Technik

Handy ja, Funkmast nein danke

Um die Akzeptanz von Technologien zu verbessern, wollen Ingenieure mit Geisteswissenschaftlern zusammenarbeiten

- Atomkraft, Stuttgart 21, E10-Sprit - der deutsche Wutbürger schafft sich gerne und lautstark Gehör, wenn er neue Technologien oder technologische Großprojekte für gesundheitsschädigend oder überflüssig hält. Seit den 1960er Jahren untersuchen Sozialwissenschaftler, wann und warum Bürger Technologien akzeptieren und wann nicht. Sehr weit ist die Wissenschaft nicht gekommen, zu unberechenbar ist die Volksmeinung.

Einen neuen Anlauf zum Verständnis von Technikakzeptanz unternimmt das Human Technology Center der RWTH Aachen. Unter dem Motto "Geisteswissenschaftler trifft Ingenieur" werden im Projekt HumTec die Aspekte von Technikakzeptanz so breit wie nie zuvor. Es arbeiten Ingenieure, Medizinethiker, Sozialwissenschaftler, Philosophen und sogar Theologen zusammen, um technische, psychologische, soziologische, ethische und medizinische Aspekte von Technik zu untersuchen - ein deutschlandweit einzigartiges Projekt.

Bisher einzigartiges Projekt

Eines der sieben Teilprojekte firmiert unter dem Kürzel Humic, wobei "umic" für das gleichnamige Forschungscluster für Ultraschnelle mobile Information und Kommunikation an der RWTH steht. In dem Cluster entwickeln Ingenieure und Informatiker die Mobilfunktechnologien der Zukunft. Die große Frage ist, ob die überhaupt jemand haben will. Denn kaum eine Branche kämpft mit so einem bizarren Mix aus Akzeptanz und Nichtakzeptanz. Auf der einen Seite hat fast jeder Bundesbürger eines oder sogar mehrere Handys, viele fühlen sich ohne den ständigen Kontakt zu Freunden oder Geschäftspartnern nackt und leer. Auf der anderen Seite kommt es immer wieder zu Demonstrationen gegen die Errichtung neuer Mobilfunkmasten. Geradezu schizophren wird es, wenn sich Demonstranten gegen die Masten per Handytelefonat absprechen. Handy ja, Funkmasten nein - jeder weiß, dass das nicht geht, aber nicht immer siegt das Hirn über den Bauch.

Genau hier hakt Humic ein. Die Forscher wollen erkunden, welche Faktoren für Zustimmung und Ablehnung von Mobilfunk verantwortlich sind und vor allem warum beides gleichzeitig in einer Person existieren kann. Dazu befragte Ingenieurin Melanie Neunerdt und die Psychologin Katrin Arning 600 Bürgerinnen und Bürger nach ihrer Einstellung zum Mobilfunk. Demnach wird das Risiko durch Mobilfunk im Vergleich zu Rauchen oder Atomkraft recht gering eingeschätzt, wobei die Endgeräte (Handys und Smartphones) besser bewertet werden als die Infrastruktur, also die Mobilfunkmasten. Wie diffizil das Thema Akzeptanz ist, zeigt sich beim Aspekt der ständigen Erreichbarkeit. Die Befragten empfinden sie zugleich gut und schlecht - ein Phänomen, das die Sozialwissenschaftler als Januskopf bezeichnen.

Noch komplizierter wird es, wenn die Forscher sich widersprechende Akzeptanzfaktoren kombinieren - wenn etwa gesundheitliche Beschwerden gegen unzuverlässige Verbindungen beim Telefonieren und Surfen abgewogen werden müssen. Während in diesem Fall die Antworten eindeutig ausfallen - gesundheitliche Beschwerden sind inakzeptabel - fand Arning bei anderen Akzeptanzkombinationen zum Teil verblüffende Ergebnisse. Wenn die Probanden zum Beispiel zwischen dem Aufstellungsort der Antenne, der verfügbaren Datenrate beim Betrachten von Onlinevideos und der Häufigkeit gesundheitlicher Beschwerden abwägen müssen und das jeweils mit einer finanziellen Entschädigung. verbunden ist. Hohes Risiko, kein Geld - darauf ließen sich die Befragten nicht ein. Gibt es kein gesundheitliches Risiko, nehmen sie Geld gerne an. Zugleich sinkt jedoch die Akzeptanz. "Wenn die sogar Geld zahlen, muss es ja gefährlich sein", denken sich die Betroffenen und plötzlich entstehen Sorgen über mögliche Gesundheitsrisiken, die vorher gar nicht existiert haben.

