Gesundheit

Wer lacht, lebt länger

Zum Lachen in den Keller? Nicht mehr nötig: Nicht nur im Programm vieler Volkshochschulen und Bildungseinrichtungen finden sich überraschende Angebote zur Erheiterung. Gekichert, gegiggelt und gegackert wird mittlerweile nahezu flächendeckend in 148 "Lachklubs" in Deutschland sowie in 13 österreichischen und zwölf schweizerischen Stätten ausgelassener Fröhlichkeit.

Gelacht wird unter fachmännischer Anleitung auch bei Lachtrainerinnen und Lachtherapeuten, und gelacht wird nach System: Die meisten Trainerinnen und Therapeuten bieten Lachübungen nach der Technik des Lach-Yoga an, auch Hasya-Yoga genannt. Offeriert werden Methoden, mit deren Hilfe der Einsteiger von einem anfangs künstlichen Lachen zu einem echten Lachen animiert wird. Organisiert sind die Trainer in einem Verein, der seit 2010 als Europäischer Berufsverband für Lach-Yoga und Humortraining arbeitet und im Internet unter www.hoho-haha.de zu finden ist.

Mehr Sauerstoff im Blut

Gut gelaunte Menschen können 100 bis 400 Mal pro Tag lachen. Das Lachen dauert selten länger als sieben Sekunden, wenn kein neuer Anlass fürs Weitermachen geboten wird. Für die immer wieder angeführten gesundheitlichen Effekte des Lachens gibt es bereits viele wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse. Der Schweizer Neurologe Professor Jürg Kesselring, Chefarzt im Rehabilitationszentrum Valens (Kanton Sankt Gallen), fasst zusammen: "Beim Lachen wird das Herz-Kreislauf-System aktiviert: Herzfrequenz und Blutdruck steigen zunächst, danach führt die Erweiterung der Arterien zu einem Blutdruckabfall. Wiederholte kurze, kräftige Kontraktionen der Muskeln von Unterbauch, Brustkorb und Zwerchfell erhöhen den Blutfluss zu den inneren Organen. Die verstärkte Atmung (ha! ha! ha!) erhöht den Sauerstofffluss im Blut. Nach der anfänglichen Erhöhung der Muskelspannung sinkt diese, es kann zum vorübergehenden Kontrollverlust kommen ('Man krümmt sich vor Lachen') oder zur Kataplexie, dem 'Lachkollaps'."

Auch die sozialen Komponenten sind vielfältig: "Lachen vermittelt vertrauensvolle Nähe, schafft guten Willen, soziale Brücken und vermindert Feindschaft und Aggression. Wir lachen, wenn wir Spannung zwischen Fremden abbauen wollen oder Nein sagen müssen", erläutert Kesselring. Im Beruf werde gelacht, um Verbindungen zu stärken oder in Verhandlungen zu überzeugen. Lachen kann auch als Machtmittel eingesetzt werden, etwa zur Kontrolle der Untergebenen: "Wenn der Chef lacht, lachen alle." Jugendliche lachen mehr, wenn sie spielen oder flirten. Frauen im Publikum lachen messbar öfter, wenn ein Mann spricht. Allerdings: Redner lachen durchschnittlich 46 Prozent häufiger als ihre Zuhörer. Der Experte kennt sogar Lachepidemien, die zum monatelangen Schließen von Schulen geführt haben. In der Fachliteratur beschrieben ist ein Beispiel von 1962 aus Tanganjika. Die Epidemie begann mit einzelnen Lachanfällen bei 12- bis 18-jährigen Schülerinnen und breitete sich rasch über einzelne Individuen in weitere Gemeinden aus.

Was das Lachen noch bewirkt, berichtet Neurologe Kesselring im "Schweizerischen Medizin Forum": "Nach Lachanfällen sind im Blut mehr Abwehrstoffe, sogenannte T-Zellen, nachweisbar, ein Beweis für eine Verstärkung der Immunabwehr. Gleichzeitig werden Glückshormone (Endorphine) ausgeschüttet, euphorisierende Botenstoffe, die die Schmerzempfindlichkeit senken und die Ausdauer erhöhen." Professor Kesselring schätzt den Effekt: "20 Sekunden Lachen entsprechen etwa der körperlichen Leistung von drei Minuten schnellem Rudern." Mit den körperlichen und psychischen Auswirkungen des Lachens beschäftigt sich mittlerweile die weltweit etablierte Wissenschaft der "Gelotologie" (von griechisch gelos = das Lachen). Geprägt hat den Begriff der amerikanische Psychiater William F. Fry, der seit 1964 an der Stanford-Universität Lachforschung betreibt.

