Kältekammer

Therapie bei minus 110 Grad

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Christiane Löll

Regenerieren bei arktischen Temperaturen? Therapeuten setzen zum Beispiel bei Schmerzpatienten und Menschen mit Schlafstörungen oder Depressionen große Hoffnung auf die Wirkung von Kältekammern. Maximal drei Minuten dauert der Aufenthalt bei minus 110 Grad.

Für viele Menschen ist es wohl kaum vorstellbar: freiwillig einige Minuten in dieser Kälte in Badekleidung herumzulaufen.

Kältekammern nutzen beispielsweise auch Leistungssportler zum Regenerieren und als Trainingsvorbereitung. Sie werden aber auch in Kliniken oder Praxen eingesetzt. Vereinzelt finden sie sich mittlerweile auch in Wellnesshotels.

Als echten Kick mit Adrenalin- und Endorphinschub bezeichnen erfahrene Kammergänger die Erfahrung bei diesen Temperaturen. Eine unklare wissenschaftliche Datenlage gibt es darüber, wie medizinisch wirksam dieses Verfahren ist. "Die Methode kommt ursprünglich aus Japan, sie wurde dann für Rheumapatienten mit Schmerzen in den Gelenken weiterentwickelt", sagt der Mediziner Markus de Marées von der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Die Kammern seien in der Regel zwei mal zwei Meter groß. Man nähere sich den minus 110 Grad bei den meisten Modellen über zwei Vorkammern mit zunächst minus zehn, dann minus 60 Grad Celsius. "In der kältesten Kammer selbst sollte man schnelle Bewegungen vermeiden. Die meisten gehen dabei langsam im Kreis herum." Immer bestehe Kontakt nach außen zu den Therapeuten, je nach Konzept blieben die Besucher ein bis drei Minuten in der Kälte. Die Haut kühlt sich auf etwa fünf Grad Celsius ab, die Körpertemperatur bleibt aber in der Regel stabil durch natürliche Gegenregulation. Durch die Kälte sollen schmerz- und entzündungshemmende Mechanismen in Gang gesetzt werden.

Einiges müssen Nutzer beachten, bevor sie in die Kälte schreiten: Sie müssen die Ohren vor den Minusgraden schützen, Handschuhe und Mundschutz tragen. Anfassen dürfen sie nichts. Haare und Haut müssen komplett trocken sein. Pflaster, Kontaktlinsen und Piercings müssen entfernt werden. Und das Herz-Kreislauf-System sollte in Ordnung sein. Bluthochdruckpatienten beispielsweise werde von einem Besuch abgeraten, sagt de Marées.

Bundesligavereine wie Bayer 04 Leverkusen haben solch eine Kammer in Betrieb genommen, auch das Bundesleistungszentrum Kienbaum im Brandenburger Landkreis Märkisch-Oderland hat eine im Angebot. Dort regenerieren und trainieren Leistungssportler aller Art. "Wenn Sportler 14 Tage bei uns verbringen, dann nutzen sie die Kammer durchschnittlich vier- bis fünfmal in dieser Zeit", sagt Kienbaum-Geschäftsführer Klaus-Peter Nowack. Empfohlen werde die Kältetherapie etwa nach einer intensiven Trainingseinheit, um Muskelbeschwerden zu vermeiden. Auch vor einer Belastung nutzen die Sportler die Kälte, sie gilt laut de Marées als Möglichkeit zur kurzfristigen Leistungssteigerung.

Immer wieder finden sich Berichte über Besucher solcher Kältekammern, etwa in Hotels in Österreich. "In Wellness- und Spa-Einrichtungen in Deutschland kommen Kältekammern eher selten vor", sagt Lutz Hertel vom Deutschen Wellness-Verband in Düsseldorf. Genaue Daten lägen ihm nicht vor, in Polen aber seien wohl mehr Wellnesshotels mit Kältekammern ausgestattet. Die Investitionskosten betragen mehrere Hunderttausend Euro für die Betreiber.

Mehr als 70 000 Kältetherapien hat das Immanuel-Krankenhaus Berlin, eine Spezialklinik für Rheumaorthopädie, Rheumatologie und Naturheilkunde, seit 1989 bei ambulanten und stationären Patienten angewendet. Infrage kommt das Verfahren laut Frank Ruppenthal, Leiter der Physiotherapie, unter anderem für Rheuma- und Schmerzpatienten, Menschen mit Schlafstörungen, Depressionen oder Burn-out-Syndrom sowie für Patienten mit Hauterkrankungen. Zur Kältetherapie gibt es eine Reihe von Studien, der Nutzen und die Wirkung sind jedoch nicht eindeutig. "Wissenschaftlich direkt mit Fakten ist wenig belegt zu dieser Form von Kältetherapie, die Studienergebnisse sind sehr heterogen", sagt de Marées. So sei die Zahl der Studienteilnehmer oft sehr niedrig, die Verweildauer in der Kammer unterschiedlich, und die Kältetherapie werde teils nicht isoliert angewendet, sondern beispielsweise mit Medikamenten oder anderen physikalischen Verfahren kombiniert.

In einem Übersichtsartikel im Fachjournal "Sports Medicine" berichten Wissenschaftler aus Mailand darüber, dass zumindest bei Gesunden bislang keine Schäden durch die Kryotherapie zu erwarten seien. Antientzündliche Prozesse im Körper würden teils gefördert, es zeigten sich positive Effekte auf muskuläre Enzyme.

Ein schmerzhemmender Effekt sei nachweisbar, schreibt Josef Hermann von der Medizinischen Universität Graz in einem Übersichtsartikel in der "Zeitschrift für Rheumatologie". So könne eine Schmerzfreiheit von bis zu zwei Stunden erreicht werden. Es bleibe aber bislang unklar, ob eine Ganzkörperkältetherapie die Krankheitsaktivität der Rheumatoiden Arthritis günstig beeinflussen könne, heißt es weiter. Ein allgemeiner klinischer Einsatz sei wegen der teilweise hohen Abbruchrate von Probanden derzeit nicht gerechtfertigt.