Einen Beitrag zur Neiddebatte liefert das Forschungsprojekt auch. Was passiert etwa, wenn die Antenne auf dem Dach des Nachbarn errichtet werden soll und dieser eine saftige Prämie dafür absahnt? Dann wandelt sich das Bild: Der Nachbar soll das Geld keinesfalls bekommen, dann möchte man die Prämie doch lieber selber haben, auch wenn man dafür die Antenne auf dem eigenen Dach akzeptieren muss.

Auch bei der Akzeptanz der Handynutzer spielt Geld eine Rolle. Etwa fünf Euro mehr würden sie zahlen, wenn sich die Netzeigenschaften in ihrem Sinne ändern würden. Das Lieblingsakzeptanzprofil lautet: Flächendeckend sehr guter Empfang bei mittlerer Datenrate zum Surfen und Mailen und mit möglichst wenig Sendemasten. Doch es gibt Abstufungen: Die Netzverfügbarkeit ist doppelt so wichtig wie die Datenrate und die ist etwas wichtiger als die Zahl der Masten. Lieber hätten die Nutzer flächendeckend einen schwachen Empfang als an manchen Stellen totale Funklöcher.

Die Humic-Forscher haben ein auf Umfragedaten basierendes Strukturgleichungsmodell zur Erklärung der Mobilfunkakzeptanz entwickelt. Dieses zeigt in einer Grafik, wie fördernde und hemmende Faktoren zusammenhängen und wie stark sie verknüpft sind. Wenn Arning das komplexe Modell erläutert, entwirrt sich die Grafik und es bleibt eine überraschend einfache Botschaft übrig: Wahrgenommene Risiken spielen für die Akzeptanz der meisten Mobilfunknutzer fast keine Rolle, weil sie ausgeblendet werden. Das leuchtet ein, denn sonst würden nicht auch Gegner von Mobilfunkmasten mit ihrem Handy telefonieren. Am Ende ist Mobilfunkakzeptanz eine simple Kosten-Nutzen-Kalkulation, wobei nützliche Faktoren wie Erreichbarkeit oder Flexibilität dominieren. Mit dem Modell lassen sich 54 Prozent des Nutzungsverhaltens vorhersagen. Andere Akzeptanzmodelle der Sozialwissenschaft liefern deutlich geringere Werte.

Besorgte Anwohner besänftigen

Welche Schlüsse können die Netzbetreiber daraus ziehen? Zunächst: Akzeptanz hängt selten von technischen Daten ab. Das Versprechen etwa, die Sendeleistung einer Antenne zu reduzieren, steigert nicht die Akzeptanz. Wenn die Unternehmen Konflikte im Vorfeld vermeiden wollen, müssen sie dies in ihrer Netzplanung berücksichtigen. Hier hilft das Humic-Prognosewerkzeug. Es gibt an, wo mit Widerstand zu rechnen ist. Diese Akzeptanzkarte können die Betreiber mit Geoinformationen verknüpfen und herausfinden, wie sie besorgte Anwohner besänftigen und gleichzeitig die Mobilfunknutzer zufriedenstellen, die eine möglichst optimale Netzabdeckung und ein hohes Surftempo haben wollen.

Manche Erkenntnisse liefert auch der gesunde Menschenverstand, etwa dass es ziemlich sinnlos ist, heute noch eine Mobilfunkantenne in der Nähe eines Kindergartens oder einer Schule errichten zu wollen. Etwas überraschender ist die Tatsache, dass Mobilfunkmasten in der Nähe des Arbeitsplatzes eher akzeptiert werden als vor der eigenen Wohnung, obwohl viele Menschen mehr Zeit bei der Arbeit als zu Hause verbringen.

HumTec will neue Technologien nicht nur hinsichtlich ihrer Akzeptanzfähigkeit analysieren. Das Ziel ist vielmehr, Ingenieure für sozialwissenschaftliche Aspekte zu sensibilisieren. "Die Ingenieure interessieren sich zunehmend für solche Fragen", stellt die Kommunikationswissenschaftlerin Professor Martina Ziefle fest, "sie wollen wissen, was Akzeptanz kostet." Das ist nicht im monetären Sinne gemeint, sondern zielt auf Themen wie Gesundheit oder Bürgerbeteiligung.