Medizin

Trotz neuer Technik bleibt die Narkose ein Risiko

Die Angst vor einer Vollnarkose ist oft groß. Viele befürchten, dass sie aus dem künstlichen Schlaf nicht wieder erwachen. Aber während in den 40er-Jahren von einer Million Anästhesiepatienten noch 640 gestorben sind, waren es zum Ende der 80er-Jahre nur noch vier - modernen Sicherheitsstandards und einer besseren Ausbildung sei Dank.

Ein Bericht im "Deutschen Ärzteblatt" zeigt nun, dass die weltweite Sterberate infolge einer Narkose wieder gestiegen ist, und zwar auf etwa sieben von einer Million Patienten. Und die Zahl der Todesfälle im Jahr nach einer Operation unter Vollnarkose ist erschreckend hoch: Etwa jeder 20. stirbt im Folgejahr, unter den über 65-Jährigen sogar jeder Zehnte. "Der Anstieg liege aber nicht an einem Qualitätsverlust bei der Anästhesie, sondern daran, dass immer mehr ältere Patienten mit vielfältigen Vorerkrankungen operiert werden", sagt André Gottschalk von der Uniklinik Bochum, der Autor der Studie ist.

Eine Narkose kann etwa bei der OP eines 80-Jährigen zum Problem werden, gerade wenn er schon einen Herzinfarkt hinter sich hat oder unter Blutdruckbeschwerden leidet. "Narkose und Operation bedeuten Stress für den Körper", sagt Gottschalk. "Dass ein Patient während einer OP stirbt, ist zwar eine Rarität, aber bei Patienten mit schweren Vorerkrankungen kann der Stress nach einer ausgedehnten OP unter Umständen zum Tod führen."

Bei der Anästhesie selbst treten Komplikationen nur selten auf und lassen sich meist schnell in den Griff bekommen. "Das Einführen des Beatmungsschlauchs in die Luftröhre gelingt nicht immer sofort", sagt Gottschalk. "Zu Beginn der Narkose geben wir dem Patienten deswegen immer Sauerstoff. Sollte dann Beatmung mit der Maske oder das Einführen des Beatmungsschlauchs Probleme bereiten, ist in der Lunge noch genügend Sauerstoff für mehrere Minuten." Diese Zeit reiche, um die Beatmung neu zu versuchen.

Zum Einleiten der Narkose ist eine hohe Narkosemitteldosis nötig, die meist den Blutdruck in den Keller treibt. Hier reagiert jeder Körper anders und nicht immer wie erwartet. "Bei übergewichtigen Patienten ist die korrekte Dosierung der Narkosemittel manchmal schwer abzuschätzen, weil das Fettgewebe keine Narkosemedikamente braucht", erklärt Gottschalk. "So kann es zu einer Überdosierung und dadurch zu einem starken Abfall des Blutdrucks kommen." Dann müssen die Ärzte mit blutdrucksteigernden Medikamenten eingreifen.

Die Anästhesiemethoden vergangener Vergangenheit waren recht bescheiden: In der Antike nutzte man Extrakte von Heilpflanzen wie Mohn, Alraune oder Bilsenkraut zur Schmerzlinderung. Auch Alkohol kam als Narkosemittel zum Einsatz. Humphry Davy entdeckte 1800, dass Lachgas Schmerzen ausschaltet. Trotzdem war die Narkose durch Gasinhalation kaum in Gebrauch: Viele Ärzte glaubten, dass der Schmerz bei der Heilung hilft. "Der Beginn der modernen Anästhesie wurde durch die Chirurgen vorangetrieben. Sie mussten die Patienten irgendwie vom Schmerz befreien, weil viele Eingriffe sonst einfach nicht möglich waren", erklärt Michael Sander, von der Klinik für Anästhesiologie der Berliner Charité. Den Durchbruch dabei brachte 1846 die Narkose durch das Inhalieren von Äther. Das Problem war jedoch die Explosivität des Äthers. "Heute nutzen wir, je nach Indikation, die Gasinhalation auch noch, jedoch mit sicheren, modernen Narkosegasen." Zwar führt das Einatmen von Gas zu Übelkeit, belastet das Herz aber weniger als intravenöse Mittel. Es wird daher bei Herzpatienten eingesetzt.

Anästhesie heißt also nicht einfach, einen Patienten ins Land der Träume zu schicken. Sie ist inzwischen eine Rundumversorgung und ein fein justiertes System aus mehreren Komponenten: Zuerst bekommt der Patient ein starkes Schmerzmittel. Als Nächstes versetzt ihn ein starkes Schlafmittel in einen hypnoseähnlichen Zustand. Um die Bewegungsfähigkeit des Patienten auszuschalten, verabreicht der Anästhesist dann eine Substanz, die die Übertragung der Signale aus dem Gehirn an die Bewegungsmuskeln unterbricht.

Die Schmerzfreiheit macht nicht nur die Operation durchführbar, sondern ist auch bei der Genesung wichtig: So kann der Patient zum Beispiel ohne Schmerzen durchatmen, was das Risiko einer Lungenentzündung reduziert. Und auch das Wärmen des Patienten während der Operation, frühzeitige Bewegung und eine möglichst kurze Phase der Beatmung schützen vor Infektionen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen birgt die Narkose Risiken. "Im Notfall muss das ganze Personal automatisch richtig funktionieren, ohne groß nachzudenken", sagt André Gottschalk. "Um das zu gewährleisten, empfehle ich regelmäßige Simulationsoperationen mit dem gesamten Team." An einer hoch technisierten OP-Puppe können die Ärzte Zwischenfälle proben.

Dennoch ist die Ausbildung der Fachärzte in Deutschland ein Schwachpunkt: Während in den Niederlanden die Kliniken für jede Weiterbildung einen staatlichen Zuschuss bekommen, müssen die deutschen Krankenhäuser alles selbst zahlen. Sander rät: "Wir müssen in gute Ausbildungskonzepte investieren, um den Anforderungen, die die alternde Gesellschaft mit sich bringt, zu genügen."

Die Technik ermöglicht riskante Operationen an immer älteren Patienten