Forschung

"Der Mensch verhält sich wie ein Bakterium"

Volker Mosbrugger ist Direktor der Senckenberg-Gesellschaft in Frankfurt/M. Der Paläontologe ist der Meinung, dass die Menschen sich beim Naturschutz zu viele Sorgen um den Eisbären machen und zu wenige Gedanken über wichtige, aber unspektakuläre Organismen wie Bakterien.

- Im Interview spricht er aber auch über das Selbstverständnis des Menschen. Das Gespräch führte Pia Heinemann.

Berliner Morgenpost:

Herr Professor Mosbrugger, Sie haben die Menschen einmal als ganz normale Parasiten bezeichnet ...

Volker Mosbrugger:

Ja, das stimmt. Der Mensch verhält sich auf der Erde ja nicht grundsätzlich anders als jedes beliebige Bakterium, jede Ameise oder jeder Vogel. Wir nutzen alle verfügbaren Ressourcen, um möglichst gut und zahlreich zu überleben. So machen das alle Lebewesen auf der Erde. Das Einzige, was uns von ihnen unterscheidet, ist die Fähigkeit, über unser Handeln zu reflektieren - und gegebenenfalls anders zu handeln.

Wir beuten die Erde aus und sinnieren darüber und über vieles andere. Aber entsteht daraus nicht auch eine Verantwortung gegenüber der Erde?

Nein, evolutionsbiologisch gesehen nicht unbedingt. Nur weil wir erkennen, dass die Ressourcen nicht unendlich sind, sind wir nicht dazu verpflichtet, sie zu bewahren. Allerdings wäre es natürlich irrsinnig, das nicht zu tun.

Könnten die Menschen das Leben auf der Erde überhaupt auslöschen?

Nein, das glaube ich nicht. Stellen Sie sich vor, sie hätten eine Gruppe von Menschen, die zeitgleich überall auf der Welt Atombomben zünden und mit Biowaffen Flüsse, Meere und die Luft vergiften würde. Damit könnte man vielleicht die Menschen auslöschen. Vielleicht auch alle Säugetiere, Vögel oder Reptilien. Aber je mehr wir das Leben erforschen, desto mehr Lebensformen lernen wir kennen, die auch widrigste Umstände überstehen - und damit also auch die Waffen der Menschen.

Die häufig zitierten Kakerlaken, die auch einen Atomkrieg überstehen würden ...

...ja. Oder eben Bakterien, die in hundert Meter Tiefe im Gestein ohne Sauerstoff auskommen, die im ewigen Eis leben, in Schwefelquellen oder unter hohem Druck in der Tiefsee. Um das Leben auf der Erde auszulöschen, müssten man ihr schon das flüssige Wasser nehmen.

Ist das der einzige limitierende Faktor?

Zumindest ist es der wichtigste. Aber seit es Leben auf der Erde gibt, also seit etwa 3,8 Milliarden Jahren, gab es immer auch flüssiges Wasser. Ohne Wasser hätten sich niemals Zellen entwickeln können. Ohne sie wäre keine sauerstoffhaltige Atmosphäre auf der Erde und damit auch kein höheres Leben möglich gewesen. Die Dinosaurier und viele andere Tiere und Pflanzen sind zwar ausgestorben, aber das Leben hat dennoch immer weiterexistiert.

Seit die möglichen Kosten des Klimawandels aufgelistet wurden und die IPCC-Berichte diesen Klimawandel darzustellen versuchen, ist Klima auf einmal "in".

Ja. Die IPCC-Berichte gibt es ja schon seit über 15 Jahren. Aber seit die volkswirtschaftlichen Kosten berechnet werden, ist ein neues Bewusstsein um den "Wert" der Biosphäre entstanden. Das ist gut - auch wenn die öffentliche Diskussion oft ein wenig schief geführt wird. Denn ob die Eisbären eine Klimaerwärmung überleben oder nicht, das berührt die Biosphäre und den Menschen im Grunde recht wenig. Viel wichtiger ist es, ob Schlüsselarten wie beispielsweise bestimmte Bakterien überleben. Denn wenn sie beispielsweise im Boden auf einmal fehlen, dann könnte es sein, dass der Weizen auf einmal nicht mehr wächst. Meistens erkennen wir diese ökologischen Zusammenhänge, die uns direkt betreffen, aber erst dann, wenn es bereits zu spät ist. Erst wenn die Ernten schlecht ausfallen, machen wir uns auf die Suche nach den Gründen. Und dann sind die Bakterien bereits verloren.

Vielleicht setzen sich Menschen auch deshalb nur halbherzig dafür ein, etwas gegen die Erderwärmung zu unternehmen, weil sie uns als Art nicht in die Enge treibt.

Mag sein. Der Mensch kommt evolutionsgeschichtlich aus Afrika - mit wärmeren Temperaturen kommt unser Körper also gut zurecht. Und ob die Konzentration von Kohlendioxid ein wenig ansteigt oder nicht, belastet uns auch nicht weiter. Es wird vielleicht Hunger, Kriege und Völkerwanderungen geben, die verschiedenen Regionen und Gesellschaften werden leiden - und aus diesem Grunde sollten wir handeln. Aber wir müssen uns keine Sorgen um unser Überleben als Art machen.

Als Menschen sind wir von der natürlichen Evolution weitgehend abgekoppelt. Umweltdrücke wie Temperaturschwankungen gleichen wir durch Kleidung aus. Krankheiten bekämpfen wir mit Medikamenten, und gegen Mangelernährung gibt es die globale Ernährungsindustrie.

Das stimmt. Der Mensch ist das einzige Tier, das als Folge der "kulturellen Evolution" nicht mehr direkt von natürlichen Umwelteinflüssen beeinflusst wird.

Entwickeln wir uns deshalb auch nicht weiter? Innovationen werden häufig aus Krisen heraus geboren.

Der Mensch entzieht sich inzwischen weitgehend einer biologischen Evolution. Bei ihm wirkt heute vor allem die kulturelle Evolution. Wenn also Menschen beispielsweise gegen eine aggressive Grippe geimpft sind, dann überleben sie eine Epidemie eher als solche, die nicht geimpft sind - die Überlebenschancen für Nachkommen hängen heute meist stärker von verfügbarer Medizin und der umgebenden Kultur als von Genen ab.

Es sieht so aus, als ob wir dank moderner Technik und Medizin so ziemlich alle Veränderungen der Atmosphäre in den Griff bekommen könnten. Zumindest als Art sind die Menschen nicht bedroht. Halten wir unser Schicksal in der Hand?

Wie gesagt: Als Art sind wir nicht direkt bedroht, wir haben aber unmittelbaren Einfluss auf die Qualität unserer Zukunft. Wir müssen insbesondere die Rolle des Menschen im System Erde wieder besser begreifen und dann "vernünftig", das heißt an den langfristigen Perspektiven orientiert, handeln.