Interview

Will eine gähnende Frau Sex?

In Paris ging jetzt der erste Gähnkongress mit 80 Experten zu Ende. Sascha Lehnartz sprach mit dem französischen Mediziner Olivier Walusinski

Berliner Morgenpost: Dr. Walusinski, warum Gähnen wir normalerweise?

Olivier Walusinski: Offenbar hängt das Bedürfnis zu Gähnen mit einem gewissen Zustand der Schläfrigkeit zusammen.

Berliner Morgenpost: Es wird gern vermutet, Gähnen habe etwas mit Sauerstoffmangel zu tun. Stimmt das?

Olivier Walusinski: Das ist falsch. Fische im Wasser oder Säuglinge im Fruchtwasser gähnen beispielsweise auch.

Berliner Morgenpost: Warum gähnen wir dann?

Olivier Walusinski: Gähnen ist ein komplexer Vorgang, bei dem die Atem- Gesichts und Nackenmuskeln zusammenwirken. In jedem Fall scheint Gähnen eine gewisse Erhöhung der Wachsamkeit zu bewirken. Sobald wir uns langweilen oder erschöpft sind, fangen wir an zu gähnen. Deshalb gähnen wir bei langweiligen Tätigkeiten.

Berliner Morgenpost: Was bewirkt das Gähnen dann?

Olivier Walusinski: Nun, es scheint in jedem Fall die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Es gibt Mediziner, die vermuten, es diene einer gewissen Abkühlung des Gehirns. Da bin ich allerdings nicht von überzeugt. Häufig ist das Gähnen auch ein Stress-Symptom. Fallschirmspringer etwa oder Leichtathleten im Startblock gähnen viel. Opernsänger vor ihrem Auftritt, Schimpansen vor der Kopulation oder Hunde im Wartezimmer beim Tierarzt. Gähnen scheint im Stammhirn eine gewisse Stress-Kompensation zu bewirken.

Berliner Morgenpost: Was passiert Beim Gähnen im Gehirn?

Olivier Walusinski: In jedem Fall geschieht etwas im Stammhirn, dem ältesten Hirnteil. Von hier scheint der ursprüngliche Gähnreflex auszugehen. Ist mit dem Gähnen eine Emotion verbunden, kommt der Impuls wohl aus dem limbischen System. In der Notfall-Reanimation von Komapatienten ist Gähnen ein Hinweis darauf, dass bestimmte Informationen nicht mehr an ihr Ziel gelangen. Die Großhirnrinde antwortet nicht. Oft ist das ein Indiz für einen tödlichen Ausgang..

Berliner Morgenpost: Einer der Vorträge auf ihrem Kongress befasst sich mit der "versteckten Sexualität des Gähnens." Was hat es damit auf sich?

Olivier Walusinski: Der belgische Kollege Wolter Seuntjens will herausgefunden haben, dass Gähnen bei Frauen ein sexuelles Signal sein kann.

Berliner Morgenpost: Eine Frau, die mich angähnt, sendet mir ein sexuelles Signal?

Olivier Walusinski: Wenn die Frau gerade den Eisprung hinter sich hat, ist das eine Möglichkeit.

Berliner Morgenpost: Worum ging es in ihrem eigenen Vortrag?

Olivier Walusinski: Ich beschäftige mich mit Säuglingen, die bereits im Mutterleib gähnen. Die gähnen im Alter von 12 Wochen öfter als ein Kind.