Medizin

43 000 Deutsche sterben jährlich unter Narkose

Der Tod von Erotikdarstellerin "Sexy Cora" hat ganz Deutschland bestürzt. Die 23-Jährige gehört zu den jährlich rund 43 000 Menschen, die unter Narkose sterben. Ohne die Allgemeinanästhesie, wie Narkose auch genannt wird, wären Operationen am Gehirn oder am Herzen nicht möglich. Aber: Jede Form der Anästhesie ist ein medizinischer Eingriff und mit Risiken verbunden.

Die Narkose hat das Ziel, Bewusstsein und Schmerz auszuschalten sowie Reflexantworten wie Muskelanspannungen zu verhindern. Die Muskelerschlaffung ist jedoch nicht bei jeder Narkose notwendig, Operationen beispielsweise an der Schilddrüse können auch ohne Muskelerschlaffung durchgeführt werden. Rund 20 000 Anästhesisten führen die Betäubung durch. Der Patient befindet sich während der Narkose in schlafähnlichem Zustand. Währenddessen überwachen Geräte die Funktion aller wichtigen Organe. Bei manchen Operationen kommt auch ein Beatmungsschlauch zum Einsatz, der in die Luftröhre eingeführt wird, damit der Patient genügend Sauerstoff erhält.

Wie jedoch Gedächtnisfunktion, Bewusstseinsverlust oder Schmerzempfinden zusammenwirken und die Narkose bestimmen, haben Mediziner noch nicht gänzlich erforscht. Außerdem gibt es keine allgemein anerkannten Maßeinheiten oder Normwerte für die Narkose. Das bedeutet im klinischen Alltag, dass Erfahrungswerte und Hilfsgrößen wie etwa der Blutdruck die Dosis bestimmen.

"Vor jeder Narkose findet ein Vorgespräch statt. Bei uns dauert das im Durchschnitt 15 Minuten. Das hängt aber immer davon ab, wie sehr der Patient informiert ist und wie viele Fragen er hat", sagt Andrea Bischoff, Professorin am Uni-Klinikum Bochum. Hier sehen die Patienten erst einen Film und füllen dann einen Fragebogen aus, in dem Vorerkrankungen abgefragt werden. Dies dient dem Anästhesisten als Grundlage für das Gespräch. Der Patient muss individuell auf Risiken hingewiesen werden und darf erst dann sein Einverständnis unterschreiben.

Individuelle Verfassug entscheidend

Das individuelle Risiko von Operationen und Anästhesie hängt immer von den Vorerkrankungen, dem aktuellen Gesundheitszustand sowie der Größe und der Art des Eingriffs ab. Die schwerwiegendsten Komplikationen sind beispielsweise Herzinfarkt oder Kreislaufversagen. Diese sind aber sehr selten. Häufiger treten Übelkeit und Erbrechen auf, die sich aber in den meisten Fällen einfach behandeln lassen. In manchen Fällen ist auch eine sogenannte Regionalanästhesie möglich: Der Patient ist wach, empfindet aber in einem größeren Teil seines Körpers keine Schmerzen. Diese Narkose muss in jedem Fall über dem "Problem", also weiter oben am Körper, gesetzt werden - bei einer Schulter-OP ist keine Regionalanästhesie möglich, bei einer Knie-OP schon.

Todeszahlen in Anästhesie sind in den Krankenhausstatistiken nicht erfasst. "Diese Zahlen existieren nicht, da Narkosen kein Selbstzweck sind und nicht jeder Tod im Zusammenhang mit Narkose ein Tod an Narkose ist. Ein operativer Eingriff birgt immer auch ein Risiko", sagt Bernd Landauer, Präsident des Berufsverbands Deutscher Anästhesisten (BDA). Mithilfe einer Studie aus dem Jahre 2008, die auf einer Erhebung von 195 Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beruht, lassen sich die Zahlen auf Deutschland herunterrechnen: So gibt es hierzulande rund 43 000 Todesfälle pro Jahr bei zehn Millionen Operationen in Anästhesie. Aus diesen Zahlen lässt sich jedoch nicht ableiten, wie viele Patienten tatsächlich an der Anästhesie gestorben sind. Ein Herzpatient kann beispielsweise während einer Operation einen Herzinfarkt erleiden.

Die Zahlen vermitteln zudem den Eindruck, dass tödliche Verläufe häufiger auftreten. "Die steigenden Zahlen sind mit der demografischen Entwicklung zu erklären: Es gibt immer ältere Patienten und immer größere Eingriffe", sagt Landauer. Um das Risiko bei einer Anästhesie für einen Menschen zu bestimmen, werden die Patienten je nach Vorerkrankungen in Klassifikationen der American Association of Anesthesiology (ASA) eingeteilt. ASA-1 bedeutet, dass es sich um einen normalen, gesunden Patienten handelt. Das Sterberisiko an Anästhesie beträgt bei einem ASA-1 Patienten 0,04 pro 10 000 Anästhesien und hat sich seit den 1980ern nicht verändert.

Das Risiko erhöht sich mit steigender ASA-Einstufung. Ein Patient ASA-4 (Patient mit einem schweren, lebensbedrohlichen körperlichen Leiden) hat ein Risiko von 5,5 pro 10 000 Anästhesien. Diese Zahlen stammen aus dem Ausland, sind aber aufgrund der Standards auch auf Deutschland übertragbar. Jürgen Schüttler, Direktor der Anästhesiologischen Klinik der Universität Erlangen, sieht Bedarf an deutschen Studien und arbeitet mit Kollegen bereits an der Auswertung von zwei Datensammlungen.