Pränatale Förderung

Was ein Baby im Bauch schon weiß

"Die Gebärmutter ist das erste Klassenzimmer des Menschen", sagen Psychologen. Es ist die schönste Schulzeit des Lebens - manche werden aber überfordert.

Ein Trommelschlag, drei Sekunden Pause. Und noch ein Schlag. Die rhythmische Stimulation der Mutter an ihrem ungeborenen Kind mit Trommeln, Singen, Tanzen beginnt ab dem fünften Monat. Später lesen die Mamas ihren Babys im Bauch mit einem Megafon Silben vor: "Ma-Ma, Da-Da". Die Taschenlampe soll auf die Bauchdecke blinken - so lernt das Ungeborene zu zählen. Das alles steht im Lehrplan des "Pränatalen Klassenzimmers", den der kalifornische Arzt Rene Van de Carr geschrieben hat. Er gilt als Pionier der pränatalen Förderung und will auch herausgefunden haben, dass ein Fötus im neunten Monat fähig ist, seinen Atemrhythmus an Beethovens fünfte Symphonie anzupassen, wenn die Schwangere ihm diese regelmäßig vorspielt. Doch wer sagt, dass es gut ist, im Rhythmus von Beethovens Symphonie zu atmen?

Zwei Spanier spannten 1992 Schwangeren Kopfhörer über den Bauch, um die Kinder schon früh an Geigenklänge zu gewöhnen. Eine Studie der Universität Valencia untersuchte das Trainingskonzept und kam zum Schluss, dass Babys, die in der Schwangerschaft bis zu 70 Stunden Musik hören, später sprachbegabter werden und eine bessere Feinmotorik entwickeln.

Nutzen nicht bewiesen

"Die Erfahrungen des Kindes im Mutterleib sind ein junges Forschungsgebiet", sagt Ludwig Janus aus Heidelberg, ein Vertreter der Pränatalen Psychologie, die sich mit der fötalen Entwicklung und deren Relevanz für das spätere Leben beschäftigt. Bislang könne die Forschung nicht nachweisen, dass ungeborene Kinder durch spezielle Förderung später schlauer, gesünder, besser, musikalischer werden.

Einzelne Studien zeigen nur, dass sich intellektuelle Fähigkeiten eines Kindes bereits im Mutterleib anlegen. Der Psychologe Anthony DeCasper von der Universität North Carolina konnte beweisen, dass Föten Silben und Töne unterscheiden können. Auf neue Gedichte reagierten sie mit heftigerem Herzschlag als auf solche, die ihnen schon vorgetragen worden waren. Als Neugeborene wählten sie dann per Nuckelfrequenz häufiger Geschichten aus, die sie schon aus der Schwangerschaft kannten. DeCasper ist dennoch überzeugt, dass vorgeburtlicher Unterricht nicht sinnvoll ist. Zunächst ist ohnehin fraglich, wie viel letztlich beim Fötus ankommt. Denn akustische Signale von außen verfremden sich durch Bauchdecke und Fruchtwasser. Zudem hat es das Kind sowieso ziemlich laut im Mutterbauch: etwa 80 Dezibel, das ist so wie ein Presslufthammer. Das Herz der Mutter pocht, der Magen gluckert, die Schlagader hinter der Fruchtblase dröhnt. Das kann der Fötus ab dem fünften Monat hören. Kommen unerwartete Geräusche von außen hinzu, wecken sie das Kind im Bauch. In diesem Stadium brauchen die Föten aber noch bis zu 20 Stunden Schlaf am Tag.

Hirnforscher Gerald Hüther von der Uni Göttingen bezweifelt, ob es Sinn hat, den Föten Musik vorzuspielen oder vorzulesen, weil er denkt, dass es sie eher im Schlaf stört. Und: "Es verleitet Mütter dazu, Kinder als Objekt zu betrachten, das es zu optimieren gilt. Das ist für die Mutter-Kind-Beziehung fatal."

Reaktion auf Reize in achter Woche

Das sieht der Psychologe Martin Grunwald, der das Haptik-Forschungslabor an der Universität Leipzig leitet, ähnlich: "Das Streben nach dem Optimum kann die Schwangerschaft zur Tortur machen." Das Baby im Bauch spürt und empfindet das. Bereits in der achten Schwangerschaftswoche reagieren Föten auf Reize: Da ist das Kind etwa 2,5 Zentimeter groß.

Zuerst kann der Fötus tasten. In der Gebärmutter tastet der Fötus seine Umgebung ab, drückt gegen die Nabelschnur, die Plazenta. In der 13. Woche hat das Ungeborene seinen Körper so weit erkundet, dass es Mund und Daumen zuordnen und am Daumen lutschen kann.

Mittels Reizimpulsen fand ein Forscherteam aus den Niederlanden heraus, dass schon 30 Wochen alte Föten ein Kurzzeitgedächtnis haben und sich zehn Minuten an ein Ereignis erinnern können. 34 Wochen alte Föten konnten sich sogar vier Wochen an den Reiz erinnern.

Auch die Stimme der Mutter erkennen Kinder nach der Geburt wieder. Spricht die Mutter deutsch, dann verbindet das Baby mit der Sprache positive Erinnerungen. Genauso tut das ein chinesisches Baby mit seiner Mutter. Kinder, deren Mütter zweisprachig sind, schaffen das mit beiden Sprachen.

Tierversuche zeigen, dass sich Neugeborene an den Geruch der Mutter erinnern. Kaninchen kriechen nach der Geburt am Bauchfell der Mutter entlang und finden die Brustwarzen. Werden die Brustwarzen mit Seife gewaschen, klappt das nicht mehr. Wird das Fruchtwasser auf den Rücken geträufelt, suchen die Jungen dort. Ähnliches konnte auch bei menschlichen Neugeborenen beobachtet werden.

Auch Negatives prägt. Kinder im Bauch von gestressten Müttern sind selbst gestresst. "Wenn die Mutter sich zum Beispiel ängstlich fühlt, werden vermehrt Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet", schreibt niederländische Psychologin Inge Krens. Das Herz der Mutter schlägt schneller, die Sauerstoffzufuhr wird beeinträchtigt, weil Adrenalin die Blutgefäße der inneren Organe verengt. "Alle diese Stoffe überschreiten ohne Probleme die Plazenta-Schranke", so Krens. Eine Studie des Imperial College in London wies nach, dass Stresshormone in der Schwangerschaft die Intelligenz der Kinder senken und die Chance auf spätere Aufmerksamkeitsstörungen oder Depressionen erhöhen.

Ludwig Janus nennt Einzelfälle, die zeigen, dass die Mütter ihren Ungeborenen nicht nur schaden, wenn sie rauchen. Selbst wenn die Mutter nur daran denkt, gleich zu rauchen, erhöht sich bereits der Herzschlag des Babys im Bauch.

Letztlich entscheidend für eine gute Entwicklung des Fötus ist nicht die pränatale Förderung. Wichtig ist vor allem eine emotionale Bindung von Mutter und Kind, wie Ludwig Janus betont. Auch wenn man nach der Geburt noch viel nachholen könne, die Basis müsse stimmen. "Und dann kann man ruhig auch Beethoven hören."