Literatur

Jetzt im Internet: Das Wörterbuch der Brüder Grimm

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Matthias Heine

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften publiziert eine Digitalversion. Sie nutzt konsequent das Potenzial des Mediums

Am Anfang war das Grimmsche Wörterbuch eine Geldmaschine. Als die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm wegen aufrührerischer Aktivitäten 1837 ihre Professorenposten im Königreich Hannover verloren hatten, mussten sie sich neue Finanzquellen erschließen – und Lexika verkauften sich damals bestens. Doch die Brüder ächzten unter der Plackerei und hielten ihre anderen wissenschaftlichen Arbeiten eigentlich für viel wichtiger.

Erst nach mehr als 170 Jahren, zum Ende dieses Jahres, wird das Projekt „Deutsches Wörterbuch“ vollendet – die Wissenschaftler an der Berliner Akademie der Wissenschaften stellen ihre Tätigkeit ein. Die Arbeitsstelle in Göttingen, der anderen Grimm-Stadt, macht bis 2016 weiter. Dann ist auch dort Schluss.

Als vor einigen Jahren erstmals groß über die nahende Einstellung der Wörterbucharbeit, an der ganze Generationen von Germanisten mitgewirkt hatten, berichtet wurde, war Entsetzen zu spüren. Es gab Tiraden über ein Deutschland, dem seine Sprache, seine Geschichte und sein kulturelles Erbe nichts mehr bedeuten. Aber man darf doch annehmen, dass die Grimms ihre Arbeit vielleicht gar nicht begonnen hätten, wenn sie geahnt hätten, dass das Wörterbuch auch im 21. Jahrhundert noch nicht fertig sein würde.

Man könnte jetzt zwar alle Grimm-Bände überarbeiten, aber das würde im bisherigen Tempo wohl 1500 Jahre dauern, wie Professor Wolfgang Klein von der Akademie vermerkt. Überdies sterben die großen Wörterbücher überall. So entlässt das Bibliographische Institut in Mannheim 140 Mitarbeiter – mehr als zwei Drittel – und wird keine Neuauflage seines zehnbändigen „Großen Wörterbuchs der deutschen Sprache“ mehr herausbringen.

Die Aussprache lässt sich anhören

Heute ist das Internet der natürliche Raum für Nachschlagewerke. Und hier wird auch das „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache“ (DWDS) publiziert, das an die Stelle des alten „Grimm“ treten soll. Erstellt wird es ebenfalls von der Berliner Akademie der Wissenschaften. Seine neueste Version nutzt die Möglichkeiten des Mediums auf eine Weise, die erheblichen Mehrwert bringt. Wer dort ein Wort nachschlägt, bekommt es beispielsweise nicht nur erklärt, sondern auf einen Klick auch dessen Aussprache vorgesagt. Für „Balkon“ etwa kann man sich alle gängigen Versionen anhören: Die mit einem Nasal am Ende genauso wie die umgangssprachliche „Balkong“ und die süddeutsche Variante „Balkohn“.

Das ist nicht nur für Ausländer von Nutzen, sondern lässt auch Sprachhistoriker träumen. Wenn man solche Hörbeispiele für vergangene Zeiten hätte! Die Aussprache ist ja anhand alter Quellen nur schwer rekonstruierbar. Hilfreich sind dabei oft allein Reime in Gedichten. So weiß man dank des Reimpaars „Ach neige, du Schmerzensreiche“, dass der alte Goethe offenbar immer noch dazu neigte, das Verb „neigen“ frankfurterisch „neischen“ auszusprechen.

Noch ist das DWDS allerdings unvollständig. Das liegt unter anderem daran, dass man für die Worterklärungen auf das zu DDR-Zeiten unter Federführung von Ruth Klappenbach veröffentlichte „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ (WdG) von 1965 zurückgreift, das nicht nur als vorbildlich gilt, sondern auch den Vorteil hat, dass die Rechte bei der Berliner Akademie liegen. Aber dort fehlen natürlich Begriffe, die in einem aktuellen Wörterbuch des gegenwärtigen Deutschen auftauchen müssen.

Wie Begriffe benutzt wurden

Zudem waren etwa drei Prozent der Erläuterungen im WdG ideologisch gefärbt. Die Definitionslücken im neuen DWDS sollen nun nach und nach von den frei gewordenen Mitarbeitern des alten Grimm geschlossen werden.

Über die Aussprachebeispiele hinaus bietet das DWDS noch zahlreiche weitere nützliche Werkzeuge. Zum Beispiel eine Schlagwortwolke, die anzeigt, in welchen Verbindungen das Wort wie häufig auftaucht. Dort kann man bei „Sex“ sehen, dass über käuflichen, vorehelichen, oralen, ungeschützten und außerehelichen Sex offenbar mehr geschrieben wird als über analen, expliziten, freudlosen, sadistischen und lesbischen Sex. Es hat ein Synonym-Modul. Und es gibt ein Statistik-Tool, mit dem man zum Beispiel sehen kann, dass das 1920 erfundene Wort „Roboter“ erst seit den Vierzigerjahren in den allgemeinen Sprachschatz eingedrungen ist und ausgerechnet in diesem Jahrzehnt in der „Gebrauchsliteratur“ häufiger vorkommt als in späteren Zeiten. Es war eben ein Boomjahrzehnt der Science-Fiction, aber auch eines der Propaganda, wo „Roboter“ gerne zur Verunglimpfung unmenschlicher politischer Gegner gebraucht wurde – seien es Nazis oder seien es Kommunisten.

Man kann sich also im neuen kostenlosen DWDS suchend und lesend genauso verlieren wie im Grimm. Der Nachteil: Das Zitatkorpus erfasst bislang fast nur das 20. Jahrhundert. Wer mehr über die Zeit davor wissen will, muss nach wie vor im Grimm nachschlagen. Doch dessen digitale Variante ist im DWDS integriert. Und irgendwann – diese Überraschung verkündet die Akademie ganz beiläufig – wollen die Berliner wohl doch noch einmal Forschungsgelder für eine nicht ganz so langwierige und tief gehende Grimm-Bearbeitung beantragen. Das soll in deutlich weniger als 1500 Jahren geschehen.