Tiere

Rückkehr der Wanzen in Berlins Betten

Die Attacke erfolgt nachts. Der fünf bis acht Millimeter große Angreifer kriecht aus Steckdosen, Bettritzen und Tapeten hervor. Er krabbelt den schlafenden Körper entlang, sticht zu, saugt sich binnen fünf Minuten mit Blut voll und verschwindet. Cimex lectularius, die gemeine Bettwanze, ist zurück.

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Experten warnen: ,,Die Zahlen steigen kontinuierlich an." Wurden der Landesvertretung des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbands (DSV) in Berlin 2007 noch 210 Verwanzungen gemeldet, waren es 2008 schon 330 Fälle. "Wir rücken jetzt zwei bis drei Mal die Woche aus. Die Dunkelziffer der Verwanzungen dürfte sogar um ein Vielfaches höher sein", sagt Mario Heising, Chef der DSV-Landesvertretung. Denn Wanzenbefall ist nicht meldepflichtig.

Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren Bettwanzen in Europa gang und gäbe. Vermutlich sind die Tiere von Fledermäusen auf unsere Vorfahren übergegangen, als diese es sich in Höhlen bequem machten. In den 1950er-Jahren wurde ihnen in den Industrieländern mit Chlorkohlenwasserstoffen - beispielsweise DDT - der Garaus gemacht. Seitdem galt der Blutsauger als ausgerottet.

Doch in den vergangenen fünf Jahren häufen sich die Berichte von schlaflosen Nächten in Hotels, verursacht von Bettwanzen. In Deutschland sind Ballungsgebiete wie das Ruhrgebiet, Hamburg und Berlin betroffen. Rainer Gsell, Bundesvorsitzender des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes in Essen, führt das darauf zurück, dass diese Regionen besonders viel bereist werden. Und Reisende können auch schon mal blinde Passagiere im Gepäck haben. "Da kann niemand etwas dafür", sagt Gsell. Die Rückkehr der Bettwanzen habe nichts mit mangelnder Hygiene zu tun. Die Verstecke sind vielfältig: Möbel, Koffer, Rahmen und Bücher aus Secondhand-Läden und von Flohmärkten können verseucht sein. Selbst mit neuen Matratzen kommen die Tiere manchmal mit, wenn im selben Lieferwagen auch alte Matratzen abgeholt werden.

Keine Krankheitsübertragung

Ihr Opfer finden die Parasiten anhand der Körperwärme. Der Stich selbst ist schmerzlos, doch kann das Speichelsekret Juckreiz und Quaddeln auslösen. Andere Menschen merken kaum, dass sie einen nächtlichen Besucher hatten. In seltenen Fällen kommt es zu Asthmaanfällen, Hautausschlag und Schockzuständen. Immerhin sei keine Krankheitsübertragung durch Wanzen bekannt, sagt der Experte.

Haben sich die Parasiten eingeschlichen, muss der Spezialist ran. Er weiß, wo die Tiere sitzen und wie ihnen beizukommen ist: mit Chemie. Rainer Gsell rät davon ab, die Bekämpfung selbst in die Hand zu nehmen, da die Gesundheitsbelastung oft weit größer sei als bei professioneller Behandlung. Der Schädlingsbekämpfer setze nur soviel Wirkstoff ein wie nötig - das Mittel aus dem Baumarkt sei dagegen für einen Rundumschlag angelegt. Auch sind Eigeninitiativen in der Regel nicht erfolgreich.

Gsell ist sich jedoch bewusst, dass die meisten die Bekämpfung zuerst selbst versuchen: "Da ist die deutsche Hausfrau eher bereit, sich zu vergiften, als dass sie zugibt, dass sie Schädlinge im Haus hat."

Ruft man den Experten, so sollte man bei einem Befall im Schlafzimmer damit rechnen, zwei Nächte nicht im eigenen Bett, wohl aber in der eigenen Wohnung schlafen zu können. Sämtliche Möbel im Zimmer müssen demontiert werden; Wecker, Radio, Fernseher und Lampen werden ebenfalls behandelt, auch die Wäsche. Wichtig ist, die Wanzen nicht mit Kissen, Kleidung oder Kuscheltieren in anderen Wohnbereichen zu verteilen. Eine einzige Behandlung kann reichen, meist muss der Spezialist mehrmals kommen.