Umwelt

Ein Atomkraftwerk wird abgerissen

An der Ostsee bei Lubmin liegt eine der größten Baustellen der Welt. Doch hier wird nicht gebaut, sondern abgerissen. Kurz vor der Wende stand hier noch das Kernkraftwerk "Bruno Leuschner" und beschäftigte 15 000 Menschen. Jetzt sind noch 1000 übrig geblieben, die den Giganten nahe Greifswald ausschlachten - die Skepsis der westdeutschen Energieversorger gegenüber der Osttechnik war zu groß.

Bis zum Jahr 2013 sollen hier nun keine strahlenden Teile mehr stehen. Niemand spricht hier von einem bloßen Abriss, und das liegt daran, dass der Bauschutt zum Teil radioaktiv ist. Es fällt so viel heikles Material an, dass hier auf dem Gelände eigens ein Zwischenlager gebaut wurde.

Zwischenlager hinter Stacheldraht

Bei der Fahrt dorthin erinnert der Takt der grauen Betonplatten an die Zeit vor der Wende. Parallel zur Straße verlaufen auf Stelen gestellt industriebraune, meterdicke Wärmeleitungen. Aus einem Loch im Boden zischt Dampf. Hinter einem Zaun stapeln sich riesige, rostige Metallstücke, zersägte Innereien des Giganten. Es sind Innereien, die nicht kontaminiert sind.

Material hingegen, das nicht freigemessen werden konnte, also noch Strahlung oberhalb der gesetzlichen Grenze abgibt, wird im Zwischenlager Nord (ZLN) untergebracht. Es liegt am Ende der Turbinenhalle und sieht aus wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Ein mit Kameras gespickter doppelter Stacheldrahtzaun und ein lückenloser Betonpollerring ziehen sich um die Halle. Auf 20 000 Quadratmetern werden hier schwach, mittel- und hochradioaktive Abfälle gelagert, nicht nur aus Greifswald, sondern auch aus dem Rückbau des nahe gelegenen Kernkraftwerks Rheinsberg, das auch zum ehemaligen Kombinat gehörte.

Während die Arbeiter keine Kleidung in die Halle einbringen dürfen, muss der Besucher nur einen weißen Baumwollanzug anziehen und ein Baseball-Cap aufsetzen. Es ist, als betrete man eine Mikroprozessorfabrik. So blitzsauber geputzt ist das in acht lange Hallenabschnitte unterteilte Zwischenlager. Der Hauptabteilungseiter für den Betrieb, Joachim Griep, strahlt Ruhe, aber auch Autorität aus.

"Hier, in den Hallen eins bis sieben, lagert kein Kernbrennstoff", sagt der 54-Jährige. Ein Großteil des Bauschutts ist nur mit Cobalt 60 kontaminiert und wegen dessen relativ kurzer Halbwertszeit von gut fünf Jahren "kann man eine Abklinglagerung machen", erklärt Griep. Nach fünf bis zehn Jahren kann das Material "in Staatsgebiet überführt", also auf einer normalen Deponie entsorgt werden. Anderer schwach und mittelradioaktiver Abfall, der hier anfällt, strahlt zwar auch nicht besonders lange, aber dafür intensiver und wird deshalb für eine Endlagerung im Schacht Konrad vorbereitet. Und eine dicke Spezialtür weiter wartet in Halle acht der hochradioaktive verbrauchte Kernbrennstoff auf ein Endlager für radioaktiven Müll seiner Klasse. Doch das gibt es noch nicht.

Im Zwischenlager wird in hermetisch abgeriegelten Werkstätten, sogenannten Caissons, der kontaminierte Bauschutt bearbeitet. Dort steht auch "Fakir", eine Spezialpresse, die mit einem Druck von 1200 Tonnen die gelben 200-Liter-Müllfässer in Pellets verwandelt. Danach kommen sie in die Trocknungsanlage "Petra", und schließlich passen fünf Fässer in eines. Die werden dann in blaue 20-Fuß-Container verladen und gleiten schließlich auf Luftkissenplatten durch die Halle, um von Kränen aufeinandergestapelt zu werden. Die Abschirmung durch das Metall der Fässer und Container reicht aus, sagt Griep: "Hier geht die Strahlung gegen null." Die Dosimeter, die hier jeder tragen muss, geben ihm recht.

Rückbau hat Zukunft

Doch in Halle sieben sagt er: "Da gehen Sie besser nicht so dicht ran." Hier strahlen vier Herzen des Giganten: die Reaktordruckwassergefäße, eingeschlossen in mächtigen Abschirmungsstahlzylindern. Statt die massiven, über zehn Zentimeter dicken Stahlwände der Reaktoren aufwendig zu zerschneiden, bis sie in Konrad-kompatible Container passen, wartet man 50 bis 100 Jahre, bis sie abgeklungen sind.

Als Reaktoroperator und später als Schichtleiter für alle Blöcke ist Griep mit dem KKW groß geworden. Nun muss er es abreißen. "Das hat uns alle schwer getroffen, das war ziemlich deprimierend, als wir den ersten Dampferzeuger rausgeholt haben", erinnert er sich, blickt aber optimistisch nach vorn. Denn der Rückbau von kerntechnischen Anlagen hat Zukunft. Die Energiewerke Nord GmbH (EWN) erstellt Stilllegungskonzepte für Anlagen in der Ukraine, in Bulgarien und Litauen. Sie wrackt sogar Atom-U-Boote in Murmansk ab.

In Greifswald fallen 1,8 Millionen Tonnen Bauschutt an, 600 000 davon sind radioaktiv. Ins Endlager müssen aber nur etwa 10 000 Tonnen. Denn nur wenige Teile, beispielsweise die Reaktordruckwassergefäße, haben sich so gewandelt, dass sie selbst strahlen. Der größte Teil der Anlagen ist nur oberflächlich radioaktiv.

Uwe Kopp, Chef der Reinigungstruppe auf der Rückbaustelle, steht in der Zentralen Aktiven Werkstatt und schreit gegen Bandsägen und Hochdruckreiniger an: "Wenn wir erfolgreich dekontaminiert haben, kommt das Material in die Freimessanlage und kann dann regulär entsorgt werden." Da in die Freimessanlage aber nur Kisten mit einem Kubikmeter passen, werden die teils riesigen Anlagenteile in Stücke gesägt, geschnitten oder gequetscht.

10 000 Tonnen sind Atommüll

Auf dem Segment eines ehemaligen Krans hockt ein Arbeiter im Blaumann und schweißt. Der Ausleger ist groß wie ein Hausflur, nun muss er in die Kisten. Eine Schweißerbrille schützt die Augen des Arbeiters vor dem Licht, aber was schützt ihn vor der Radioaktivität? "Der Kran ist zwar kontaminiert, aber unterhalb der Grenzwerte", erklärt Kopp. Andernfalls würden die Dosimeter Alarm schlagen.

Uwe Kopp steht vor einem offenen blauen 20-Fuß-Container. Darin: massive, schmutzige Rohrsegmente. "Nein", sagt Kopp, "das sind Lagerölkühler. Die habe ich 1975 eigenhändig gewartet." Jetzt macht er sie fertig für die Deponie. Auch er trägt es mit Fassung: "Die Stilllegung war ein schwerwiegender Lebenseinschnitt." Aber der hohe Anspruch der neuen Aufgabe gefällt ihm: "Ich mache das gern hier."