Forschung

Abnehmen mit Seifen, Salzen und Schlank-Rüttler

Washington - Die Zeit hat die alten Dokumente vergilben lassen, aber ihr Inhalt klingt erstaunlich aktuell. Auf der Suche nach historischen Rezepten gegen Übergewicht hat Ellen Granberg die Archive der US-Kongressbibliothek durchforstet - und dabei die Anfänge der Ernährungswissenschaft entdeckt.

"Wir haben es heute mit keinem neuen Phänomen zu tun", bilanziert die Soziologin der Universität Clemson.

Mit dem Aufruf, Kohlenhydrate zu meiden und bevorzugt Eiweiß zu verzehren, machte der US-Ernährungsforscher Robert Atkins seit den 1970er-Jahren weltweit Furore. Aber mehr als 100 Jahre vor der Atkins-Diät gab es William Banting. Der Engländer erfand schon 1863 die kohlenhydratarme Ernährung. Schon damals folgten Scharen von Übergewichtigen seinem Rezept, Fisch, Schaf und "jegliches Fleisch außer vom Schwein" morgens, mittags und abends zu verspeisen und bloß keine Kartoffeln anzurühren.

In jener Epoche hieß Übergewicht noch Korpulenz. Aber die von Granberg ausgegrabenen Dokumente enthüllen, dass Übergewichtige schon im 19. Jahrhundert verzweifelt gegen Fettpolster kämpften. Banting beschreibt, wie er selbst in nur einem Jahr 50 Pfund abnahm. Er mied "Brot, Butter, Milch, Zucker, Bier und Kartoffeln, die bis dahin die Hauptelemente meiner Existenz bildeten". Stattdessen aß er Fleisch, Fleisch und noch mehr Fleisch. Sein Pamphlet "Brief über Korpulenz, an die Öffentlichkeit gerichtet", überquerte den Atlantik in Windeseile und wurde in den USA überaus populär.

Bis dahin galten ein paar Extrapfunde nicht nur als Zeichen von Wohlstand, sondern auch als Schutz vor Infektionskrankheiten. Und auch wenn viele heutige Ärzte das grassierende Übergewicht auf eine hoch technisierte, sitzende Lebensweise zurückführen: Schon im späten 19. Jahrhundert sorgten Straßenbahnen, Autos und andere Maschinen dafür, dass die Menschen längst nicht mehr so viele Kalorien verbrannten wie noch wenige Jahrzehnte zuvor.

Überdies bot der zunehmende Wohlstand Zugang zu reichlich Essen. "Ein Übermaß an Fleisch ist als eine der verwerflichsten Krankheiten zu betrachten", mahnte das Philadelphia-Kochbuch schon 1900. Kalorienarme Kost gab es damals noch nicht, aber dafür stieß Granberg bei ihrer Recherche auf kuriosere Rezepte. Die Übergewichtsseife La Parle, die "bei der Reduktion des Fleisches niemals versagt", kostete im Jahr 1903 einen Dollar - für damalige Verhältnisse viel Geld. Und das Abnehmsalz Louisenbad versprach Kunden, "Ihr Fett wegzuwaschen". Auf modernster Technik fußte dagegen wenig später der elektrisch betriebene Graybar-Stimulator: Ein um die Taille gelegter vibrierender Ledergürtel sollte die überschüssigen Pfunde einfach wegrütteln.

Die US-Regierung wagte sich erstmals 1894 auf das heikle Terrain vor - mit dem wohlfeilen Rat an die Bürger, Proteine, Kohlenhydrate und Fett ausgewogen zu konsumieren. Schon wenige Jahre später warnten Versicherungen, Übergewicht steigere das Sterberisiko. Und zur Zeit des Zweiten Weltkriegs klärten Tabellen über das optimale Verhältnis von Größe zu Gewicht auf - und kamen damit dem heutigen Körper-Masse-Index (BMI) schon recht nahe. Dann ging alles ganz schnell: Diätkost wurde erfunden, gleichzeitig entstanden Gruppen gleichgesinnter Diätwilliger. In den 1970er-Jahren war die heutige Infrastruktur laut Granberg schon voll entwickelt - samt der Atkins-Diät. Inzwischen sind zwei Drittel der US-Bürger entweder übergewichtig oder gar fettleibig. Statt Schlank-Rüttlern sind chirurgische Magenverkleinerungen in Mode.

Soziologin Granberg erforschte die Geschichte der Korpulenz übrigens, nachdem sie selbst 60 Kilo abgenommen hatte.