Rosa Luxemburg

"Der letzte Beweis ist offen"

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Die Geschichte um die Leiche der am 15. Januar 1919 ermordeten Sozialistin Rosa Luxemburg sorgt deutschlandweit für Aufregung - nicht nur unter Experten. Der Leiter der Rechtsmedizin der Charité, Michael Tsokos, hat öffentlich die These aufgestellt, dass eine Wasserleiche, die seit Jahrzehnten zur anatomischen Sammlung seines Instituts gehört, die Leiche von Rosa Luxemburg sein könnte.

"Ich kann das zwar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dazu bedarf es erst noch eines DNA-Abgleichs, die Wahrscheinlichkeit ist aber groß", sagte Tsokos dieser Zeitung.

Ein Hut, eine Haarbürste

Trifft die Vermutung Tsokos' zu, wurde damals der falsche Leichnam beerdigt. Jahrzehntelang sind dann alljährlich im Januar Zehntausende zum Grab Luxemburgs auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde gepilgert, während Luxemburgs Leichnam unerkannt in der Charité zu Anschauungszwecken ausgestellt worden war.

Er sei jetzt an die Öffentlichkeit gegangen, weil er Genmaterial suche, so Michael Tsokos. "Ich beschäftige mich seit zweieinhalb Jahren mit diesem Fall", betonte der Rechtsmediziner. Er komme jedoch nicht weiter, weil er bisher keinerlei Material für einen DNA-Abgleich gefunden habe. "Wir hoffen jetzt, dass sich jemand meldet, der uns mit Sammlungsstücken oder inoffiziellem Archivmaterial weiterhelfen kann." Ein Hut, ein Mantel oder eine Haarbürste Rosa Luxemburgs würden nützlich sein. "Wenn es sich dabei um authentisches Material handelt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir DNA extrahieren können." Diese DNA könnte dann mit dem DNA-Profil verglichen werden, das er aus Organen und Gewebe der Wasserleiche erstellt habe, sagte Tsokos.

Während die Identität der Wasserleiche nach wie vor unklar ist, ist sowohl für Michael Tsokos als auch für den Historiker und Luxemburg-Experten Jörn Schütrumpf eine andere Geschichte eindeutig: Die Leiche, die einst als die von Rosa Luxemburg beerdigt worden ist, war auf keinen Fall die von Rosa Luxemburg. Diesbezüglich sind sich der Rechtsmediziner und der Historiker sicher. Er habe sich den Obduktionsbericht noch einmal genau angesehen, so Tsokos. "Rosa Luxemburg ist erschossen worden. Laut Bericht gibt es aber nur einen Einschuss und keinen Ausschuss. Auch vom Projektil ist nicht die Rede." Außerdem sei in dem Bericht ausdrücklich darauf hingewiesen worden, dass kein Anhaltspunkt für eine Krankheit gefunden worden sei, die zu dem für Luxemburg typischen watschelnden Gang geführt hätte. Die Berliner Gerichtsmediziner Fritz Strassmann und Paul Fraenckel - beides Koryphäen in ihrem Fach - hätten zudem betont, dass die Leiche weder eine Hüftverrenkung noch ungleich lange Beine hatte. Beides traf auf Luxemburg zu. Für den Historiker Schütrumpf steht fest, dass die beiden Gerichtsmediziner gezwungen worden sind, die Leiche als die von Rosa Luxemburg auszugeben. "Die beiden haben unter Druck des Militärs gehandelt. Die Vermerke mit der Hüfte und den Beinen deuten darauf hin. Das ist eine versteckte Botschaft für die Nachwelt", sagte Schütrumpf.

Auch der Historiker hofft, dass die Veröffentlichung der ganzen Geschichte jetzt dazu führt, dass DNA-Material gefunden wird. "Rosa Luxemburg hatte eine heftige Liaison mit ihrem Anwalt Paul Levi. Ihm hat sie einst eine Locke geschenkt, die heute wichtige Auskunft geben könnte", sagte er. Die Familie Levis, der 1930 bei einem Unfall ums Leben kam, sei 1933 in die USA emigriert. "Es kann nicht schwer sein, Nachfahren dieser Familie zu finden, die damals neben den Liebesbriefen auch die Locke mitgenommen haben dürften", so Schütrumpf.

Doch wie kam der Leiter der Rechtsmedizin der Charité, Michael Tsokos, zu der Vermutung, bei der Wasserleiche im Medizinhistorischen Museum der Charité könnte es sich um die von Rosa Luxemburg handeln? "Als ich 2007 Institutsdirektor wurde, habe ich mich daran gemacht, den Bestand des Instituts zu sichten", sagte Tsokos. Die Wasserleiche sei ihm aufgefallen, weil sie die einzige war, zu der es weder eine Geschichte noch sonst irgendwelche Fakten gab. "Und dann kursierte da seit Jahren das Gerücht, dass es sich bei dieser Leiche um die Rosa Luxemburgs handelt", so Tsokos weiter. Er habe den Leichnam computertomografisch untersucht und herausgefunden, dass die Frau zu Lebzeiten an Arthrose litt und ihre Beine überdies unterschiedlich lang waren. Radiologen hätten zudem das Alter des Leichnams zum Todeszeitpunkt auf zwischen 40 und 50 Jahre geschätzt. Rosa Luxemburg war 47 Jahre alt, als sie starb.

Ehrenhafte Bestattung gefordert

"Mit der sogenannten C14-Methode haben Kieler Wissenschaftler kürzlich außerdem festgestellt, dass der Leichnam aus der Zeit Luxemburgs stammt, so Tsokos weiter. Es gebe also viele Hinweise, dass die Wasserleiche Rosa Luxemburg sein könnte. "Der letzte Beweis ist allerdings offen, dazu brauchen wir den DNA-Abgleich."

Carsten Becker, Vorsitzender von Ver.di Charité und Personalrat an dem Klinikum, bezeichnete die mutmaßliche Entdeckung der sterblichen Überreste von Rosa Luxemburg als unglaublichen Schock. Er stellte die Frage, wie es über all die Jahrzehnte unentdeckt bleiben konnte, dass der falsche Leichnam beerdigt wurde und forderte eine unverzügliche Aufklärung des Vorganges. Dass der Fall zu DDR-Zeiten nicht aufgedeckt wurde, sei nicht verwunderlich, sagte Becker. "Damals wurde alles versucht, Rosa Luxemburg zu verherrlichen." Ein wirkliches Interesse an ihren Ideen habe es vonseiten der Herrschenden in der DDR nicht gegeben. Sollte es sich um den Leichnam Luxemburgs handeln, sei eine ehrenhafte Bestattung das Mindeste, betonte Becker.

Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag, sagte, dass sich die Linke, sollte es sich um die sterblichen Überreste von Rosa Luxemburg handeln, dafür einsetzen werde, dass sie noch in diesem Jahr in der Gedenkstätte der Sozialisten würdig begraben wird. Die mutmaßlichen Erkenntnisse würden dem Gedenkort nicht schaden, im Gegenteil: "Viele werden jetzt erst recht dahin gehen, weil deutlich wird, wie weit der Hass auf Rosa Luxemburg reichte." Er sei bereit, den Leichnam herauszugeben, sagte Michael Tsokos. "Mir liegt nur daran, dass die Identität geklärt wird."