Medizin

Deutschlands Kinder werden kränker

Immer mehr Kinder in Deutschland sind zu dick und haben psychische Probleme: Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt eine Forsa-Umfrage unter hundert Kinderärzten im Auftrag der Krankenkasse DAK. Der gestern veröffentlichen Studie zufolge sagt eine Mehrheit der Ärzte (51 Prozent), dass sich der Gesundheitszustand der Kinder innerhalb von zehn Jahren verschlechtert hat.

Vier Prozent konstatieren sogar eine deutliche Verschärfung der Situation.

Nach den Beobachtungen der befragten Bei psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten sprachen 55 Prozent von einer starken Zunahme, 42 Prozent sehen ein leichtes Anwachsen. Vor allem bei Kindern zwischen sechs und acht Jahren beobachteten sie dies. Ähnlich dramatisch ist die Entwicklung bei Übergewicht. Nach der Umfrage haben auch die motorischen Defizite zugenommen, die Sprach- und Hörprobleme, Rücken- und Haltungsprobleme sowie Hauterkrankungen.

Zu den Gründen für die zunehmend beobachteten Gesundheitsprobleme befragt, äußern die Ärzte weitgehend bekannte Gründe - die aber deshalb nicht weniger ernst zu nehmen sind. Die größten Risikofaktoren sind demnach zu wenig Bewegung in der Freizeit und zu intensive Mediennutzung, ungesunde Ernährung, fehlende Vorbildfunktion der Eltern, geringe Bildung und/oder geringes Einkommen sowie mangelhafter Sportunterricht. Kaum erklären können diese Angaben, warum psychische Auffälligkeiten so zugelegt haben. Vor allem Stress sei verantwortlich, sagt Professor Hans-Jürgen Nentwich von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin in Berlin. "Die Erwartungshaltung der Eltern, dass ihre Kinder einen hohen Schulabschluss schaffen, wird stärker", sagt der Mediziner. "Der Erfolgsdruck ist für manche Kinder eine Überforderung. In extremen Fällen kann daraus sogar ein Suizid folgen."

Das Problem erkennt Nentwich vor allem bei Kindern und Jugendlichen aus bildungsorientierten Familien. Anders sieht es mit Kindern aus bildungsfernen Familien und/oder Familien mit geringem Haushaltseinkommen aus. Dort, so der Pädiater, ist eher Ausgrenzung eine Ursache für psychische Belastungen: "Wenn die Jugendlichen bei Markenkleidung oder Klassenausflügen nicht mithalten können, verstärkt das die Außenseiterrolle."

Nentwich bestätigt die insgesamt zunehmenden Gesundheitsprobleme des Nachwuchses, und er sieht auch dieselben Gründe. Man müsse davon ausgehen, dass sich der Trend weiter fortsetzt. Da die Ursachen weitgehend im familiären Umfeld zu suchen sind, erkennt er aber relativ wenige Möglichkeiten der Kinderärzte, präventiv einzugreifen. Die von den Krankenkassen vorgegebenen Vorsorgeuntersuchungen sind nach seiner Meinung ungenügend, weil sie vor allem Kinder bis zum 6. Lebensjahr betreffen, viele Probleme aber später sichtbar würden. "Die Vorsorgeuntersuchungen müssten bis zum aller von 14 Jahren gehen." Er empfiehlt zudem, die Lehrinhalte im Medizinstudium und die Fortbildung besser auf die psychischen Probleme abzustimmen, und er fordert eine Weiterbildungspflicht.

"Wir sehen mit großer Sorge die zunehmende Zahl von Kindern mit Entwicklungsdefiziten, die mit diesen Handicaps zu einem großen Teil bereits in der Schule scheitern", erklärte bereits zuvor Wolfram Hartmann, der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Große Sorge bereite ihm die Zahl übergewichtiger Kinder, denen früh Herz- und Gefäßerkrankungen oder Diabetes drohten. Die Kinder- und Jugendärzte beklagen, dass das Früherkennungsprogramm der gesetzlichen Krankenkassen seit Einführung vor 40 Jahren nicht angeglichen wurde. Das Konzept müsse vollständig überarbeitet und mehr darauf konzentriert werden, Krankheiten zu vermeiden statt sie nur später zu erkennen.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) erklärte hingegen im Juni, es bestehe kein "vordringlicher Handlungsbedarf", er verwies auf die vielen Aktivitäten zur Prävention. Ja, es mangele nicht an Programmen zur Gesundheitsvorsorge, sagt Marlene Rupprecht (SPD), Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestags. Sie müssten jedoch auf ihre Wirksamkeit überprüft und gezielter auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ausgerichtet werden.