Nachrichten aus der Steinzeit

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Michael Zick

Klaus Schmidt baut vor: "Von Schrift sollte man nicht reden." Aber "steinzeitliche Hieroglyphen", also "heilige Zeichen", nennt der vorsichtige Forscher seine Funde schon.

Berlin - Klaus Schmidt baut vor: "Von Schrift sollte man nicht reden." Aber "steinzeitliche Hieroglyphen", also "heilige Zeichen", nennt der vorsichtige Forscher seine Funde schon. Die sind rund 11 600 Jahre alt - damit hätte Schmidt das älteste Nachrichtensystem der Menschheit gefunden. Der Prähistoriker des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin gräbt im Südosten der Türkei den ältesten Tempel der Welt aus und findet immer mehr Indizien, daß "hier Menschen zukünftigen Menschen etwas mitteilen wollten". Die Symbole und Reliefs, die Schmidt auf den Tempelpfeilern entdeckte - geometrische Formen und kleine Tierreliefs -, sind ganz sicher mehr als nur Ornamente.

Die Nachrichtenschreiber hatten zwar selbst kein dauerhaftes Dach über dem Kopf, kannten noch keine aus Ton gebrannten Gefäße und lebten von Bären und Beeren. Diesen "primitiven" altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern hatte die Wissenschaft bislang den Drang zu Höherem abgesprochen. Schmidts Funde beweisen jetzt: Sie hatten bereits mehr im Sinn als das Leben von der Hand in den Mund, ihren Göttern bauten sie einen Tempel der Extraklasse.

Vor einem Jahrzehnt stieß Steinzeitexperte Schmidt im südostanatolischen Bergland bei Sanliurfa auf eine ausgedehnte Feuersteinmanufaktur. Von der rohen Feuersteinknolle bis zur ausgearbeiteten Pfeilspitze fand er auf dem Göbekli Tepe ("Nabelberg") Zeugnisse einer Massenfertigung von Geräten und Waffen aus Silex, dem "Stahl der Steinzeit". Oben auf der Klippe aber gab es gar keinen Feuerstein, der wurde zum Verarbeiten rund 400 Meter auf die Kuppe hinaufgeschleppt. Während der Archäologe noch über dem "Warum?" grübelte, stießen seine kurdischen Arbeiter Zentimeter unter der Gerölloberfläche auf eine Sensation: Sie gruben T-förmige Steinpfeiler aus - über drei Meter groß und an einem Stück aus dem Kalkstein des Bergkammes gemeißelt. Und: Die Datierung erbrachte das unglaubliche Alter von 11 600 Jahren. 39 dieser Giganten hat Schmidt bislang freigelegt, etwa 200 sind es insgesamt.

Die Monolithe sind mit Tierreliefs verziert - Enten, Füchse, Stiere, Schlangen, Keiler, Wildesel, Gazelle, Kranich, Tausendfüßler und Löwe - aber auch mit abstrakten Zeichen, etwa solche, die an unsere Buchstaben "H" und "O" erinnern. Die Stelen stehen in Räumen mit bis zu 20 Meter Durchmesser. Sie waren niedriger als die Mauern, dienten also nicht als Dachstütze. Je zwei fünf Meter große Exemplare - 50 Tonnen schwer - ragten in der Raummitte in die Höhe.

Das war Monumentalarchitektur, 6000 Jahre vor den Pyramiden. Ausgräber Schmidt interpretiert Göbekli Tepe als eine Anlage für einen komplizierten Totenkult. Denn von den Lebenden der Steinzeit hat er nichts entdeckt: Keine Alltagsgegenstände, Wohnräume oder Herdstellen. Welche Art von Religion sie ausübten, weiß man nicht. Sicher ist, daß die Leute vom Göbekli bereits Transzendentales dachten und mit künstlerischem Anspruch ausdrückten. Und das wollten sie auch anderen mitteilen.

Für den Bau des Tempels und zu Ritualen wurden an die 500 Menschen vorübergehend seßhaft, schätzt Schmidt. "Eine so große Menschenmenge kann man aber mit Jagd allein nicht ernähren." Die regelmäßige Versammlung zu Kulthandlungen in Zentren wie Göbekli Tepe, so Schmidt, war die Initialzündung für Pflanzenbau und Viehzucht - nicht erst die Seßhaftwerdung Jahrtausende später.

