Raumfahrt

Hotel im All soll im Jahr 2016 bezugsfertig sein

Die Raumfahrtnation Russland treibt ihr ehrgeiziges Projekt eines "Hotels" für jedermann im Weltall voran. Der Konzern RKK Energija plant, auf der größten russischen Luft- und Raumfahrtmesse MAKS, die dieser Tage in Moskau stattfindet, ein Modell der geplanten Unterkunft vorzustellen. Die "Commercial Space Station" (CSS) soll mit einer Sojus-Rakete ins All geschossen werden.

Das russische Unternehmen Orbital Technologies rechnet damit, dass spätestens 2016 Gäste in die vier "Doppelzimmer" 350 Kilometer über der Erde einziehen können - das wäre auch die Höhe, auf der die "Internationale Raumstation" (ISS) ihre Runden um die Erde dreht. "Das Projekt soll Anleger anspornen, mehr in die russische Raumfahrt zu investieren", sagte der Vizechef der Raumfahrtbehörde Roskosmos, Witali Dawydow.

Die Bezeichnung "Hotel" bildet indes nur einen Teil der russischen Pläne ab. Die private Raumstation könnte auch dazu genutzt werden, unter Schwerelosigkeit Experimente durchzuführen. Und die CSS böte auch die Möglichkeit, den Astronauten der ISS Zuflucht zu bieten, wenn es zu einer Havarie im Weltall kommen sollte. Schon mehrfach war die ISS-Besatzung bei einer drohenden Kollision mit Weltraumschrott in das angekoppelte Raumschiff evakuiert worden. Jedes Mal waren die Trümmer aber vorbeigeflogen.

Bis zum Modell auf der aktuellen Raumfahrtmesse existierten nur einige Computergrafiken, die das Hotel zeigen. Dass es tatsächlich 2016 bezugsfertig im All schweben wird, darf jedoch bezweifelt werden. Denn die Ankündigung ist nur eine weitere in einer Reihe von Plänen, die bislang alle in Schubladen ruhen.

So haben der Luftfahrtkonzern Boeing in Seattle (US-Staat Washington) und das Unternehmen Bigelow Aerospace mit Sitz in Las Vegas (Nevada) einen Vertrag geschlossen, der ein "aufblasbares Hotel" im All zum Inhalt hat. Das Projekt klingt grotesk, ist es aber nicht gänzlich. Es beruht auf Vorarbeiten der Raumfahrtagentur Nasa vom Ende der 90er-Jahre. Die damaligen Pläne sahen eine Metallkonstruktion vor, die sich im Orbit entfaltet. Das Gerüst soll dann mit einer Hülle verkleidet werden, die gut elf Kubikmeter Rauminhalt bietet. Vor fünf Jahren brachte eine russische Rakete das experimentelle Objekt "Genesis I" in den Orbit in 450 Kilometer Höhe. Das Gerüst entfaltete sich, die Hülle ebenso wie auch die Solarmodule zur Stromversorgung. Die Flugsteuerung funktionierte, und Kameras gingen in Betrieb. Auch der Testflug von "Genesis II" im Jahr 2007 verlief erfolgreich.

Inzwischen plant Firmeninhaber Robert Bigelow, der sein Vermögen unter anderem mit der Hotelkette Budget Suites of America machte, mit einem Start seines weiterentwickelten Raummoduls "Sundancer" im Jahr 2014. Dieses röhrenförmige Modul soll 6,30 Meter im Durchmesser haben und 8,7 Meter lang sein. Nach mehrmonatigen Tests der Lebenserhaltungs-, Lageregelungs- und Antriebssysteme sowie der Schutzhülle gegen Kleinstmeteoriten sollen dann erste (Hobby-)Astronauten zur Station fliegen, drei bis sechs Personen könnten Unterschlupf finden, die über vier Bullaugen die Erde bestaunen dürfen. Allerdings ist unklar, ob 2014 tatsächlich ein Raumtransporter zur Verfügung steht, mit dem die Station wirtschaftlich zu betreiben ist. Die Kapazitäten, um Menschen in die Erdumlaufbahn zu bringen, sind das Nadelöhr der Pläne.

Aktiv - zumindest verbal - war in Bezug auf ein Weltall-Hotel im Jahr 1999 auch die Hilton-Gruppe. Sie wollte der Nasa gewissermaßen gebrauchte Spaceshuttle-Außentanks abkaufen, diese im All zu einem Ring zusammenbauen und darin Gästezimmer unterbringen. Doch die Nasa konnte wegen neuer, zunächst nicht geplanter Projekte und der Zerstörung zweier Raumfähren keine Außentanks erübrigen. So war das Hilton im All gestorben - wenn es nicht ohnehin als PR-Gag konzipiert war. Allzu optimistisch waren auch die Pläne des russischen Unternehmens MirCorp, das im Jahr 2001 schon für drei Jahre später den Aufbau eines kosmischen Gasthofes ankündigte. Bei der Ankündigung ist es geblieben.

Nichts Konkretes ist auch von dem spanischen Unternehmer Xavier Claramunt zu vernehmen, der vor Jahren seine "Galactic Suite" angekündigt hatte. Und ähnlich verhält es sich auch mit dem japanischen Baukonzern Shimizu. Der hatte vor zehn Jahren angekündigt, 2017 ein Hotel im All zu betreiben. Die 35 Milliarden Euro teure Freizeitanlage sollte sich den Plänen zufolge drehen und per Fliehkraft 70 Prozent der irdischen Schwerkraft imitieren. Doch heute existiert nur eine Website mit Illustrationen, die an Perry-Rhodan-Science-Fiction-Romane der 60er-Jahre erinnern - und es existiert der Hinweis, man warte auf preisgünstige wiederverwendbare Raumfahrzeuge.

Deutlich realistischer als derartige Visionen von der Hotelsuite im All mit Blick auf den Blauen Planeten sind Pläne für etwa einstündige Flüge an den Rand des Weltalls in 110 Kilometer Höhe. Die könnten schon im übernächsten Jahr für etwa 140 000 Euro zu haben sein. Startpunkt ist der Weltraumbahnhof "Spaceport America" im US-Staat New Mexico, betrieben vom Unternehmen Virgin Galactic.

"Das Projekt soll Anleger anspornen, mehr in die russische Raumfahrt zu investieren"

Witali Dawydow, Roskosmos