Geschichtsforschung

Einmal eine Burg bauen

Historiker erhoffen sich in Friesach in Kärnten neue Erkenntnisse über die Methoden im Mittelalter. Das Projekt läuft über 30 Jahre

- Kein Lkw, kein Kran, keine Mischmaschine - die Handwerker arbeiten nur mit einem Pferd, Holzgerüst, Hämmern und Zangen. Eine Burg zu bauen ist ein Knochenjob, weiß Johannes Grabmayer von der österreichischen Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt. Aber sein Forscherteam und 30 Handwerker tun es dennoch, seit 2009 in der Stadt Friesach in Kärnten. Erlaubt sind allein mittelalterliche Werkzeuge und Arbeitsmethoden - beziehungsweise was man darüber zu wissen glaubt. Denn wie genau Burgen in Europa früher gebaut, Lasten geschleppt und Mörtel gemischt wurde, darüber weiß man nicht allzu viel.

Deshalb wollen die Forscher ihre Thesen überprüfen, mit der Hilfe des österreichischen Bundesdenkmalamtes wird es ausprobiert - durch sogenannte experimentelle Geschichtsforschung, wie Grabmayer, Professor für Mittelalterliche Geschichte, sagt. Er leitet mit Historikern, Kunsthistorikern und Bauforschern das Burgprojekt - und dieses braucht vor allem Zeit. 30 Jahre sind veranschlagt.

Der Bergfried wiegt 4000 Tonnen

Die Forscher prüften, ob es um 1200 einen gängigen Bautyp in der Gegend gab, um einen geeigneten Burgtyp zu finden. Bei der Analyse von 200 Burganlagen zeigte sich, dass wie in anderen Regionen die Topografie entscheidend war. Parallel dazu wurden Vorlagen für geeignetes Handwerkszeug, Hebe- und Tragegeräte gesammelt und die Geräte nachgebaut. Nur mit der Kraft von Mensch und Tier wurden schließlich auf einem 4000-Quadratmeter-Areal Bäume gefällt und die nötige Infrastruktur, wie Wege, Wasserleitungen und Werkstätten, geschaffen. In diesem Sommer wird mit dem Bau des Bergfrieds begonnen, dem Hauptturm der mittelalterlichen Burg um 1200. Allein für diesen Bergfried von 81 Quadratmeter Fläche und 24 Meter Höhe sind 4000 Tonnen Steine zu bewegen, zu behauen, in Form zu bringen und zu glätten. Die Forscher beschäftigt auch, wie Baugerüste damals hergestellt wurden. Es soll geklärt werden, welcher Gerüsttyp gebräuchlich war: das Auslegergerüst, bei dem die Belagflächen auf den Auslegern des Gebäudes liegen, oder Standgerüste.

Die Hypothesen über den Burgbau sind insgesamt unsicher: Es gebe aus dem späten Mittelalter zwar Bücher mit Anleitungen zum Gebäudebau - würde man jene aber umsetzen, würde bald alles zusammenfallen. Andere Quellen geben an, dass in den Mörtel noch Urin, Blut, Salz und Eier hinzugefügt werden müssten. Doch das seien nur Mythen. "Durch unser Experiment erhoffen wir uns daher einen erheblichen Erkenntnisfortschritt darüber, wie es wirklich war", sagt Grabmayer.

Wie es über die nächsten Jahre weitergeht, hänge dann sehr von den Erfahrungen ab, die man während des Baus mache, sagt der Forscher. Geplant seien aber der Bau einer Ringmauer, ein gotisches Wohngebäude, eine spätgotische Kapelle und diverse Wirtschaftsgebäude. "Die Verwendung der verschiedenen Entwicklungsstufen der Baukunst ist für eine Burg realistisch", erklärt Grabmayer. Denn auch im Mittelalter begann ein Familiengeschlecht zunächst mit dem Bergfried, um sich erst einmal verteidigen zu können. Erst wenn es einen gewissen Wohlstand anhäufte, bauten die Menschen an.

Auf der Baustelle in Friesach können die Arbeitsbedingungen des Mittelalters natürlich nicht vollständig nachgelebt werden. "Unsere Mitarbeiter tragen zwar Kleidung, die der damaligen nachempfunden ist, aber auch gesetzlich vorgegebenen Arbeitsschutz wie Schutzbrillen." Doch das tue dem Experiment keinen Abbruch, findet Grabmayer. "Uns geht es vor allem um die Arbeitstechniken und die Frage: Sind die Hypothesen der Bauforschung korrekt oder nicht."

Und dennoch: "Eindeutige Beweise für bestimme Vorgänge kann die experimentelle Geschichtsforschung nicht liefern", erklärt Mamoun Fansa, Vorsitzender der Europäischen Vereinigung zur Förderung der Experimentellen Archäologie in Europa. "Die vergangene geistige, soziale und religiöse Welt liegt weitgehend außerhalb ihrer Reichweite, weil sie sich vorwiegend mit technologischen Einzelaspekten befasst." Experimentelle Geschichtsforschung sei damit nur eine Möglichkeit der Interpretation bruchstückhaft vorgefundener Sachverhalte. Immerhin: "Die Vorstellung von der Leistung früherer Menschen stellt sie auf eine relativ reale Basis." Das Feld für Spekulationen werde eingeengt. "Durchschreitet man das Eingangstor, betritt man eine authentische mittelalterliche Baustelle." Auf der sind momentan 30 Handwerker beschäftigt. Angeleitet werden sie von gelernten Facharbeitern, also Maurern, Steinmetzen, Zimmerleuten und auch Korbflechtern.

Kritik vom Bund der Steuerzahler

Bis 2015 wird der Burgbau mit sechs bis acht Millionen Euro vom Bundesland Kärnten, der EU und der Stadt Friesach gefördert. Mit derlei Kosten bleibt das Projekt nicht ohne Kritiker, sogar in Deutschland. Alexander Kraus vom Bund der Steuerzahler in Berlin sieht experimentelle Geschichtsforschung grundsätzlich skeptisch. Natürlich sei sie relevant, aber eben teuer. "Den experimentellen Burgbau sollte man sich vielleicht lieber für bessere Zeiten aufheben." Doch die Friesacher Burgbauer haben eine Lösung für derlei Vorwürfe. Denn jetzt, wo die Infrastruktur vorhanden ist, wurde auch der Grundstein für ein Besucherzentrum gelegt. Nach 2016 soll das Projekt komplett über sanften Kultur- und Bildungstourismus finanziert werden.

Auch interessierte Laien, Schulklassen und sogar Manager können sich die Baustellen anschauen und sogar mitarbeiten. Der Plan, sich autark zu finanzieren, ist nicht unrealistisch. Auch auf der Baustelle von Guédelon in Burgund bauen unter den Augen von Touristen 50 Werkleute eine Burg mit mittelalterlicher Technik. Seit 2001 kostet der Burgbau die Steuerzahler keinen Cent mehr.