Warum Handy-Gespräche besonders stören

York - "Ich sitze jetzt gerade in der S-Bahn, Station Friedrichstraße, und bin in wenigen Minuten am Alexanderplatz" - zumindest in den Großstädten hat jeder schon einmal unfreiwillig Handy-Gespräche wie dieses belauscht. Oder in der Schlange an der Supermarktkasse, auch im Café sitzt fast immer ein Telefonierer am Nachbartisch.

Meistens empfindet man es als nervtötend und störend. Warum eigentlich? Wenn sich zwei Leute in der Bahn gegenübersitzen und sich unterhalten, stört es doch auch nicht oder zumindest nicht so sehr. Ein britisches Psychologen-Team ist jetzt der Sache auf den Grund gegangen. Wie die Wissenschaftler in der Zeitschrift "Behaviour and Information Technology" darlegen, gibt es beim Menschen ein offenbar angeborenes Bedürfnis hinzuhören, wenn in einer Dialogsituation nur einer spricht beziehungsweise nur einer hörbar ist. Tatsächlich konnten sie feststellen, daß Gespräche, bei denen beide Partner anwesend waren, aber nur die Gesprächsbeiträge des einen hörbar waren, von unbeteiligten Dritten als ähnlich störend empfunden wurden wie vermeintlich einseitige geführte Handy-Gespräche.

"Wir empfinden ein angeborenes Bedürfnis hinzuhören, wenn wir nur die eine Seite der Konversation hören", sagen Andrew Monk von der University of York und seine Kollegen. "Selbst wenn die Konversation nicht lauter ist als ein regulärer Zweier-Austausch, führt der Umstand, daß wir immer nur die Hälfte hören, dazu, daß wir instinktiv reinhören. Es ist, als erwarteten wir, daran teilzuhaben, um die Konversation zu vervollständigen."

Wenn dies richtig ist, so überlegten die Forscher, dann müßten Gespräche zwischen zwei anwesenden Menschen, von denen nur der eine hörbar ist, genauso störend wirken wie Handy-Gespräche. Monk und Kollegen ließen Freiwillige in britischen Bahnen vorher vorbereitete Gespräche per Handy oder in Paarsituation führen. Anschließend befragte einer der Forscher die so beschallten Fahrgäste, wie störend sie die jeweiligen Situationen empfanden. Es zeigte sich, daß ein normales Gespräch von zwei anwesenden Personen, deren Stimmen gleichermaßen hörbar waren, von den befragten Bahnreisenden sehr viel weniger wahrgenommen wurde als jede andere Art von lediglich einseitig hörbarer Konversation.

In Großbritannien berücksichtigt die Bahn bereits, daß Fahrgäste sich von den Handy-Gesprächen ihrer Mitreisenden belästigt fühlen. Einige Züge führen daher Waggons mit, die als handy-freie Zonen deklariert sind, um die Nerven zu schonen.