Medizin

Jede dritte Geburt ist ein Kaiserschnitt

Der Hauptgrund, warum es heute so viel mehr Kaiserschnitte als früher gibt, ist die Angst. Meistens sind es nicht die Mütter, die sich vor einer natürlichen Geburt fürchten, sondern die Ärzte. "Wenn Kind und Mutter nicht gesund aus einer Geburt herauskommen, dann hat das fast immer rechtliche Folgen", sagt Frank Reister, Leiter der Geburtshilfe am Universitätsklinikum Ulm.

Inzwischen ist fast jede dritte Entbindung in Deutschland ein Kaiserschnitt. Schon das 18. Jahr in Folge stiegen die Zahlen der Schnittentbindung. Von 644 274 Frauen, die 2009 ein oder mehr Kinder zur Welt brachten, entbanden rund 31 Prozent per Kaiserschnitt, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Noch 1991 kamen rund 15 Prozent der Kinder durch einen Kaiserschnitt auf die Welt. Damit haben sich die Zahlen in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt. Das Saarland ist mit rund 38 Prozent Vorreiter bei Kaiserschnittgeburten, am wenigsten kam das Skalpell in Sachsen zum Einsatz. In sieben Bundesländern ist die Zahl unterdurchschnittlich, Berlin gehört dazu: 26,6 Prozent von 33 105 Geburten waren Kaiserschnitte.

"Es ist noch niemand wegen einer Sectio zu viel verurteilt worden", ist ein Spruch unter Geburtshelfern. Doch nach einem Kaiserschnitt steigt das gesundheitliche Risiko der Frau, wenn sie ihr nächstes Kind natürlich gebären möchte. In seltenen Fällen kann die Gebärmutternaht reißen oder die Plazenta in die Naht einwachsen. Davon abgesehen gilt auch: Wenn das erste Kind durch eine Schnittentbindung geboren wurde, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Ärzte sich auch beim zweiten für den Kaiserschnitt entscheiden. So verkleinern sie ihr Risiko.

Doch es gibt noch weitere Gründe für mehr Kaiserschnitte. Frauen werden immer später Mutter. 1961 bekamen Frauen im Durchschnitt mit 25 Jahren ihr erstes Kind, 2009 waren sie bei der ersten Geburt 30 Jahre alt. So steigt auch die Anzahl der Risikoschwangerschaften.

Neugeborene immer schwerer

Dazu kommt, dass Babys immer schwerer werden. Vier bis fünf Kilogramm sind heute nicht selten. Das liegt am guten Ernährungszustand der Mütter. Zudem wird vermutet, dass auch wirtschaftliche Interessen der Kliniken eine Rolle spielen: Für einen Kaiserschnitt bezahlen die Krankenkassen rund 2800 Euro, doppelt so viel wie bei einer natürlichen Geburt.

Reister macht die Erfahrung, dass nur wenige Frauen sich einen Kaiserschnitt wünschen. Im Gegenteil: Es wenden sich Schwangere an ihn, weil sie ein Kind durch einen Kaiserschnitt geboren haben und beim nächsten eine natürliche Geburt erleben möchten. Doch manche Frauen wünschen sich einen Kaiserschnitt, weil sie Angst vor körperlichen Veränderungen haben, etwa an Inkontinenz leiden könnten. Das könne oft auch durch einen Kaiserschnitt nicht verhindert werden. Die Beckenbodenmuskulatur werde schon in der Schwangerschaft belastet. Komplikationen stammten zu zwei Dritteln nicht von der natürlichen Geburt, sagt Reister.

Die Forschung erkennt zunehmend die Bedeutung der natürlichen Geburt. In einer Studie stellten Mediziner der Universität Bergen fest, dass eine Geburt per Kaiserschnitt das spätere Asthmarisiko eines Kindes beträchtlich steigert. Die Entwicklung von 1,7 Millionen Kindern aus dem norwegischen Geburtenregister zeigte, dass ein geplanter Kaiserschnitt die Wahrscheinlichkeit der Atemwegserkrankung um 40 Prozent erhöht. Erfolgte der Eingriff aus medizinischen Gründen, stieg das Risiko um weitere 20 Prozent.

Die Forscherin Mette Christophersen Tollånes sieht zwei mögliche Erklärungen dafür: Im Gegensatz zur vaginalen Geburt ist der Kaiserschnitt im OP steril. Das Kind kommt kaum mit den Bakterien der Mutter in Kontakt. So könnte es sein, dass das Immunsystem des Kindes nicht genügend stimuliert werde. Außerdem wird im engen Geburtskanal die Flüssigkeit aus der Lunge des Kindes gepresst, was die spätere Lungenfunktion verbessere. Auch bei anderen Krankheiten wird eine Verknüpfung mit der Kaiserschnittgeburt vermutet, so etwa bei Lebensmittelunverträglichkeiten und Diabetes Typ 1.

"Das Kind weiß am besten, wann es bereit für die Geburt ist", sagt Reister. Beim Kaiserschnitt verpasst das Kind wichtige Lernprozesse. Die Wehen signalisieren ihm, dass es bald selbst atmen, essen und Giftstoffe ausscheiden muss.