Das größte Rätsel aber bleibt: Das Heiligtum wurde nicht zerstört oder zugeweht - es wurde beerdigt. Die Steinzeitler selbst schütteten ihre Kultanlage zu. Was ist passiert? Schmidt bietet eine Hypothese an: Die religiöse Welt hatte sich verändert, nach den Riten der altsteinzeitlichen Sammler und Jäger traten neue Kulte auf. Um 7500 vor Christus war Schluß mit der Nutzung von Göbekli Tepe, keine nachfolgende Siedlung hat das kulturelle Bewußtsein der Altsteinzeitler weitergeführt.

Die Symbole an dem kultisch so aufgeladenen Ort Göbekli Tepe waren sicher keine profanen, sondern heilige Zeichen. Damit spricht nichts gegen die Bezeichnung als "Hieroglyphe" Die Gleichsetzung dieses Begriffs mit "sprachgestützter" Schrift hat sich erst mit den ägyptischen Hieroglyphen eingebürgert. Auf vielen Tempelpfeilern entdeckte Schmidt neben den verschiedenen Symbolen "Bonsai-Reliefs": stilisierte Stierköpfe, Miniaturfuchs und -schaf, Schlangenbündel, Schlangennetze, Spinnen und Tausendfüßler. Oft sind mehrere Piktogramme hintereinandergeschaltet. Auf Pfeiler 33 zum Beispiel taucht das H-Zeichen zweimal in einem Reliefband auf, zu dem noch das Schlangenbündel, Spinnen und ein Minischaf gehören.

"Das ist mehr als reine Dekoration", interpretiert Schmidt: "Die Zeichen übermitteln eine Botschaft, die für den neolithischen Betrachter verstehbar war." Wir Heutigen werden den Inhalt vielleicht nie ergründen, aber, da ist sich Schmidt sicher, "sie gehen über die Thematik der Fruchtbarkeit weit hinaus."

Göbekli Tepe war ein besonderer Ort. Trotz intensiver Suche haben die Archäologen bislang kein Pendant gefunden. Schmidt spürt jedoch immer mehr Belege dafür auf, daß das Kultzentrum auf dem Nabelberg ein "soziales Umfeld" hatte. In rund 150 Kilometer Entfernung liegen andere - etwa 500 bis 700 Jahre jüngere - Siedlungsplätze. Dort findet der Steinzeitforscher oft die gleiche, verkleinerte Symbolwelt wie auf seinem Tepe: Tiere auf einem Stein zum Glätten der Pfeilschäfte oder Zickzacklinien und Kreise auf einer Steinplatte.

Gut 3000 Jahre später, um 6500 vor Christus, verschließen die Bewohner eines nahe liegenden Siedlungshügels ihre Schätze mit Siegeln: Die haben ein sechsbeiniges Zickzackmotiv mit Kopfdreieck. Klaus Schmidt sieht darin die Spinne vom Göbekli Tepe: "Das ist eine stilisierte Fortsetzung der alten, monumentalen Zeichen." Die Symbolik der anatolischen Göbekli-Zeichen läßt sich sogar bis zur sumerischen Hochkultur der Uruk-Zeit im Süden Mesopotamiens verfolgen: 1000 Kilometer Luftlinie entfernt und 3000 Jahre später. Manche Wissenschaftler ziehen die Linie des Kulturtransfers sogar bis ins frühe Ägypten durch.

Die Piktogramme vom Göbekli Tepe werden in der gelehrten Szene für Unruhe sorgen. Denn schon mit dem Nachweis von Großarchitektur und Geist weit vor der Seßhaftwerdung mit der "Neolithischen Revolution" und 6000 Jahre vor den Pyramiden hat Klaus Schmidt das akademische Lehrgebäude erschüttert.

Und nun auch noch ein über elftausendjähriges Nachrichtensystem. "Das ist ein heißes Eisen", wappnet sich Klaus Schmidt, "da bin ich sehr zurückhaltend." Aber bei aller wissenschaftlichen Zurückhaltung will er sich eine Schlußfolgerung nicht streitig machen lassen: "Die Erbauer vom Göbekli Tepe nutzten einen komplexen Symbolschatz, mit dem Nachrichten formuliert und hinterlassen werden konnten." Nur von Schrift reden wir noch nicht.