Energieverbrauch

Das Internet als Klimakiller

Mit großen Töpfen voll grüner Farbe sieht man die Lobbyisten der Computerindustrie durch die Lande ziehen und die digitale Moderne mit einem Öko-Anstrich versehen. Geht es nach der IT-Branche, dann ist sie die Avantgarde der Ökologiebewegung. "Elektronen zu bewegen ist viel effizienter, als Atome zu bewegen."

So wirbt etwa der Suchmaschinenkonzern Google für das neue, angeblich tiefgrüne Informationszeitalter - und natürlich für sich selbst. Wer Informationen durch die Netze bewege anstatt Menschen und Güter durch Zeit und Raum, der spare Rohstoffe und tue Gutes für die Umwelt, so die Botschaft. Öffentlichkeitswirksam investiert Google in die Windenergieerzeugung. Der Begriff "Green-IT" steht für umweltschonende Datenverarbeitung. So mag man glauben, die IT-Industrie stehe kurz vor der Erfindung nachwachsender Computer. Die Wirklichkeit sieht aber völlig anders aus.

Längst sind Heimcomputer, Tabletts, Smartphones, Rechenzentren und die Netzinfrastruktur, die das alles miteinander verbindet, zu einem der größten Stromfresser der Welt geworden. Wie Forscher an der TU Dresden errechneten, sind die Zuwächse beim Energieverbrauch des Internets immens. Demnach soll das Web um 2030 bereits so viel Strom verbrauchen, wie heute die gesamte Weltbevölkerung. Inklusive Telefon- und Handynetzbetrieb werden bereits heute über drei Prozent des weltweiten Energiebedarfs für den Betrieb des Internets verbraucht. Tendenz steil ansteigend: Würde man den IT-Standard der Industrieländer auf den ganze Globus ausdehnen, wären 40 Prozent der gesamten Kraftwerksleistung notwendig, errechneten die Dresdner Forscher.

Die Ergebnisse solcher Hochrechnungen sind gleichwohl theoretisch und deshalb mit Vorsicht zu genießen. Denn es muss nicht so kommen wie prognostiziert. Schließlich führt der technische Fortschritt auch in der Netzwelt zu erheblichen Energieeinsparungen. Diese wurden aber bislang durch die Zuwachsraten mehr als kompensiert.

Dezentrale Computer-Produktion

Bald täglich werden neue Wachstumsziele gemeldet. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kündigte jetzt an, das soziale Netzwerk auch für Kinder unter 13 Jahren öffnen zu wollen - als "Bildungsplattform". Nach einem US-Bundesgesetz ist das derzeit noch verboten, weil persönliche Daten von unter 13-Jährigen nicht gespeichert werden dürfen. Dessen ungeachtet besitzen jedoch laut einer Studie des Pew-Instituts in den USA bereits über 55 Prozent der 12- bis 13-Jährigen einen Facebook-Account.

Die bislang überwiegend konventionelle Energieerzeugung für den Betrieb der Datentechnik verursacht erhebliche Umweltlasten. Allein das Internet verursacht durch seinen Stromverbrauch weltweit inzwischen ebenso viel CO2-Ausstoß wie der Flugverkehr, errechnete das Freiburger Öko-Institut. Wobei bislang keine Rede davon sein kann, dass die Informationstechnik die Transporttechnik ersetzt. Im Gegenteil: Die weltweit dezentralisierte Produktion der Computerhardware bewirkt kräftige Zuwachsraten beim Frachtaufkommen im Schiffs- und Flugverkehr - mit entsprechenden Folgen für den CO2-Ausstoß.

