bis 100 Stunden Hygiene vorgesehen, aber der Großteil davon entfalle auf Ernährungslehre, was ebenfalls zur Hygiene gezählt wird.

Dabei verfügt Deutschland über die vielleicht weitreichendsten Regeln zur Klinikhygiene, sagt Klaus-Dieter Zastrow. „Wir werden von ausländischen Experten um unser Regelwerk beneidet. Das Problem ist: Es wird nicht befolgt.“ Und die Einhaltung wird wohl auch vonseiten der örtlichen Aufsichtsbehörden nicht kontrolliert. In Berlin war dies lange Zeit die Senatsgesundheitsverwaltung, heute sind es die Gesundheitsämter der Bezirke. Doch denen fehlt es offenbar an Zeit, Bewusstsein und teilweise auch an Kompetenz, denn „nicht alle Amtsärzte sind in Hygiene gut ausgebildet“, sagt Zastrow.

Dabei ist es kontraproduktiv, an der Hygiene zu sparen, sagen die Experten. Denn ganz abgesehen von dem menschlichen Leid, das die oft schweren und teils tödlichen Infektionen mit sich bringen, verursachen sie auch hohe Kosten. Nicht nur volkswirtschaftlich, sondern auch für das einzelne Krankenhaus. Denn im Hinblick auf die Fallpauschalen muss der Krankenhausträger kräftig draufzahlen, wenn ein Patient nicht wie gewohnt nach ein paar Tagen gesund nach Hause gehen kann, sondern wochenlang mit einem resistenten Keim kämpft.

Offenbar hat man die Dringlichkeit des Problems auch auf der politischen Ebene erkannt. Denn seit dem Jahr 2011 tue sich etwas, hat Klaus-Dieter Zastrow beobachtet. Im August 2011 trat eine überarbeitete Fassung des Infektionsschutzgesetzes in Kraft, die sich in Teilen mit Krankenhausinfektionen befasst. Die neuen Regelungen müssten nun umgesetzt werden. Das würden sie auch – allerdings nur langsam.

( Mitarbeit: Anette Nayhauß )