Welttag des Stotterns

Wenn Sprache im Gehirn stecken bleibt

Stotternde benutzen beim Sprechen ihr Hirn anders als Nichtstotternde. Die Sprechstörung basiere auf einer Veranlagung und betreffe ein Prozent der Bevölkerung, so die Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe zum Welttag des Stotterns am kommenden Samstag.

Neurowissenschaftler, unter anderem von der Universität Frankfurt/Main, haben jetzt mit modernen Methoden der Bildgebung die Ursachen der Störung aufgedeckt. Sie haben damit die Basis für eine effektive Stottertherapie gefunden.

Normalerweise benötigen wir zum Sprechen Regionen im Gehirn, die sich überwiegend in der linken Hälfte befinden. Dazu gehört zum Beispiel das sogenannte Wernicke-Areal, ein Bereich, der grundlegende Höreindrücke weiterverarbeitet. Die Hörrinde interpretiert Laute als echte Wörter oder Geräusche. Sie gibt sie an das Wernicke-Areal weiter, wo sie entschlüsselt werden. In der linken Hirnhälfte liegt auch das Broca-Areal, das wir brauchen, um die richtigen Wörter zu finden. "Die Verbindung zwischen Broca-Areal und Wernicke-Areal ist bei Stotternden nicht gut ausgebildet. Möglicherweise ist ein Grund dafür, dass bei ihnen das Hör-Feedback der eigenen Sprache gestört ist", erklärt Katrin Neumann, Professorin für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen an der Uni Frankfurt.

Sprechen und Sprache verstehen sind also vernetzte Aktionen, die überwiegend im linken Hirn stattfinden. Bei Stotterern arbeiten die Areale nicht gut zusammen. Dies machten die Frankfurter unter anderem mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) sichtbar, die Hirnaktivitäten misst.

Unsere Sprachproduktion spielt sich in kurzen, nur wenige Millisekunden dauernden Schritten ab, die zeitlich fein aufeinander abgestimmt sind und sich teilweise überlappen. Zeitlich hochauflösende Messungen der magnetischen Aktivität des Gehirns (Magnetencephalografie, MEG) zeigten, dass bei Stotternden die Reihenfolge verdreht ist, mit der sie verschiedene Areale ansteuern. Während wir normalerweise zuerst die Zusammensetzung der Wortlaute planen und dann die Motorik abrufen, ist das bei Stotternden umgekehrt: Sie steuern die Sprechmuskulatur an, noch bevor die Wortplanung abgeschlossen ist.

Zu mehr als 80 Prozent ist dafür die genetische Veranlagung die Ursache, glauben die Hirnforscher. Auf diese Weise kämen Anomalien in der Struktur des Gehirns zustande, insbesondere eben in den Sprachregionen der linken Hirnhemisphäre. Dem versucht das Hirn entgegenzusteuern, erklärt Katrin Neumann. "Kompensatorisch ist das Gehirn von Stotternden dazu übergegangen, rechtshemisphärische Regionen zum Sprechen zu benutzen, obwohl diese gar nicht darauf spezialisiert sind." Auch das zeigt die fMRT. "Kein Nichtstotternder, aber alle Stotternden zeigten in unseren Untersuchungen ein Ausweichen auf die dem Broca-Areal gegenüberliegende Hirnseite", sagt Neumann. Das Ausweichen kann funktionieren, wenn ein Stotternder beispielsweise flüssig mit seinem Haustier spricht. Aber unter kommunikativen Stress kommt es zur gestörten Steuerung der am Sprechen beteiligten Muskeln.

Die Mundartikulations-, Stimm- und Atemmuskulatur, mit deren Hilfe die Wörter geformt werden, erhalten keine präzisen Kommandos aus dem Gehirn. Das führt zu Silbenwiederholungen, wie bei "Va-Va-Va-Vater" oder Dehnungen wie in "Mmmmmutter". Stottern kann aber auch gut versteckt sein hinter Füllwörtern wie "eh, na, also".

Wenn eine Stottertherapie Erwachsene wieder flüssiger sprechen lässt, verlagern sich Hirnaktivitäten wieder mehr in die linke Hirnhälfte, zurück auf jene Seite, die eigentlich auf das Sprechen spezialisiert ist. Allerdings nicht genau in die defekten Sprechregionen, sondern nur in ihre Nähe. Offenbar kann so das durcheinandergeratene Zusammenspiel von Sinnesverarbeitung und Muskelsteuerung normalisiert werden. Leider hält dieser Effekt meist nicht dauerhaft an. Oft sind lebenslang Therapien nötig.

Der Takt ist wichtig

Flüssiges Sprechen kann bei Stotternden zum Beispiel mithilfe eines vorgegeben Sprechrhythmus oder einer vorgegebenen Melodie erreicht werden. Singen oder Rezitieren gelingt stotterfrei. Hier wird der Takt der Musik oder des Gedichts offensichtlich zum Dirigenten, der es dem Gehirn erleichtert, die Funktionen der Sprechareale zu synchronisieren. Therapeutisch wird das in der Fluency-Shaping-Therapie eingesetzt. Über das langsame und häufige Üben lernen Patienten, den äußeren Taktgeber in einen inneren zu überführen und damit die Areale zu synchronisieren. "Die Bahnen zwischen den Sprechzentren sind nicht komplett kaputt, sie funktionieren wieder, wenn man günstige Bedingungen schafft", sagt Neumann.

Wirksame Therapien setzen auch auf das Modifizieren des Stotterns und auf die Konfrontation mit dem Sprachfehler. Dabei wird gelernt, sich dem Stottern zu stellen, es nicht zu fürchten, sogar bewusst zu stottern und sich geschickt wieder herauszuziehen. Sie üben so, mit der psychischen Anspannung besser umzugehen. Beide Therapiearten lassen sich kombinieren. Da Stottern am besten in der Kindheit heilbar ist, nach der Pubertät hingegen nur noch selten, gilt: Stottern, das länger als ein halbes Jahr besteht und keine Rückbildungstendenz zeigt, gehört behandelt.