Medizin

Beim Herzinfarkt entscheiden Minuten über Leben oder Tod

Noch ist über die genauen Umstände des Todes von Filmproduzent Bernd Eichinger wenig bekannt: Beim Abendessen im Kreis von Familie und Freunden habe er einen tödlichen Herzinfarkt erlitten. Einfach Schicksal oder eine Folge von hartnäckig ignorierten Risikofaktoren?

Starkes Rauchen und Stress waren bekannte Risiken des gebürtigen Bayern, der "für den Film gebrannt" habe. Dennoch könnte der plötzliche Herztod mit 61 Jahren schicksalhaft gewesen sein. Schließlich überleben viele Infarktpatienten den "Untergang" eines Stücks Herzgewebe und nehmen es als "Warnschuss", der sie ihr Leben ändern lässt.

Beim Herzinfarkt verschließt stets ein Blutgerinnsel ein Herzkranzgefäß, sodass ein mehr oder weniger großes Areal des Herzmuskels nicht mehr mit Blut versorgt wird und abstirbt. Vorausgegangen ist die Ablagerung von Plaques in der Blutgefäßwand, genannt Arteriosklerose. Reißt die Plaque auf, beispielsweise durch einen abrupten Blutdruckanstieg oder aus immunologischen Gründen (Infekt), stürzen sich Blutbestandteile auf die Stelle, und es entsteht ein Blutpfropf (Gerinnsel).

Zwei Umstände können dazu führen, dass dies nicht überlebt wird, sagt Professor Heinz-Peter Schultheiss vom Campus Benjamin Franklin des Berliner Universitätsklinikums Charité.

Erstens die Lage des Infarkts: "Ist der Hauptstamm der Herzkranzgefäße verschlossen, wird ein großer Teil des Herzmuskels von der Blutversorgung abgeschnitten. Dann sinkt die Chance zu überleben deutlich", sagt der Chefarzt der Kardiologie am Campus Benjamin Franklin. Die zweite schicksalhafte Möglichkeit: Ein vergleichsweise kleiner Infarkt löse - was nicht der Normalfall sei - eine starke Herzrhythmusstörung aus. Das Herz reagiert mit Kammerflimmern, also einer sehr raschen Kontraktion des Muskels (300 bis 800 Mal pro Sekunde). Blut kann das Herz so nicht mehr transportieren. Der Patient stirbt dann an der Komplikation Kammerflimmern des eigentlichen Infarkts.

Etwa 300 000 Menschen in Deutschland erleiden nach Angaben des Berufsverbandes deutscher Internisten jährlich einen Herzinfarkt. Knapp ein Drittel der Herzinfarktpatienten verstirbt, bevor sie in eine Klinik kommen. Von den Patienten, die es lebend in die Klinik schaffen, überleben fast 90 Prozent. Ausschlaggebend sind: sofortige Erstversorgung durch Anwesende, rasche Versorgung durch den Notarzt und schnelle Verfügbarkeit der Herzkatheterbehandlung im Krankenhaus. Sofort sollten Anwesende mit der Herzmassage beginnen. Laien sollten nicht beatmen, sie geraten leicht mit dem Rhythmus von Beatmen und Druckmassage durcheinander, sagt Schultheiss. Die Druckmassage reiche aus, so die Deutsche Herzstiftung und andere Fachgesellschaften, selbst bei Herzflimmern bestehe die Chance, das Organ wieder in den richtigen Takt zu bringen.

Der Notarzt beginnt die professionelle Reanimation und bringt, wenn notwendig, mit den Elektroschocks des Defibrillators das Herz wieder in Gang. Oft beginnt der Notarzt schon mit der sogenannten Lyse, dem medikamentösen Auflösen des Blutgerinnsels. Wie schnell diese Versorgung einsetzt, hängt wesentlich davon ab, wie dicht das Netz der notärztlichen Versorgung ist und wie weit die Wege zum Patienten und zum Krankenhaus sind. "Zeit ist Herzmuskel", so lautet die knappe Formel. Tendenziell steht es in Ballungsräumen und Großstädten besser um den Patienten als in dünn besiedelten Flächenstaaten. "Berlin ist hier exzellent versorgt", sagt Heinz-Peter Schultheiss.

Ähnlich sieht es im Krankenhaus aus. Auch hier zählt Tempo. Hat die Klinik einen 24-Stunden-Notfalldienst oder müssen die Mediziner erst gerufen werden? Schon auf dem Weg zur Klinik verständigt der Notarzt das dortige Rettungsteam, das theoretisch wenige Minuten nach der Einlieferung mit der Therapie beginnen kann: Sauerstoff und medikamentöse Gefäßerweiterung mit Nitroglyzerin. Kern der Maßnahmen ist aber die Herzkatheterbehandlung, also die mechanische Öffnung des verschlossenen Herzkranzgefäßes mit einem Ballonkatheter und das Einsetzen einer Gefäßstütze (Stent).