Herzrhythmusstörungen

Wenn das Herz stolpert

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Shari Langemak

Bedrohlich stottert und rattert es in der Brust, kalter Schweiß rinnt von seiner Stirn. Harald Fichte (Name geändert) aus Frankfurt sackt keuchend auf dem alten Schemel zusammen, den er eigentlich gerade verladen wollte. Wirklich fit fühlt sich der leidenschaftliche Kunsthändler schon lange nicht mehr.

Dass dahinter eine Herzerkrankung stecken könnte, damit hat der 70-Jährige nicht gerechnet. Bis zum Eintreffen der Sanitäter leidet er Todesangst.

Er hat Herzrhythmusstörungen. Fast jeder leidet im Laufe seines Lebens daran. Das ist eigentlich nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, was das Herz leisten muss: Ohne Pause schlägt es über drei Milliarden Mal in einem Menschenleben. Jeder einzelne Pulsschlag sorgt dafür, dass es unseren Zellen nie an Sauerstoff und Nährstoffen fehlt. Dankbar zeigen wir uns für diese Leistung nicht, ganz im Gegenteil. Oft belasten wir das Herz noch zusätzlich mit einem ungesunden Lebensstil. Alkohol, Nikotin und besonders Bluthochdruck sind Gift für unser Herz. Der Körper kann zwar einige Schäden kompensieren, aber irgendwann sind seine Möglichkeiten erschöpft. Viele Menschen entwickeln dann eine Herzrhythmusstörung, doch nur die wenigsten wissen damit umzugehen. Die Deutsche Herzstiftung widmet die diesjährigen Herzwochen dem Thema Rhythmusstörungen.

Ein Impuls schubst das Organ an

Die Herzfunktion kann durch viele Faktoren gestört werden. Eine optimale Pumpleistung ist auch nur dann gewährleistet, wenn Reizleitungssystem und Muskulatur fehlerfrei zusammenarbeiten: "Unser Herz ist ein Hohlmuskel, der sich regelmäßig zusammenzieht und wieder erschlafft und auf diese Weise Blut durch unseren Kreislauf pumpt. Damit er das tun kann, muss er durch einen elektrischen Impuls angestoßen werden. Dieser Impuls stammt von einem kleinen Nervengeflecht im Herzen - dem Sinusknoten", sagt Professor Dietrich Andresen, Direktor der Kardiologie am Vivantes-Klinikum am Urban und Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. "Von einer Herzrhythmusstörung sprechen wir, wenn der Impuls nicht vom Sinusknoten, sondern von einem anderen Ort des Herzens ausgeht." Laut Definition gehören daher auch einzelne Zusatzschläge - Extrasystolen genannt - zu den Rhythmusstörungen. Diese sind meist harmlos. Ärger und Stress können auch ein junges und gesundes Herz zeitweise stolpern lassen. Sofern der Patient unter den kurzen Stotterern nicht leidet, ist keine Behandlung nötig.

Anders sieht es aus, wenn das Herz dauerhaft zu schnell und unregelmäßig schlägt. Beim Vorhofflimmern ist der Herzschlag oft völlig außer Takt geraten: Chaotisch pumpt das Herz bis zu 180 Mal in der Minute. Die einzelnen Vorhofzellen, die normalerweise koordiniert erregt werden, feuern völlig unkontrolliert. Der Vorhof kann sich deshalb nicht mehr gleichmäßig zusammenziehen und Blut in die Kammern pumpen. Manchen Betroffenen wie Harald Fichte geht es dann schlagartig schlecht: Zum unangenehmen Herzpoltern kommen nicht selten weitere Beschwerden wie Schwindel und Atemnot. Das Vorhofflimmern kann allerdings auch ganz diskret verlaufen. Über die Hälfte der Patienten erfährt von der tickenden Zeitbombe nur zufällig beim nächsten Arztbesuch.

Die Störung bleibt oft unbemerkt

Unbemerkt kann die Störung nur deswegen bleiben, weil normalerweise die Herzkammer mindestens 80 Prozent der Herzleistung aufrechterhält - zumindest wenn das Flimmern im Vorhof bleibt. Glücklicherweise ist das Herz so trickreich gebaut, dass die Flimmerfrequenz meist nicht auf die Kammern überschlägt. Natürlich kann auch die beste Sicherung versagen. Fängt die Kammer zu flimmern an, ist die Lage sehr ernst: "Wer infolge eines Kammerflimmerns umfällt, verliert in jeder Minute zehn Prozent an Überlebenswahrscheinlichkeit. Ohne Wiederbelebungsmaßnahmen ist also nach zehn Minuten fast jeder Betroffene tot", warnt Andresen. Eine aktuelle Studie aus Berlin zeigt, dass trotzdem nur etwa 30 Prozent der Zeugen mit der Herzdruckmassage beginnen. Kein Wunder, dass es immer noch so viele Herztote gibt: In Deutschland sterben jährlich rund 80 000 Menschen am plötzlichen Herztod. Bei den 55- bis 65-jährigen Männern ist er sogar die häufigste Todesursache. Die Prognose ist bei Kammerflimmern also eher schlecht. Außerdem haben gerade ältere Patienten mit Vorhofflimmern ein hohes Schlaganfallrisiko. Andresen erklärt den Zusammenhang: "Bei Vorhofflimmern wird das Blut nur schlecht in die Kammern gepumpt und bleibt in den Vorhöfen. Durch den Blutstau entstehen Blutgerinnsel, die dann in den Körperkreislauf verschleppt werden und kleine Gefäße im Kopf verstopfen können. Das zugehörige Gehirnareal wird dann nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt und stirbt ab." Damit es nicht so weit kommt, erhalten viele Patienten Phenprocoumon, bekannt unter dem Handelsnamen Marcumar oder Falithrom. Über eine Hemmung des Gerinnungssystems vermag dieser Wirkstoff das Schlaganfallrisiko um bis zu 80 Prozent zu hemmen - aber nur, wenn die Dosis stimmt. Andresen warnt: "Gibt man nur ein bisschen zu wenig, können Schlaganfälle auftreten. Gibt man jedoch ein bisschen zu viel, besteht die Gefahr gefährlicher Hirnblutungen."

So beugen Sie vor

Vor der Therapie möglicher Folgen sollte der Patient allerdings erst versuchen, die Rhythmusstörung selbst zu beheben und die Risikofaktoren zu verringern. Schon kleine Änderungen im Alltag können merkbare Effekte haben: Lebensstil verbessern, gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, Verzicht auf Nikotin und Alkohol beugen nicht nur vielen Krankheiten vor - sie haben im Gegensatz zu Medikamenten auch keine Nebenwirkungen.

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