E-Commerce

Der Designer bist du

Individualität verkauft sich online gut. Firmen fertigen ihre Produkte nach Kundenwünschen an – vom Müsli bis zum Schrank

Christian Jürgens verdient sein Geld damit, dass es Menschen gerne farbenfroh mögen. Der 30-jährige Münchner gründete vor drei Jahren gemeinsam mit einem Partner die Firma Drei Gürteltiere, die bunte Stoffgürtel verkauft. Die können sich die Kunden selbst im Internet gestalten. Gelb-weiß-blau, blaukariertgrün-pink – 600 Millionen Kombinationen sind möglich. Produziert werden die Gürtel in einer Behindertenwerkstatt.

Drei Gürteltiere ist eines von vielen Handwerksunternehmen, die einen Trend für sich entdeckt haben: Kunden haben die Möglichkeit, Produkte selbst zu gestalten. Sie bedienen sich aus umfangreichen Baukästen oder laden eigene Entwürfe hoch. Kein Produkt soll dem anderen gleichen, nichts von der Stange kommen. Mittlerweile ist es schwer, den Überblick über die Unternehmen zu behalten, die nach Kundenwünschen fertigen. Man kann sich online seine „maßgeschneiderten“ Plätzchen bestellen (cookie-mania.de), Kuchen backen (deinetorte.de), Hemden nähen (hemdwerk.de) und Müsli mischen lassen (mymuesli.de). Geliefert wird per Post.

Jürgens Firmengeschichte beginnt damit, dass er vor drei Jahren einen farbigen Stoffgürtel in München suchte. Er zog durch die Läden und erkundigte sich, wo er sich einen fertigen lassen könnte. Am Ende stieß er auf den Weißen Raben. In der Behindertenwerkstatt kam ihm die Idee, sein Unternehmen zu gründen. Nach nur zwei Monaten verkaufte er den ersten Gürtel im Internet. Der junge Gründer steht in der kleinen Werkstatt des Weißen Raben. Eine hörbehinderte Frau fertigt an einer Nähmaschine einen dreifarbigen Gürtel: Pink, Weiß, Grün. Sie muss immer wieder die Fäden wechseln – viel Arbeitsaufwand. Der Kunde wird am Ende 34 Euro bezahlen. Rund 1000 Gürtel verkauft Jürgens im Monat. Die Produktion in der Behindertenwerkstatt mag wenig effizient aussehen, doch gegenüber Großkonzernen, die im Ausland produzieren, sieht sich Jürgens im Vorteil. Er kann die Produkte täglich kontrollieren und flexibel auf Nachfragen reagieren. „Letztes Jahr hat jemand am 23. Dezember eine Tasche zu Weihnachten bestellt. Da habe ich schnell selbst die letzte Tasche ausgeliefert.“

Produktion zurück in Europa

Wer nicht in Asien produziert, hat einen Standortvorteil, sagt auch der Passauer Herrenhemdenhersteller Eterna, der seine Kunden die Produkte konfigurieren lässt. Mehr als 80 Stoffe und zahlreiche Größen und Passformen gibt es. „Als Hersteller mit europäischem Produktionsstandort haben wir gegenüber Mitbewerbern mit Fernostproduktion die hervorragende Möglichkeit, Hemden auf Kundenwunsch individuell anzufertigen“, sagt der Geschäftsführer Peter Rentsch. Eterna hat in der Slowakei eine Produktionsstraße eingerichtet, auf der Näherinnen nur personalisierte Hemden fertigen. Sie müssen für jedes Hemd neue Schnittmuster hervorkramen, neue Stoffrollen anschleppen und Hemden einzeln verpacken.

Großkonzerne stellt so etwas vor Herausforderungen. Sie haben ihre ganze Organisation auf hocheffiziente Massenherstellung ausgerichtet. Trotzdem ziehen sie nach. „Die großen Unternehmen erkennen, dass sie den Trend nicht aufhalten können“, sagt Frank Piller, Professor an der RWTH in Aachen. „Sie müssen reagieren.“ Coca-Cola etwa bietet in den USA Automaten an, die Softdrinks auf Bestellung mischen. Und seit Kurzem kann man auch Schokolinsen von M&M mit persönlichen Botschaften bedrucken. Adidas bietet seit zwölf Jahren die Möglichkeit, individuelle Sneaker zu entwerfen. 90 Euro verlangt Adidas für „Samba“-Schuhe, die auf der Ferse den Namen des Besitzers tragen. Sie werden in den gleichen Fabriken wie die Standardmodelle gefertigt und nach rund drei Wochen ausgeliefert. Adidas macht keinen Hehl daraus, dass sich damit nicht viel Geld verdienen lässt. Doch die Bedeutung dieser Produktlinie gehe über die eigentlichen Umsatzzahlen hinaus. Kundenbindung etwa sei ein wichtiger Grund. Wer sich lange im Internet mit einem personalisierten Schuh beschäftigt, werde später auch andere Adidas-Produkte kaufen.

Unternehmen müssen dabei gar nicht selbst zu Start-ups werden. Sie können einfach Unternehmen auf dem Markt aufkaufen. Dafür hat sich Alfred Ritter entschieden. Der Chef des Schokoladeherstellers Ritter Sport stieß vor einigen Jahren auf das junge Berliner Internet-Unternehmen Chocri, das Schokolade auf Bestellung fertigt. Für ein großes Unternehmen wie Ritter wäre das kaum möglich. Ritter zögerte nicht lange und investierte. Ein Drittel des Berliner Unternehmens gehört heute dem Schokogiganten aus dem schwäbischen Waldenbuch.

Die neue Lust am Individualismus hilft vor allem kleinen Firmen – und könnte zu einer Renaissance des Handwerks führen. Darauf setzt zumindest Sebastian Schips. Seine Eltern betreiben eine Schreinerei in Köngen bei Esslingen. Während viele Unternehmen der Branche längst vor großen Möbelhäusern kapituliert haben und sich etwa auf den Einbau von Fenstern und Türen konzentrieren, hält Schips am Möbelbau fest. Sein kleiner Betrieb fertigt vor allem Einrichtungen für Ladengeschäfte und Büros. Hier ist der Wettbewerb mit Billiganbietern hart. Schips wollte deswegen das Geschäft mit Privatkunden wieder ausbauen. Das Internet sollte dabei helfen. Schips programmierte einen Konfigurator, mit dem Kunden ihren Schrank online gestalten können. „Meine Möbelmanufaktur“ heißt das Start-up, das er mit einer Partnerin führt.

Auswahl aus Musterbuch

Das Prinzip ist einfach. Die Kunden entwerfen einen Schrank und wählen das Holz aus. Wenige Tage später bekommen sie eine Zeichnung zugeschickt. Darauf sind weitere Änderungen möglich. Löcher in der Rückwand für Stromkabel? Kein Problem. Wer möchte, erhält ein Musterbuch. „Es läuft besser als gedacht“, sagt Schips. „Wir haben in diesem Jahr über 100 Schränke verkauft. Nächstes Jahr sollen es 1000 Schränke sein.“

Ähnlich zufrieden hört sich auch Christian Jürgens von Drei Gürteltiere an. Die Firma wächst und wächst. Mittlerweile bietet sie auch Taschen an und soll englischsprachig expandieren. Den Näherinnen in der Behindertenwerkstatt dürfte die Arbeit nicht ausgehen.