Medizin

Der zweite Contergan-Skandal

Neue Studie: Geschädigte leiden heute oft an Herz-Kreislauf-Krankheiten

Berlin – Es sind die kleinen Freuden des Alltags, die nun fehlen: etwas kochen, einen Spaziergang machen, ins Schwimmbad gehen – was für die meisten selbstverständlich ist, wird für Contergangeschädigte mittlerweile zum unüberwindbaren Hindernis. Folgeschäden wie Arthrose, Muskelschwäche und Gefäßerkrankungen machen ihnen das Leben noch schwerer, als es schon war. „Mit den Grundschäden haben wir uns einigermaßen arrangiert. Aber die Folgeschäden sind die Hölle“, sagt Udo Herterich vom Interessenverband Contergangeschädigter NRW. Er wird am heutigen Freitag in einer Anhörung des Bundestages die Lebenssituation von Contergangeschädigten schildern.

Herterich ist einer von gut 2400 Contergangeschädigten. Von 1957 bis 1961 wurde das Medikament Schwangeren empfohlen. Der Wirkstoff Thalidomid sollte den Schlaf erleichtern, beruhigend wirken und bei Schwangerschaftsübelkeit helfen. Das tat er auch. Nur führte er auch zu schweren Fehlbildungen beim Ungeborenen.

Fehlende Beine, fehlgebildete Hände und schwere Organschäden waren nach der Geburt offensichtlich. Doch nun zeigt sich das ganze Ausmaß von Folgeerkrankungen. Eine Studie der Uni Heidelberg zeigt, dass sich die Lebenssituation der Geschädigten in den letzten Jahre deutlich verschlechtert hat. „Der Körper kann viel kompensieren – aber ab einem gewissen Alter stoßen die Möglichkeiten der Kompensation an Grenzen“, sagt die Gerontologin Christina Ding-Greiner.

Körper übermäßig belastet

Zu den Langzeitschäden gehört die frühzeitige Arthrose von Gelenken. Contergangeschädigte haben bereits als Kleinkind gelernt, fehlende Gliedmaßen mit vorhandenen zu kompensieren, etwa mit den Zehen zu schreiben. Doch Gliedmaßen sind hoch spezialisiert. Werden sie anders genutzt und stark belastet, kommt es rasch zu Verschleißerscheinungen. „Aufgrund der Fehlbelastung von Gelenken und Muskulatur war zwar mit Folgeschäden zu rechnen; wie und in welchem Ausmaß war bisher völlig unklar“, sagt Klaus Peters, Orthopädie-Chefarzt in der Rhein-Sieg-Klinik in Nümbrecht. Er leitet dort eine Sprechstunde für Contergangeschädigte. „Während wir im Jahr 2000 nur zwei bis vier Contergangeschädigte in unserer Sprechstunde behandelten, mussten wir mittlerweile sogar eine Warteliste einrichten, um den Patientenansturm überhaupt bewältigen zu können“, sagt Peters.

Doch die Contergangeschädigten haben auch ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zunächst berichteten die Patienten eher beiläufig von Gefäß- und neurologischen Problemen, dann erhärtete sich der Verdacht, dass bei einigen von ihnen auch Gefäße und Nervensystem vorgeburtlich geschädigt wurden. Manche erleiden deshalb bereits mit 40 Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Genaueres soll eine weitere Studie klären. Was bereits an Spätfolgen erkennbar wird, soll nun helfen, Herzinfarkt und Schlaganfall vorzubeugen. Nicht zuletzt wollen die Contergangeschädigten die Datenlage dazu nutzen, um schnell eine Verbesserung ihrer medizinischen und finanziellen Versorgung zu erwirken.