Interview

"EHEC-Patienten sollten Antibiotika bekommen"

Der Ursprung der EHEC-Epidemie bleibt mysteriös. Das Coli-Bakterium könnte auch aus einem Krankenhaus stammen, meint Professor Alexander S. Kekulé. Mit dem Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Uni-Klinikums Halle sprach Norbert Lossau.

Berliner Morgenpost: Zur Behandlung von EHEC-Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf (HUS) werden Dialysegeräte eingesetzt. Droht hier ein Engpass?

Alexander Kekulè: Ich bin kein Kliniker, doch ich kann mir vorstellen, dass es grundsätzlich schwierig ist, genügend Dialysegeräte auf Intensivstationen zum Einsatz zu bringen, wo HUS-Patienten behandelt werden müssen. Ambulante Geräte kann man nicht so einfach in die Intensivstationen der Kliniken umpflanzen.

Berliner Morgenpost: Ist es denkbar, dass Patienten, die eine schwere EHEC-Infektion überleben, dauerhaft auf Dialyse angewiesen sein werden?

Alexander Kekulè: Ja, das ist leider möglich. Normalerweise ist HUS eine Erkrankung im Kindesalter. Die allermeisten Kinder überstehen eine solche Erkrankung ohne Folgeschäden, wenn sie richtig behandelt werden. Das besondere an dem aktuellen Keim ist, dass wir eine besonders hohe Quote von HUS-Fällen haben - etwa ein Drittel der EHEC-Patienten ist davon betroffen. Und wenn HUS auftritt, ist das Toxin so aggressiv, dass bleibende Nierenschäden nicht selten sind. Auch andere Organe werden angegriffen - sogar das Gehirn.

Berliner Morgenpost: HUS verursacht auch epileptische Anfälle?

Alexander Kekulè: Ja. Der Anfall ist aber nur ein Symptom für eine zentralnervöse Störung. Bestimmte Regulationsmechanismen im Gehirn funktionieren dann nicht mehr. Das kann reversibel sein, es kann aber auch zu bleibenden Schäden kommen.

Berliner Morgenpost: Sie sagen, dass HUS normalerweise eine Erkrankung bei Kindern ist?

Alexander Kekulè: Ja. Das ist eine Komplikation die in erster Linie bei Kindern auftritt, die mit EHEC-Erregern infiziert sind. EHEC sind E.coli-Bakterien, die ein bestimmtes Toxin produzieren, zusätzlich den Darm in besonderer Weise schädigen und schlimmen Durchfall auslösen. Mindestens die Hälfte aller Rinder haben EHEC im Darm. Deshalb finden Sie praktisch auf jedem Bauernhof bei einer Wischprobe EHEC-Erreger. Erwachsene sind deutlich seltener betroffen, weil ihr Immunsystem schon häufiger Kontakt mit diesen Bakterien hatte und sie im Laufe des Lebens einen gewissen Schutz aufgebaut haben. Von den Kindern, die an EHEC erkranken, sind rund fünf Prozent von HUS betroffen. Doch das kann meist vollständig kuriert werden.

Berliner Morgenpost: Ist der grassierende Keim gefährlicher?

Alexander Kekulè: Ja, das ist ein ganz ungewöhnlicher Keim, der übrigens von Mikrobiologen gar nicht als EHEC sonder als STEC bezeichnet wird. Die EHEC-Erreger haben zwei charakteristische Eigenschaften. Erstens: Sie produzieren das Shiga-Toxin Typ 2, das über das Blut verbreitet wird. Und zweitens verfügen sie über einen Rezeptor, mit dem sie besonders intensiv an die Dickdarmwand ankoppeln können. Diese Eigenschaft fehlt jedoch dem aktuellen Keim. Er schädigt also gar nicht so sehr den Darm wie ein normaler EHEC, dafür produziert er ein besonders aggressives Toxin. STEC steht für Shiga-Toxin produzierendes E.Coli.

Berliner Morgenpost: In der Öffentlichkeit wird es gleichwohl beim Begriff EHEC bleiben?

Alexander Kekulè: Das kann ich nicht beeinflussen. Doch für die Fachleute ist wichtig, dass es sich hier eben nicht um einen EHEC, sondern um einen STEC-Erreger handelt. Es ist ein besonderer Erreger, der in dieser Form auch noch nie bei Epidemien aufgetreten ist. So schwere Krankheitsverläufe wie dieses Mal hat es noch nie mit EHEC-Erregern gegeben. Und weil es diesmal ein so ganz anderer Keim ist, sollte man darüber nachdenken, vom bisherigen Dogma bei der Behandlung von EHEC abzuweichen, keine Antibiotika zur Therapie zu geben. Ich habe empfohlen, den STEC-Patienten ganz bestimmte Antibiotika zu geben, die ausschließlich im Darm wirken, um die Erreger dort schnell zu entfernen.

Berliner Morgenpost: Könnte man das nicht auch mit Haferschleim und Rizinusöl erreichen?

Alexander Kekulè: Das funktioniert leider nicht. Die Erreger krallen sich an der Darmwand fest wie Pech und Schwefel.

Berliner Morgenpost: Beim jetzt grassierenden Keim handelt es sich offenbar um einen neuen Erreger. Wie oft entstehen neue E.Coli-Bakterien?