Heruntergebrochen auf den einzelnen Computernutzer braucht jede Suchanfrage bei Google so viel Strom wie eine Energiesparlampe in einer Stunde. Das errechneten jüngst Experten für die "New York Times". Ein anderes Beispiel: Auch der Stromverbrauch eines Second-Life-Avatars ist nicht zu unterschätzen. Wenn man den Verbrauch der Spielecomputer sowie der 4000 Second-Life-Server berücksichtigt, ergibt dies einen Jahresverbrauch von 1752 Kilowattstunden für jede der virtuellen Gestalten dieses Computerspiels. Umgerechnet bedeutet dies einen CO2-Ausstoß von 1,17 Tonnen pro Jahr, wie der US-Autor Nicholas Carr berechnet hat.

Wie das weitergeht, hat Greenpeace mit einer international angelegten Studie untersucht. "Wie schmutzig sind Deine Daten" ist der Titel einer Untersuchung, die zu dem Resümee kommt, dass "die Energie des 19. Jahrhunderts die Technik des 21. Jahrhunderts antreibt". Demnach werden die Internet-Datendienste zu "50 bis 80 Prozent von aus Kohle erzeugtem Strom betrieben". Der Verbrauch der Rechenzentren weltweit betrage derzeit 1,5 bis zwei Prozent des weltweit erzeugten Stroms. Die jährliche Steigerungsrate des Energieverbrauchs betrage zwölf Prozent. Dabei wird allein für die Kühlung der Rechner ebenso viel Energie verbraucht wie für ihren Betrieb.

Greenpeace fand heraus, dass große Rechenzentren von Google, Facebook und Apple vor allem dort angesiedelt sind, wo zumeist mit fossilen Brennstoffen elektrische Energie produziert werde. Nicht besonders gut kommt vor allem der Bannerträger der Branche, die Firma im Zeichen des Apfels, davon. Apples iDataCenter befindet sich demnach in North Carolina, einem Staat, in dem 61 Prozent des Stroms aus Kohle und 31 Prozent aus Atomkraft stammen - ein durchaus kostengünstiger, aber vergleichsweise "schmutziger Strommix", wie Greenpeace feststellt. Die beste Note bekam Yahoo von den Umweltschützern. Der IT-Konzern plane immerhin ein Rechenzentrum nahe den Niagara-Fällen, wo Strom aus Wasserkraftwerken eine günstigere Ökobilanz verspreche.

Greenpeace und Facebook

Greenpeace hatte sich schon im letzten Jahr das soziale Netzwerk Facebook vorgeknöpft, das mit seinen mittlerweile über 500 Millionen Mitgliedern nicht nur für Milliarden von Rechnerbetriebsstunden daheim bei den Nutzern sorgt, sondern auch mit seinen Rechenzentren Großverbraucher von elektrischer Energie ist. Eine von Greenpeace angestoßene Facebook-Gruppe mit dem Namen "Wir wollen, dass Facebook 100 Prozent erneuerbare Energie benutzt" hatte schnell eine halbe Millionen Mitglieder.

Vor allem der neueste Trend, das "Cloud-Computing", besorgt die Umweltschützer. Mobiles Surfen sowie die Auslagerung von Daten und Programmen in global verteilte Rechenzentren lassen den Energieverbrauch in den kommenden Jahren stark ansteigen. Rechnet man die derzeitigen Wachstumsraten beim Energieverbrauch von Datennetzen und Rechenzentren hoch, werden im Jahr 2020 rund zwei Billionen Kilowatt von dieser Technologie verbraucht werden. Das ist laut Greenpeace das Dreifache des gegenwärtigen Verbrauchs und mehr, als Frankreich, Deutschland, Kanada und Brasilien zurzeit zusammen an Strom verbrauchen.

Dass aus der "Black-IT" unserer Tage trotzdem einmal eine "Green-IT" werde, ist auch ein Anliegen der deutschen Bundesregierung. "IT2Green" heißt ein Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums, für das vor wenigen Tagen erst zehn Projekte ausgewählt wurden, die energieeffiziente Lösungen entwickeln sollen. Auf die Kooperationsbereitschaft der Industrie können solche Programme jedenfalls rechnen, nicht nur aus Umweltschutzgründen. Der Strombedarf ist ein großer Kostenfaktor von Rechenzentren.