Medizin

Jeder zweite Arzt verschreibt seinen Patienten auch Placebos

Sie nehmen ein Medikament, und es lindert ihre Beschwerden? Prüfen Sie mal die Inhaltsstoffe, vielleicht steckt nur Zucker drin, und es handelt sich um ein Placebo. Ob der behandelnde Arzt ein Scheinpräparat oder ein wirkliches Medikament verschreibt, wissen die meisten Patienten nämlich gar nicht.

Erstaunlich ist allerdings, dass der Einsatz solcher Medikamente nicht die Ausnahme darstellt. Mehr als jeder zweite Mediziner bekenne sich zu solchen Scheinmedikamenten und -therapien, sagt Robert Jütte vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer (BÄK).

Die Kammer empfiehlt ihren Mitgliedern sogar, Placebos künftig noch häufiger einzusetzen. Denn auch Pillen und Spritzen ohne geeigneten Wirkstoff helfen Studien zufolge oft - und zwar häufig ohne schlimme Nebenwirkungen. "Mit dem Einsatz von Placebos lassen sich erwünschte Arzneimittelwirkungen maximieren, unerwünschte Wirkungen von Medikamenten verringern und Kosten im Gesundheitswesen sparen", sagt Jütte. Dabei verweist er auf eine Umfrage unter Hausärzten in Bayern, in der 88 Prozent angaben, dass sie Placebos einsetzen. In einer Schweizer Studie waren es 72 Prozent. Man könne davon ausgehen, dass "über 50 Prozent sie in der therapeutischen Praxis nutzen", sagt der Medizinhistoriker.

In der Praxis sieht das so aus: "Kommt ein Patient zu mir, der Schlafstörungen hat, dann muss ich überlegen, ob ich ihm mit einem starken Schlafmittel, das auch abhängig machen kann, mehr schade als helfe", sagt Ulrich Kiefaber, niedergelassener Allgemeinarzt im Saarland. Natürlich könne er keinem Patient eine normale Behandlung vorenthalten, aber wenn bei unspezifischen Schmerzen oder Schlafstörungen die Schulmedizin versage, dann sei der Einsatz von Placebos oft sinnvoll. "Es sind Befindlichkeitsstörungen, die ich damit behandle", sagt er. Es sei schon eine Grauzone, die man da betrete, aber wichtig sei, dass man den Patienten richtig informiere.

Ärzte vermeiden das Wort Placebo

Genau da liegt aber auch das Problem. Nimmt der Arzt das Wort Placebo in den Mund, dann schwindet das Vertrauen des Patienten in den Arzt sowie in das "Medikament", und die Wirkung des Placeboeffekts lässt nach. Um sich rechtlich abzusichern, umschreibt der Mediziner das Vorgehen. "Ich sage dann: Sie bekommen jetzt ein Medikament, das auf einer ganz anderen Schiene wirkt als ihre bisherige Medizin. Es funktioniert auf der psychologischen Ebene", erklärt Kiefaber. Meistens verschreibt er dann Kapseln. Auf das Rezept, mit dem der Patient zur Apotheke geht, schreibt der Arzt zum Beispiel "Saccharum lactis fiat Capsulae, rot-weiß, XX". Damit sind 20 harmlose Kapseln aus Milchzucker gemeint. In der Apotheke, bei Kiefaber um die Ecke, weiß man schon Bescheid. Die 20 Pillen werden in eine Dose abgefüllt, auf dem Etikett sind Name und Inhaltsstoffe kenntlich gemacht. Der Patient geht mit seinen Zuckerkügelchen und einem guten Gefühl nach Hause.

Was wie Täuschung aussieht, kann durchaus dem Wohl des Patienten dienen. So helfen Placebos laut einer Studie in Deutschland 59 Prozent der Patienten mit Magengeschwüren. Bei Depressionen zeigen Placebos in etwa ebenso vielen Fällen Wirkung wie tatsächliche Psychopharmaka - nämlich jeweils in etwa einem Drittel der Fälle, sagte Jütte von der Bundesärztekammer.

