Ostsee

Stör zurück: Fische bis zu einem Meter lang

Eigentlich wollte Ostseefischer Harald Dumrad an jenem Morgen Ende April nur Steinbutt fangen. Doch als er an Bord seines Kutters "THI 44" im Seegebiet vor Göhren auf Rügen das Stellnetz einholte, zappelte ein ungewöhnlich großer Fisch im Netz.

- "Es war der Fang meines Lebens", sagt der 53-Jährige. In den Händen hielt er einen etwa 1,10 Meter langen Stör.

Wie bei derart sensationsverdächtigen Fängen üblich, informierte Dumrad das Meeresmuseum in Stralsund. Dessen Mitarbeiter brachten den mehr als fünf Kilogramm schweren Fisch, dessen Art seit mehr als 80 Jahren in der Ostsee als ausgestorben gilt, ins Ozeaneum. Seitdem zieht der Stör in einem Quarantänebecken seine Runden. Noch sei unklar, ob das Tier in die Ausstellung komme oder wieder freigelassen werde, sagt Aquarienleiterin Nicole Kube.

Auch Fischern aus Bansin auf der Insel Usedom gingen in den vergangenen Tagen zwei meterlange Störe in die Netze. Zuletzt meldete sich am Montag Fischer Hans Ewert aus Gager auf Rügen. Vor Göhren habe er einen Stör aus dem Wasser gehievt, sagt er: 95 Zentimeter lang, 4,5 Kilogramm schwer und wie sein Vorgänger versehen mit einer gelben Plastikmarke in der Rückenflosse. Der zwischenzeitlich im Fischkasten an Bord untergebrachte Sonderling wurde am nächsten Tag im Fanggebiet wieder in die Freiheit entlassen.

Doch dass der Stör tatsächlich schon wieder großräumig in der Ostsee Fuß gefasst hat, widerlegen die einheitlichen Identitätsmarken der gefangenen Tiere. Die Fische stammen ausschließlich aus einem Zuchtprogramm der Landesforschungsanstalt für Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern, die seit vier Jahren in ihrer Versuchsstation Born auf dem Darß alljährlich Nachkommen von kanadischen Stören aufzieht. Im April 2005 brachten Forscher mehr als 30 ausgewachsene Störe aus Kanada als Keimzelle für ein neues Aufzuchtprogramm nach Deutschland. Diese Tiere sind inzwischen etwa zwei Meter lang, wiegen zwischen 40 und 70 Kilogramm, haben bislang aber noch nicht gelaicht. Im Juli 2006 waren in einem ersten Test 15 markierte Jungstöre in der Peene ausgesetzt worden, um die Wanderung der Tiere zu erforschen.

50 von insgesamt 100 Stören des ersten Jahrgangs seien am 22. April vor Lobbe auf Rügen ausgesetzt worden, sagt Stationsleiter Eckhard Anders. Öffentlichkeit und Fischer wurden darüber nicht informiert. "Mit der Aussetzung der halbwüchsigen Fische wollen wir in erster Linie erkunden, wie sich die Tiere in der Ostsee verbreiten", erläutert der Fischereibiologe. Immerhin bräuchten sie noch mindestens acht Jahre, bis sie selbst wieder für Nachwuchs sorgen könnten.

Ein sehr interessantes Experiment, findet der Leiter des Instituts für Ostseefischerei in Rostock (IOR), Cornelius Hammer. Doch zeige die Tatsache, dass schon nach zwölf Tagen mindestens acht Prozent der Fische in Netze gingen, wie gering die Überlebenschancen der Störe in der stark befischten Ostsee tatsächlich seien.

Trotzdem besteht Anlass zur Hoffnung für die Wanderfische. Sie ruht vor allem auf über 5000 Jungstören aus Born, die seit 2007 in der Oder ausgesetzt wurden. Inzwischen gehörten diese Tiere bei deutschen und polnischen Fischern zum regelmäßigen Beifang, sagt Anders. Offenbar setzten die meisten Fischer die Störe gleich wieder in den Fluss. Die Fänge zeigten, dass auch aus diesen Jungfischen stattliche Exemplare von fast vier Kilogramm Gewicht und bis zu 70 Zentimeter Länge geworden seien. Offenbar stünden die Störe hervorragend im Futter. Auch 2009 sollen mehrere Tausend Jungstöre in die Oder-Nebenflüsse gesetzt werden.

Jörn Geßner von der Berliner Gesellschaft zur Rettung des Störs glaubt an die Chance der Ostseestöre. Bis die ausgesetzten Fische zum Ablaichen in die Oder zurückkehren, dürften aber noch zehn Jahre vergehen, sagt er. Noch in diesem Jahr wollen Experten nach Kanada reisen, um von ausgewachsenen Stören im Mündungsgebiet des Saint John River Larven für die Ostsee zu gewinnen.

Das Projekt im Internet: www.sturgeon.de