Steinbeißer klonen sich selbst

Wer als Fan eines leckeren Steinbeißerfilets im Restaurant tatsächlich einen Steinbeißer auf den Teller bekäme, wäre wohl bitter enttäuscht.

Libechov - Wer als Fan eines leckeren Steinbeißerfilets im Restaurant tatsächlich einen Steinbeißer auf den Teller bekäme, wäre wohl bitter enttäuscht. Denn was die maßgebliche biologische Systematik als Steinbeißer bezeichnet, ist ein unscheinbarer, kleiner Däumling von der Form eines Füllfederhalters. Er lebt in heimischen Seen. Was der Genießer serviert bekommt, ist dagegen ein Seewolf aus dem Nordatlantik.

Was Gourmets verschmähen, ist für Wissenschaftler ein gefundenes Fressen. Die Sensation des graubraun geschuppten Fischchens: Als einzige heimische Fischart können sich Steinbeißer-Weibchen selbst klonen. Das heißt, sie pflanzen sich asexuell ohne männliches Erbgut fort, ihre Eizellen teilen sich autonom zu neuen Fischen - Mutter und Tochter sind genetisch identisch wie eineiige Zwillinge. Erforscht wird dies erst seit kurzem. "Bekannt ist das Klonen im Tierreich vor allem bei Stabheuschrecken und Milben", sagt der gebürtige Oldenburger Biologe Jörg Bohlen vom Institute of Animal Physiology and Genetics im tschechischen Libechov. Weltweit sei aber bei 50 Wirbeltierarten asexuelle Fortpflanzung nachgewiesen.

Die Variante der asexuellen Vermehrung des Steinbeißers, die "Gynogenese", wird bisher in den wenigsten Lehrbüchern dargestellt. "In Mitteleuropa war lange nur vom Giebel (Goldfisch) bekannt, daß er sich durch Gynogenese fortpflanzen kann", so Jörg Bohlen.

Die Verhältnisse beim Steinbeißerweibchen sind recht verzwickt: Nur "Hybridweibchen" sind zur Gynogenese fähig: Sie entstehen durch Kreuzung zweier Arten - wie beim Maultier; das ist ein Nachkomme von Pferd und Esel.

1996 nahmen Forscher am Institut in Libechov die Steinbeißer-Arten Cobitis Taenia und Cobitis elongatoides genauer unter die Lupe. Sie unterscheiden sich durch die Anzahl der Chromosomen (48 bzw. 50). Kreuzt man sie, entstehen Hybride mit 49 Chromosomen. Diese Hybridweibchen bilden dann bei der Gynogenese Eizellen, die beim Klonen zwar auf das männliche Erbgut verzichten können, zur Eizellreifung aber kurzzeitig Kontakt mit Spermien benötigen, ohne daß es zur Verschmelzung kommt.

Im Detail wird es aber sehr kompliziert. Denn wie Biologen herausgefunden haben, entstehen bei der Gynogenese nicht nur identische Klone der Mutter, die einen doppelten Chromosomensatz tragen, sondern auch Nachkommen mit einfachem, dreifachem und vierfachem Chromosomensatz.

Ungelöst bleibt deshalb die Frage, ob die geklonten Steinbeißerhybride als eigene Art zu führen sind. "Alle verzweifelten Versuche, sie in ein Artenkonzept zu pressen, landen am Ende in der Philosophie", sagt Bohlen. Zähle man normale Arten und ihre Klonlinien mit, müsse man allein bei den in Deutschland vorkommenden Steinbeißern sieben Formen unterscheiden. Welche Form in welchem Fluß den Sand durchwühlt, ist durch die Eiszeiten bedingt. Die enormen Mengen an Schmelzwasser der sich zurückziehenden Gletscher veränderten den Verlauf von Flüssen, türmten Barrieren zwischen Arten auf oder brachen bestehende Barrieren wieder ein.

Auch im Müggelsee bei Berlin entdeckte Bohlen 2002 eine riesige Population von mehreren zehntausend Steinbeißern. Tiere der Art Cobitis taenia und Klone tummelten sich dort gemeinsam. Zwei Jahre später waren alle Steinbeißer komplett ausgestorben.

Was war passiert? Die Steinbeißermännchen legen auf alle Eier der Weibchen Spermien ab - ob Klone oder nicht - bei den einen aktivieren sie lediglich die Eizellteilung, bei den anderen verschmelzen Spermien und Eizellen. Da Klone immer nur weiblichen Nachwuchs produzieren, geriet das Geschlechterverhältnis im See aus den Fugen: Die Männchen starben aus, und danach starben auch die Klonweibchen aus. Bohlen erläutert: "Die Männchen mußten bei einem derartigen Weibchenüberschuß jede Nacht die Eier von fünf bis sechs Weibchen befruchten. Da müßte die Nacht mindestens 22 Stunden lang sein." So ganz ohne Männchen kommen die Steinbeißerweibchen - ob Klon oder nicht - also doch nicht aus.