Reine Placebos, wie Zuckerkapseln ohne jeglichen Wirkstoff, sind im Praxisalltag aber eher die Ausnahme. Jütte sagt, dass Ärzte häufiger Vitaminpillen oder homöopathische Mittel verschreiben, die der Mediziner selbst für wirkungslos hält oder die zumindest keine auf das Krankheitsbild zugeschnittene Arznei enthalten. Experten sprechen in diesem Fall von Pseudo-Placebos. Auch Kiefaber greift darauf zurück. Er verschreibt dann homöopathische Fertigprodukte. Die eigneten sich besonders gut, weil die Verpackung so aussehen würde wie bei richtigen Medikamenten und auch einen Beipackzettel hätten. Da habe der Patient das Gefühl, ein Medikament in den Händen zu halten. "Wie man sieht: Ich bin kein eingefleischter Homöopath. Die Verdünnung des Wirkstoffs ist einfach zu groß", aber als Placebo-Medikament verschreibt er homöopathische Mittel gerne.

Ob der Einsatz von Scheinmedikamenten ethisch vertretbar ist, damit hat sich der Wissenschaftliche Beirat der BÄK auseinandergesetzt und kommt in seinem Buch "Placebo in der Medizin" zu folgendem Schluss. Nicht mehr vertretbar sei es, wenn ein Mediziner seinem Patienten ein echtes Arzneimittel vorenthalte und sich sein Zustand verschlechtert. Auch müsse der Arzt bei jeder Therapie - oder Scheintherapie - über mögliche Risiken aufklären.

Das sieht Kiefaber genauso: "Es darf keine andere wichtige Behandlung vernachlässigt werden, aber ich verschreibe Placebos auch nur Patienten, die ich eingehend untersucht habe und mit denen ich ein gutes Vertrauensverhältnis habe." Der Allgemeinmediziner arbeitet seit über 30 Jahren in seiner Praxis in Saarbrücken-Ensheim, er kennt die meisten seiner Patienten seit Jahren.

Positive Erwartungshaltung

Wie wichtig das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist, betont auch der Berliner Allgemeinarzt Mohsen Lotfi. Wenn er Placebos verschreibe, dann müsse auch seine eigene Einstellung stimmen. "Ich muss davon überzeugt sein, dass es hilft, und der Patient muss eine positive Erwartungshaltung haben", sagt er. Wenn zu ihm ein Patient mit starken chronischen Schmerzen kommt und eingehende Untersuchungen wie Ultraschall, Bluttests und vieles mehr nicht erklären können, was vorliegt, dann gibt er manchmal auch ein schwaches Antidepressivum. "Amitriptylin führt zur seelischen Entspannung, und dann lassen auch die Schmerzen nach. Es wirkt als indirektes Schmerzmittel, weil die positive Erwartung des Patienten eintritt."

Auch Lotfi informiert seine Patienten über das Scheinpräparat. Um die Wirkung des Placeboeffekts nicht zu schwächen, also im Interesse des Patienten, vermeidet auch er das Wort Placebo. "Ich vertiefe das Thema nicht so sehr. Ich sage, ich gebe ihnen ein Medikament, dessen Wirkung nicht zu 100 Prozent in klinischen Studien nachgewiesen ist, aber es ist trotzdem gut." Manchmal greift Lotfi ebenfalls auf homöopathische Mittel wie Belladonna D6 oder reine Placebos zurück. Wenn bei Schlafstörungen keine organische Ursache vorliege, dann gebe er auch schon mal Zuckerpillen in roter oder weißer Farbe. Er berichtet von Patienten, die beim nächsten Termin wieder nach den roten Pillen verlangten, weil die weißen nicht so gut geholfen hätten. "Ich weiß ja, dass in beiden das Gleiche steckt, also Zucker, aber meiner Erfahrung nach helfen bunte Pillen einfach besser."

Auch wenn in Placebos kein Wirkstoff steckt, entfalten sie eine beeindruckende Kraft. Forscher konnten ihre Wirkung sogar im Gehirn nachweisen. Allerdings gibt es noch keine schlüssige Erklärung. Sie vermuten, dass die Wirkung von der Lernerfahrung oder der Erwartung der Patienten abhängt, nach dem Motto: Wenn man eine Pille nimmt, gehen die Schmerzen weg. Jütte sagt, neue Studien hätten ergeben, dass Placebos sogar wirken, wenn die Patienten wüssten, dass kein Wirkstoff drin sei. Wenn das durch weitere Untersuchungen bestätigt werden kann, wäre der Einsatz im Praxisalltag noch einfacher.