Gesundheit

Der Mediziner als Patientenflüsterer

| Lesedauer: 5 Minuten
Christiane Löll

Giftgrüne Erdbeermilch mit leichtem Lavendelgeschmack. Was sich nach einer harten Prüfung für die Sinne anhört, ist Bestandteil der Forschung zum Placeboeffekt. Das eigens entwickelte Getränk kam an der Uniklinik Essen zum Einsatz, um die die Wirkung von Placebos und Medikamenten auf das Immunsystem zu untersuchen.

Die Forscher wollen klären, welche Faktoren in welchem Ausmaß zum Placeboeffekt beitragen und wie sie sich das Gehirn widerspiegelt. Warum treten positive Wirkungen ohne erkennbaren medizinischen Grund auf?

Zum einen geht es ihnen um das Anwenden neuer Erkenntnisse der Placeboforschung im klinischen Alltag. Die Bundesärztekammer hatte erst im März ihre Klientel aufgefordert: "Nutzen Sie die tiefergehenden Kenntnisse der Placeboforschung, um erwünschte Arzneimittelwirkungen zu maximieren, unerwünschte Wirkungen von Medikamenten zu verringern und Kosten im Gesundheitswesen zu sparen." Zum anderen sind Placebokontrollierte Studien Voraussetzung für eine evidenzbasierte Medizin. Neue Medikamente werden mit einem Placebo, also einem wirkstofflosen Scheinpräparat, verglichen, um auf diese Weise die Wirksamkeit des Präparates zu prüfen.

Placebo-Studien umstritten

Aber es mehren sich Stimmen, die die Aussagekraft solcher Studien infrage stellen. Oder zumindest die Art und Weise, wie der Placebo-Effekt "herausgerechnet" wird, wie die Experten sagen. "Placeboeffekte beruhen auf drei grundlegenden Mechanismen", sagt Professor Manfred Schedlowski von der Uniklinik Essen. Dazu gehören die Erwartungshaltung, bewusste oder unbewusste Lernprozesse, sowie die Qualität der Beziehung zwischen Arzt und Patient. "Alle drei Faktoren hängen zusammen, aber wir haben noch nicht herausgefiltert, was welchen Anteil hat", sagt der Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie.

Schedlowskis Versuche mit der grünen Erdbeer-Lavendelmilch begannen bereits vor einigen Jahren. Das Team wollte und will den Aspekt der Lernprozesse auf den Placebo-Effekt untersuchen, entsprechend den Versuchen mit den Pawlowschen Hunden. Denen wurde das Futter zunächst immer zusammen mit einem Glockenton gereicht, so dass die Hunde irgendwann allein beim Hören der Glocke zu sabbern anfingen. Solch einen Reiz wollten die Essener Forscher mit ihrer ihre Erdbeermilch setzen.

"Die Medizinstudenten tranken verschiedene Getränke und wählten dann diese Milch als besonders einzigartig und neu im Geschmack heraus", berichtet Schedlowski. Sinn und Zweck der Sache: Mit diesem Getränk spülten gesunde Probanden vier Mal in zwei Tagen das starke Immunsupressivum Ciclosporin A herunter. Dieses erhalten etwa Patienten nach einer Organtransplantation, um die Abstoßung des fremden Organs durch das eigene Immunsystem zu verhindern. Das Blut der Studienteilnehmer wurde untersucht, etwa auf Botenstoffe und weiße Blutkörperchen, deren Funktion durch das Mittel eingeschränkt war.

Die Forscher warteten dann einige Tage, bis Ciclosporin A wieder aus dem Körper der Probanden heraus war und ließen sie noch einmal die Milch trinken, diesmal ohne Medikament. "Dennoch war eine Wirkung am Immunsystem zu sehen, zwar nicht ganz so stark wie beim Medikament, aber allein durch den Geschmacksreiz hatte sich der Körper offensichtlich darauf eingestellt", sagt Schedlowski.

Bei einem weiteren Versuch mit dem grünem Drink erhielten 30 Hausstauballergiker fünf Mal ein Antihistaminikum zur Verminderung der Allergie zusammen mit dem Getränk. Nach einer Pause von zehn Tagen wurden drei Gruppen gebildet, die folgendes erhielten: Wasser plus Medikament, Erdbeermilch plus Placebo oder Wasser plus Placebo. Bei Hauttests stellten die Forscher fest, dass nach dieser Gabe bei allen eine schwächere Reaktion auftrat. Auf der Ebene von Blutzellentests hatte allerdings vor allem jene Gruppe reagiert, die erneut die Erdbeermilch erhalten hatte und kein Medikament.

Bedeutet dies, dass Ärzte einfach weniger "echte" Pillen verschreiben und vielleicht jeden zweiten Tag nur eine Attrappe geben können - bei gleicher Wirkung aber weniger Kosten und Nebenwirkungen? "Theoretisch wohl schon, ethisch ist das aber ein Problem und verletzt das Vertrauen zwischen Patienten und Arzt", sagt Christian Büchel, Direktor des Instituts für Systemische Neurowissenschaften an der Uniklinik Hamburg. Als höchste Güter der Arzt-Patient-Beziehung gelten die vollständige Aufklärung und die Einwilligung des Patienten.

Wie dauerhaft ist der Effekt?

Auch in den Studien stoßen Placeboforscher an Grenzen. Die Teilnehmer müssen daher einwilligen, dass sie erst nach dem Versuch die ganze Wahrheit erfahren werden. "Vieles in der Placeboforschung ist spannend, aber ethisch absolut nicht machbar", sagt Büchel. Das bestätigt auch Schedlowski: "Bevor wir unsere Ciclosporin-Konditionierung bei Schwerkranken einsetzen können, müssen wir die Mechanismen genau analysieren." Zudem müsse geklärt werden, wie dauerhaft der erlernte Placeboeffekt sei.

Welche Rolle die Erwartungshaltung an eine Therapie spielt, überprüft auch Professor Winfried Rief vom Institut für Psychologie und Psychotherapie der Universität Marburg an Patienten der Herzchirurgie. "Wir haben in Vorstudien gesehen, dass die Einstellung, die Patienten vor einem Eingriff am Herzen haben, eine gute Vorhersage dafür ist, wie es den Patienten drei Monate nach der Operation wirklich geht", sagt Rief, "wenn die Patienten erwarten, dass sie nicht belastet sein werden und wieder arbeiten können, ist das sehr wahrscheinlich auch der Fall." In der Regel träfen die Erwartungen der Patienten zu. In einer Interventionsstudie wollen die Psychologen nun klären, ob mit persönlichen Gesprächen vor der Operation die Erwartung so positiv beeinflusst werden kann, dass der Verlauf nach dem Eingriff ebenso positiv ausfällt.