Medizin

EHEC-Erreger: Verdachtsfälle in Berlin

Die Zahl schwerer Darminfektionen mit dem gefährlichen EHEC-Erreger ist in Norddeutschland dramatisch angestiegen. Nach bisherigen Erkenntnissen gingen die Behörden in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg gestern bereits von insgesamt mehr als 300 Infektions- oder Verdachtsfällen aus.

Inzwischen gibt es auch erste Betroffene in der Hauptstadt: Im Charité-Krankenhaus Benjamin Franklin sind zwei Patienten mit Verdacht auf EHEC-Infektion eingeliefert worden. Eine Frau habe blutige Durchfälle, sagte gestern der Arzt Thomas Schneider.

Es gebe aber in Berlin keine Anzeichen einer drohenden Epidemie, erklärte Luise Dittmar, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung, obwohl in diesem Jahr bereits 15 EHEC-Infektionen gemeldet worden sind. Die Zahl sei jedoch nicht ungewöhnlich "Wir haben hier jährlich mit einigen solchen Fällen zu tun." Im vergangenen Jahr sind sieben EHEC-Infektionen registriert worden, 2009 hatten sich 17 Patienten angesteckt. Dennoch seien Berliner Ärzte und Gesundheitsämter darüber informiert worden, ihre Patienten mit "erhöhter Aufmerksamkeit" zu untersuchen, sagte Dittmar. Bis eine Diagnose für die beiden Verdachtsfälle vorliege, würde keine Suche nach der Infektionsquelle beginnen. "Erst danach werden die Betroffenen nach Reisen und verzehrten Nahrungsmitteln befragt", sagte Dittmar.

Bei dieser Welle von Darminfekten ist vieles anders als gewöhnlich: Das Tempo, mit dem sie sich ausbreitet, das Alter der Betroffenen, die Orte des Ausbruchs. Der EHEC-Keim (Enterohämorrhagische Escherichia coli) verursacht ungewöhnlich schweren Durchfall mit Nierenleiden, einige Patienten liegen auf Intensivstationen. Normalerweise erkranken vor allem Kinder unter fünf Jahren an diesem Erreger - vor allem in Süddeutschland ist der Keim seit Langem bekannt. Der aktuelle Erreger breitet sich dagegen hauptsächlich im Norden Deutschlands aus - und macht vor allem Erwachsene krank, Frauen offenbar häufiger als Männer. Besonders betroffen ist Hamburg, wo gestern mehr als 30 Patienten in Kliniken behandelt werden, teils auf der Intensivstation.

Das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) spricht von einer "sehr ungewöhnlichen Häufung schwerer Verläufe in einem kurzen Zeitraum". In den vergangenen Jahren habe es noch nie so viele Fälle in so kurzer Zeit und mit so vielen kranken Erwachsenen gegeben, erklärte das RKI. Ein Expertenteam des Instituts untersucht den Verlauf der Infektionswelle in Hamburg und sucht nach der Infektionsquelle. Wo sich die Betroffenen angesteckt haben, ist derzeit völlig unklar. Bisher sei kein konkretes Lebensmittel als Infektionsquelle identifiziert worden, erklärte das RKI gestern. "Aktuell kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Infektionsquelle noch aktiv ist", hieß es.

Bakterien produzieren Gift

Der Durchfallkeim EHEC ist eine aggressive Variante des weit verbreiteten Darmbakteriums Escherichia coli und wächst üblicherweise in Rindermägen heran. Der aktuelle EHEC-Keim besitzt zusätzlich ein spezielles Gen, das seine Pathogenität noch erhöht - es verleiht den Bakterien die Fähigkeit, Gift zu produzieren, das Darmwand und Blutgefäße zerstört und für den ungewöhnlich komplizierten Krankheitsverlauf verantwortlich ist, dem enteropathischen hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), das seit 2001 in Deutschland meldepflichtig ist.

Der Erreger kommt weltweit überall dort vor, wo Kühe, Schafe und Ziegen gehalten werden. Mit Kot und Gülle-Dünger gelangt er in Flüsse, Seen, Futtermittel, Milch und Fleisch sowie auf Obstwiesen und Gemüseäcker - und damit in die Nahrungskette des Menschen. Warum die Fallzahlen seit einigen Jahren in Deutschland leicht steigen, ist unklar. Die verschlechterte Durchfall-Statistik könnte sich möglicherweise auf das verbesserte Meldesystem zurückführen lassen - jedoch auch eine Nebenwirkung der intensiven Landwirtschaft mit Stallhaltung und Silofutter sein. "Draußen auf der Weide machen Kühe einen weiten Bogen um ihren Dung", sagt Jürgen Heesemann, Professor für Bakteriologie und Hygienespezialist am Max-von-Pettenkofer-Institut in München, "im Stall dagegen werden sie mit EHEC-Keimen überschwemmt." Obendrein sei die übermäßige Düngung der Wiesen mit Jauche ein Problem, sagt Heesemann, ebenso wie die Umstellung von Heu auf Silage. "Durch Silage übersäuert der Kuhmagen", sagt der Hygienespezialist, "das saure Milieu bekommt den hämorrhagischen Bakterien ausgesprochen gut." Hygienische Schlampigkeiten im Schlachthof besorgten den Rest.

In den USA seien die Farmer dazu übergegangen, ihren Rindern vier Wochen vor der Schlachtung trockenes Heu statt Silage zu füttern, um deren Mägen von Durchfallkeimen zu säubern. Doch auch Hirsche, Rehe und Ziegen können den Darmkeim übertragen, und so stecken sich Kinder häufig in Streichelzoos an.

"Seltsamerweise kann man nur selten die Infektionskette lückenlos nachvollziehen", sagt Heesemann, "selbst wenn ein Betroffener sich erinnert, riskante Milch getrunken zu haben, findet man bei der Untersuchung dann häufig keine gefährlichen Keime in der Probe." Für eine Ansteckung reichen offenbar nur wenige Keime; nur 100 Bakterien sind schon genug, um krank zu machen - so lautet die derzeit vorläufige Faustregel der Mediziner -, was die Ermittlungen des Berliner Spezialisten-Teams zusätzlich erschweren dürfte.

Patienten, die an typischen Symptomen leiden - wässriger oder blutiger Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und starke Bauchschmerzen - "sollten umgehend einen Arzt aufsuchen", sagt das RKI. Wichtig ist es, das Blutbild und die Funktion der Nieren zu überwachen. Zwischen Infektion und ersten Durchfallsymptomen vergehen durchschnittlich drei bis vier Tage. Die Anzeichen des HUS beginnen etwa eine Woche nach Beginn des Durchfalls.