Amazonas

Geheimer Fluss im Untergrund

Der Amazonas ist nicht nur der größte Fluss der Erde, gemessen am Volumen des Wassers, das er führt. Er hat auch ein unterirdisches Alter Ego, wie brasilianische Forscher des Observatório Nacional do Brasil zeigen konnten. Demnach existiert ein zweiter Strom, der Rio Hamza, bis zu 4000 Meter unter der Erdoberfläche. Er bahnt sich über 6000 Kilometer von den Anden bis zum Atlantischen Ozean.

Der Hamza entspringt im peruanischen Hochland, im selben Gebiet, wo der Amazonas seinen Ursprung hat. Auf zwischen 200 und 400 Kilometer Breite verläuft er unterhalb des Amazonas. Beide Ströme würden maximal 100 Kilometer in ihrer Gesamtlänge trennen, was den Hamza zum längsten, unterirdischen "Fluss" der Erde küren würde.

Doch ob der Hamza, benannt nach seinem Entdecker, dem Geophysiker Valiya Mannathal Hamza, "Fluss" genannt werden könne, zweifelt der Namensgeber selbst an. Seit 37 Jahren forscht er in Brasilien, ist Mitglied der Amerikanischen Geologischen Gesellschaft und hat über 100 Artikel in Fachjournalen publiziert.

Man habe den "Fluss"-Begriff "mehr generisch, als im geläufigen Sinne" verwendet, sagte Hamza der britischen BBC. Seine Kollegin Elizabeth Tavares Pimentel von der Universidad Federal del Amazonas hatte Ende August die gemeinsamen Erkenntnisse beim 12. Internationalen Kongress der Geophysik in Rio de Janeiro präsentiert.

Streit über die Bezeichnung

"Ein echter Fluss ist es nicht. Man kann den Hamza nicht mit unterirdischen Flüssen in Kalksteinschichten vergleichen", sagt auch Juan José Durán vom Madrider Geologischen und Minenkundlichen Institut (IGME). "Vielmehr dürfte es sich um einen Grundwasserleiter handeln. Die haben logischerweise auch eine Fließrichtung", so Durán. Hinzu komme, dass es dem Hamza an Schwung fehle.

Die Fließgeschwindigkeit des Tiefenstromes ist weit niedriger als die seines oberirdischen Zwillings. Der Amazonas legt zwischen 0,1 und zwei Meter pro Sekunde zurück. Der Hamza nur zwischen zehn und 100 Meter pro Jahr. Das macht ihn langsamer als so manchen Gletscher, auch wenn er während seines gemächlichen Verlaufs bei etwa 2000 Meter Tiefe auf etwa 4000 Meter herabsickert. Mit 3000 Kubikmetern in der Sekunde bewege der Hamza nur einen Bruchteil des Amazonaswassers und dennoch: "Mehr als manch anderer Fluss", sagt Pimentel.

Seine Entdeckung ermöglichten die in den 70er- und 80er-Jahren vom Erdölkonzern Petrobras durchgeführte Sondierungen im Amazonasgebiet. Anhand von 241 Bohrlöchern konnten die Forschungen Hamzas per Temperaturmessungen die konstante Bewegung von Wassermassen bei 24 Grad Celsius im Untergrund beweisen. Eine geothermale Methodik, die Wasser zwischen dichten Gesteinsschichten aufzeigt und in diesem Fall einen ununterbrochenen Verlauf des Untergrundstroms suggeriert.

Kritik übte der Petrobras-Geologe, Jorge Figueiredo: "Der Begriff 'Fluss' muss gestrichen werden", forderte er. Entgegen Hamza, der von einem wichtigen Süßwasserspeicher spricht, wäre das Tiefenwasser des Amazonasbeckens "sehr salzhaltig". Das hält auch der Geologe Peter Prinz-Grimm von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main für plausibel: "In den Sedimentfolgen des Karbons kommt Steinsalz vor." Der Hickhack um den "Fluss"-Status sei "ungewöhnlich" und wohl mehr Zeichen des "romantischen Personenkultes" um seinen Entdecker. Von einem "durchgehenden System zu sprechen", wäre jedoch "verwegen", da viele Schwellen im Verlauf seiner Zuflüsse undurchlässig seien.

Dass der Hamza die wasserdichten Gesteinsmassen nahe dem Atlantikufer am kontinentalen Hang durchbrechen könne, hält Figueiredo für unwahrscheinlich. Wo der Amazonas mündet, soll auch der tiefe Parallelstrom den Atlantik speisen, vermutet das Team um Hamza. Knapp 200 Kilometer abseits des riesigen Deltas ist der Salzgehalt des Ozeans so gering, das viele Süßwasserfische hier leben. Das deute auf eine Vermischung von Salz- und Süßwasser hin.

Hamza und Pimentel wollen weiterforschen, um die Komplexität des unterirdischen Wasserlaufs und dessen Abhängigkeit zur Oberwelt detailliert zu belegen.