"Gelotologie" als Wissenschaft

Im deutschsprachigen Raum zählt der Psychologe Michael Titze zu den prominentesten Vertretern der Gelotologie. Der 65-jährige Psychotherapeut und Analytiker ist Dozent an der Akademie für Individualpsychologie in Zürich und Gründer des Vereins "HumorCare Deutschland", einer "Gesellschaft zur Förderung von Humor in Therapie, Pflege, Pädagogik und Beratung". Sein Buch "Therapeutischer Humor" erscheint in der sechsten Auflage. Titze sagt über die Bedeutung des Lachens auf die Gesundheit: "Der amerikanische Schlafforscher James K. Walsh hatte schon im Jahre 1928 angenommen, dass die Widerstandskraft des Organismus gegen Krankheit erhöht ist, wenn ein Mensch häufig und regelmäßig lacht.

Dies lässt sich durch die Befunde der Lachforschung ausdrücklich bestätigen. Beobachtet wurde, dass die Zirkulation gewisser Immunsubstanzen nach einem Lachanfall für Stunden erhöht ist. Die Zahl der T-Lymphozyten und T-Helferzellen, die bei der Abwehr von Krebs und Herz-Kreislauf-Leiden von Bedeutung sind, steigt an, die Aktivität und Zahl der natürlichen Killerzellen ist erhöht, und die Antikörper der Immunglobulin-A-Klasse, die Keime in den Atmungsorgane hemmen, vermehren sich. Auch das Gamma-Interferon ist im Blut von Menschen, die zuvor ausgiebig gelacht haben, vermehrt nachweisbar. Das heißt, Lachen stärkt auch die Immunabwehr."

Als Psychotherapeut nutzt Titze die heilende Wirkung des Lachens: "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele meiner Patienten dazu neigen, die Wirklichkeit zu ernst zu nehmen. Misserfolge im Leben, wie etwa soziale Zurücksetzungen, Niederlagen im Arbeitsleben, familiäre Enttäuschungen oder das Nichterreichen hochgesteckter Ziele werden als so gravierend erlebt, dass es zu chronischer Niedergeschlagenheit, Gekränktsein, Mutlosigkeit, Scham oder Angst kommt. In dieser emotionalen Verstrickung schafft Humor die nötige Distanz.

Indem der Patient lernt, seine schwarzen Gedanken spielerisch auf die Schippe zu nehmen, ironisiert er sein eigenes negatives Denken." Titze verweist darauf, dass therapeutischer Humor jemanden nicht um jeden Preis zum Lachen bringen will. Es solle vielmehr ein Prozess angeregt werden, der zu einer mutigen, selbstbejahenden Einstellung führt, die "mit Heiterkeit und Lebensfreude einhergeht".

Es erscheint also so manches, was von der Wissenschaft früher als Psycho-Seligkeit belächelt wurde, in einem gänzlich anderen Licht. Binsenweisheiten wie "Lachen ist die beste Medizin" erfahren nun ihre wissenschaftliche Bestätigung. Der Ravensburger Psychiater Professor Volker Faust bekräftigt: "Wer lacht, lebt länger - und vor allem gesünder. Optimistische, humorvolle Menschen haben ein stabileres Immunsystem als ,Sauerampfer', die nicht nur anderen auf die Nerven gehen, sondern sich auch selber krankheitsanfälliger machen. Lachen entspannt, es lindert quälende und chronische Schmerzen, senkt erhöhten Blutdruck, sorgt für eine ruhigere Atmung, regt die Verdauung an, bringt den Kreislauf in Schwung und fördert den nächtlichen Schlaf. Selbst bei Krebs, Aids, Herzerkrankungen, Kopfschmerzen, ja sogar bei chronischer Angst und Depression hat sich Humor als wirksames Rezept bewährt."