Mehr als 1200 EHEC-Fälle

Seuchen-Experten befragen Betroffene

Deutsche Kliniken führen aufgrund der EHEC-Erkrankungen erstmals ein bundesweites Register über Behandlungsergebnisse von Patienten ein. An der Datenbank beteiligten sich derzeit 15 Krankenhäuser, darunter die Universitätskliniken in Hamburg, Hannover und Kiel, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, Reinhard Brunkhorst, gestern in Hamburg.

In der Datenbank würden alle Patienten mit dem Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) erfasst und die Erfolge der Plasmapherese dargestellt, so Nierenspezialist Brunkhorst. Zudem stimmen sich die Kliniken bei der Behandlung von Patienten mit der Antikörpertherapie ab.

Beim Register werde auch mit dem Robert-Koch-Instiut (RKI) zusammengearbeitet. "Ich glaube es ist ganz wichtig, dass wir uns bei der derzeitig schwachen Datenlage zusammenfinden und die Erkenntnisse gemeinsam sammeln", sagte Brunkhorst. Seit zwei Tagen hat das Robert-Koch-Institut (RKI) sein Krisenmanagement verschärft und mehrere neue Teams nach Norddeutschland entsandt. Die Mitarbeiter der Abteilung 'Infektionsepidemiologie', also Fachleute für Seuchen und Epidemien, befragen derzeit gemeinsamen mit Angestellten der städtischen Gesundheitsämter erkrankte Patienten. Wie Kriminalbeamte versuchen sie zu ermitteln, welche Lebensmittel auf den Speiseplänen der Kranken standen - aber auch in welchen Restaurants oder Kantinen sie gegessen haben oder mit welchen Tieren und damit potenziellen Überträgern sie in Kontakt kamen.

Die Patienten werden am Krankenbett nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt. "Die Befragungen sind sehr umfangreich und können mehrere Stunden dauern", sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut. "Versuchen Sie mal sich daran zu erinnern, was Sie vor zehn Tagen gegessen haben." Bis zu zehn Tage kann es von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit dauern. Solange muss der Speisezettel zurückverfolgt werden. RKI-Experten haben einen Fragebogen entwickelt. "Uns ist klar, dass wir nach den Befragungen keine einzelnen Lebensmittel herausfiltern können", sagt Glasmacher. "Uns geht es darum, Lebensmittelgruppen zu benennen, die dann von Ernährungswissenschaftlern verschärft untersucht werden."

Das gefährliche Darmbakterium EHEC breitet sich unterdessen weiter aus. Inzwischen gibt es mehr als 1200 Fälle, 520 Patienten leiden an dem HU-Syndrom mit besonders schweren Nebenwirkungen. Die Zahl der Todesopfer stieg auf 19. Möglicherweise hat es im Land Brandenburg den ersten Todesfall durch EHEC gegeben. Die Untersuchungen sind aber noch nicht abgeschlossen. Sollte sich der Verdacht bestätigen, würde das heißen, dass sich der Keim von Norddeutschland nach Osten ausbreitet.

Die Bundesregierung hält die Warnung aufrecht, dass keine Tomaten, Gurken und Blattsalate in Norddeutschland verzehrt werden sollten. In Hamburg hat die Polizei zwei Großhändler und einen Gastronomen ins Visier genommen, berichtet die "Bild"-Zeitung. "Wir ermitteln wegen des Verdachts des Inverkehrbringens von gesundheitsgefährdenden Lebensmitteln im Zusammenhang mit den kontaminierten Gurken", sagte ein Polizeisprecher. Die Ermittlungen beziehen sich aber auf die Zeit, als spanische Gurken für die Infektionswelle verantwortlich gemacht werden.

Laut Universitätsklinikum Schleswig-Holstein ist der Erreger noch aggressiver als angenommen. Er sei eine Kombination aus einem Bakterium, das in Zentralafrika blutige Darmentzündungen verursache und dem EHEC-Erreger. "Hier sind zwei tödliche Keime miteinander vereinigt", sagte der Direktor der Kieler Klinik für Innere Medizin, Prof. Stefan Schreiber

Die Erkrankungen könnten nach Ansicht des Hygiene-Experten Klaus-Dieter Zastrow auch durch einen Anschlag ausgelöst worden sein. "Es kann durchaus sein, dass ein Schwachkopf unterwegs ist und denkt, ich bringe mal ein paar Leute um oder verpasse 10 000 Leuten Durchfälle", sagte der Chefarzt für Hygiene an den Vivantes-Kliniken Berlin der Nachrichtenagentur dapd. Das Bundesinnenministeriums erklärte, es gebe keine Hinweise auf bioterroristische Aktivitäten.

Unterdessen hat das Berliner Universitätsklinikum Charité das EHEC-Krisenmanagement kritisiert. Der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, sagte dem "Tagesspiegel", es mache ihn "unruhig", dass der EHEC-Ausbruch seit Anfang Mai laufe, "wir aber außer den verdächtigen Gurken aus Spanien noch immer keinen Hinweis auf die originäre Erregerquelle haben". Frei kritisierte die Arbeit des Berliner Robert-Koch-Instituts. Die Charité habe erst in dieser Woche Fragebögen für die EHEC-Patienten zugeschickt bekommen. Das Robert-Koch-Institut wies die Vorwürfe zurück.

"Es ist ganz wichtig, dass wir die Erkenntnisse gemeinsam sammeln"

Reinhard Brunkhorst, Nephrologe