Alexander Kekulè: Das passiert dauernd und wir Menschen fördern es intensiv - durch Antibiotikagaben im Krankenhaus und durch den Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht. Dadurch erzeugen wir bei den Bakterien einen starken Selektionsdruck und beschleunigen die Evolution der Keime. Die E.Coli-Bakterien können im Darm untereinander Gene austauschen. Genau dies ist im aktuellen Fall geschehen. Dass ein solch aggressiver Keim eines Tages in Erscheinung treten würde ist also keine Überraschung. Davor haben Experten immer wieder gewarnt.

Berliner Morgenpost: Der aktuelle Keim ist wahrscheinlich eher in der Landwirtschaft als in einem Krankenhaus entstanden?

Alexander Kekulè: Das scheint in der Tat näherliegend zu sein, doch es könnte ebenso sein, dass der Erreger in einem Krankhaus entstanden ist. Ein Patient könnte den neuen Keim unter einer Antibiotikatherapie ausgebrütet haben. Und wenn dieser Patient ein Bauer gewesen ist, dann hat er vielleicht nach seiner Entlassung seine Kühe infiziert. Das ist durchaus denkbar.

Berliner Morgenpost: Forscher haben entdeckt, dass mit Heu gefütterte Kühe viel weniger EHEC-Keime im Darm haben, als Tiere die Soja und Weizen bekommen. Ist das auch eine Spur?

Alexander Kekulè: Die Rinder haben möglicherweise deshalb so häufig EHEC-Erreger im Darm, weil diese den Tieren immunologisch nutzen. Das Shiga-Toxin verursacht bei Rindern eine sanfte Unterdrückung der Immunantwort, die offenbar von Vorteil ist. Gibt man diesen Rindern Antibiotika, fördert man die Entwicklung von neuen EHEC-Erregern.

Berliner Morgenpost: Dass natürlicher lebende Rinder weniger EHEC-Erreger haben ist aber Tatsache?

Alexander Kekulè: Das ist bekannt. Deshalb haben zum Beispiel Rinder in Entwicklungsländern weniger EHEC-Erreger. Wir haben hier ein Problem der Industriestaaten.

Berliner Morgenpost: Warum konnte der Ursprung der Infektionswelle noch nicht aufgeklärt worden?

Alexander Kekulè: Das ist für mich ein Mysterium. Das Robert-Koch-Institut hat ja am Anfang sehr schnell reagiert und nach einer Studie mit 25 Patienten die Gurken, Tomaten und Salate als Quelle identifiziert. Seitdem haben wir aber nichts mehr aus dem RKI gehört. Möglicherweise gibt es also keine identifizierbare Quelle mehr, weil die Keime inzwischen auf mehreren Wegen verbreitet werden. Man muss deshalb jetzt auch in Erwägung ziehen, dass die Keime auch per Schmierinfektionen weitergegeben werden und nicht mehr ausschließlich über Lebensmittel verbreitet werden. Die noch unklaren Daten werden aus gutem Grunde nicht vom RKI veröffentlicht.

Berliner Morgenpost: Was heißt hier aus gutem Grund?

Alexander Kekulè: Wenn das RKI jeden Tag den aktuellen Erkenntnisstand ins Internet setzen würde, dann begännen alle möglichen Leute mit dem Kaffeesatzlesen. Wenn da etwa drei Mal ein bestimmtes Geschäft auftauchte, würde dieses sofort boykottiert. Doch es darf niemand vorzeitig verurteilt werden. Das RKI arbeitet in dieser Sache absolut professionell - anders als jene Hamburger, die vorschnell die spanischen Gurken an den Pranger gestellt haben.

Berliner Morgenpost: Derzeit boykottieren die Menschen vorsorglich jede Form von Obst und Gemüse.

Alexander Kekulè: Sofern es eine einzelne anfängliche Quelle für die Keime gegeben haben, dann sind doch alle landwirtschaftlichen Produkte sicher, die lokal produziert und verkauft werden. Es ist praktisch ausgeschlossen, das da dieser Keim drauf ist. Meine Empfehlung: Außerhalb des Epizentrums rund um Hamburg können Sie von nur lokal liefernden Erzeugern Obst- und Gemüseprodukte gefahrlos kaufen. Auf Rohkost aus einer unbekannten Quelle, zum Beispiel in einer Kantine oder von einem Caterer, würde ich allerdings verzichten.

Berliner Morgenpost: Und Gemüse aus dem eigenen Garten kann man ohne jedes Risiko essen?

Alexander Kekulè: Ja, auf jeden Fall.

Berliner Morgenpost: Wenn ich Gemüse aus unklarer Quelle habe, dann hilft doch auch Kochen?

Alexander Kekulè: Kochen ist nicht mal nötig. Drei Minuten bei 70 Grad Celsius reichen.

Berliner Morgenpost: Ist auch die Übertragung von Mensch zu Mensch möglich?

Alexander Kekulè: Die Ausbreitung der Keime deutet darauf hin, dass Schmierinfektionen eine Rolle spielen könnten. Ich würde vorsichtshalber empfehlen, sich gut die Hände zu Waschen, wenn man nach Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause kommt.