Selbstversuch an der Schwelle zum Tod

Kaffee - das war jahrzehntelang eine Passion von Werner Hunstein. Doch vor 14 Monaten stieg Hunstein, einer der führenden deutschen Hämatologen, auf Grünen Tee um.

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Heidelberg - Kaffee - das war jahrzehntelang eine Passion von Werner Hunstein. Doch vor 14 Monaten stieg Hunstein, einer der führenden deutschen Hämatologen, auf Grünen Tee um. Mit gutem Grund: Der emeritierte Hochschulprofessor, der die Abteilung Hämatologie, Onkologie und Rheumatologie an der Heidelberger Medizinischen Poliklinik aufgebaut und bis 1998 geleitet hat, leidet nun selbst an einer schweren Blutkrankheit.

Vor mehr als sechs Jahren wurde dem heute 79-Jährigen die Diagnose gestellt: Systemische Leichtketten-(AL)-Amyloidose. Bei dieser leukämieähnliche Blutkrankheit produzieren krankhafte Blutzellen (Plasmazellen) ein bestimmtes Eiweiß, die sogenannten Leichtketten. Diese eigentlich für die Immunabwehr zuständigen Proteine werden vom Körper nicht abgebaut, sondern klumpen sich als unauflösliche Fäden, in der Fachsprache Amyloidfibrillen genannt, zusammen und lagern sich in lebenswichtigen Organen ab. Diese werden verdickt, verhärtet und in ihrer Funktion gestört. Mit lebensbedrohlichen Folgen.

Etwa 20 Amyloidosen sind bekannt, je nachdem, welches Eiweiß die krankhaften Fäden bildet. Da sich die Erkrankung zunächst in Funktionsstörungen der befallenen Organe äußert, wird sie häufig erst erkannt, wenn sie bereits fortgeschritten ist.

So war es auch bei dem Heidelberger. Er erfreute sich immer bester Gesundheit, und das Leben als "Patient" war ihm unbekannt. Immerhin ging er zum jährlichen Gesundheits-Check. Als die Blutwerte plötzlich auffällig wurden, sich beim Ultraschall des Herzens Verdickungen zeigten, im Urin eine hohe Eiweißkonzentration auffiel und die Blutwerte auf eine Gerinnungsstörung hindeuteten, dachte niemand - auch er selbst nicht - an eine Amyloidose.

Diagnose nach drei Jahren

Erst nach einer Ärzte-Odyssee über drei Jahre wurde die Diagnose mittels Gewebeuntersuchung gestellt. Hunstein wusste, was das bedeutete. Als Pathologe in Berlin hatte er Organe an Amyloidose Verstorbener gesehen: "Ihre Leber und Milz waren steinhart."

Inzwischen war Hunsteins Herz sehr schwach, er konnte nur noch wenige Meter am Stück gehen. Seine Zunge war verdickt und hinderte ihn am Sprechen, er hatte ständig Blutergüsse. Er unterzog sich einer Chemotherapie in Verbindung mit hohen Cortisongaben (Dexamethason) über mehr als ein Jahr. Dann empfahlen die Ärzte eine Therapiepause. Die heute empfohlene anschließende Blutstammzelltransplantation war für ihn nicht möglich. "Ich erlebte am eigenen Körper, wie es meinen Patienten ging", erinnert sich der Arzt: Geschmacksstörungen, Schlaflosigkeit, Schwäche, Gewichtsverlust. Immerhin konnte die Krankheit durch die Therapie eineinhalb Jahre stabilisiert werden, aber der erhoffte Durchbruch blieb aus. "Ich war im August 2006 austherapiert und wartete nur noch auf den Tod", so Hunstein.

Dann kam die Wende: Zwei seiner ehemaligen Oberärzte gaben ihm einen Tipp, sie hatten in Berlin einen Vortrag gehört. Der Molekularmediziner Erich Wanker hatte dort am Max-Delbrück-Zentrum Untersuchungen im Reagenzglas vorgestellt, wonach mit einem Inhaltsstoff des Grünen Tees - dem EpiGalloCatechinGallat (EGCG) - Amyloidablagerungen verhindert, ja sogar aufgelöst werden können. Hunstein sagt heute: "Ich hatte nichts zu verlieren, außer meinem Leben und dachte mir" was im Reagenzglas klappt, könnte auch im Körper funktionieren." Fortan trank er täglich eineinhalb bis zwei Liter pestizidfreien Grünen Tee.

Die Wirkung verblüffte den "knallharten Schulmediziner", wie sich Hunstein bezeichnet. Nach wenigen Wochen hatte sich sein subjektiv empfundener Zustand "dramatisch verbessert". Auch objektiv ging es ihm besser: Die Herzscheidewand wurde dünner, von Monat zu Monat millimeterweise von 16,5 Millimeter auf jetzt 12,1. Das Herz wurde kleiner und belastungsfähiger. Auch die Nierenschwäche konnte gestoppt werden.

Dennoch rang Hunstein lange mit sich, ehe er sich entschloss, seinen Fall bei dem renommierten hämatologischen Fachblatt "Blood" einzureichen. Als der Artikel zum Selbstversuch dort tatsächlich erschien, war er "der glücklichste Mensch auf der Welt". Jetzt fordert er klinische Studien, um die erlebte Wirkung auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen.

Hinweise darauf, dass EGCG, das zu den gesundheitsfördernden Polyphenolen zählt, sich hemmend auf die Amyloidbildung auswirkt, mehren sich. Molekularbiologe Professor Erich Wanker vom Max-Delbrück-Zentrum in Berlin sagt, dass die Amyloidbildung auch bei anderen schweren Erkrankungen wie Chorea Huntington, Alzheimer, Parkinson und bestimmten Blutkrebsen eine große Rolle spiele. Für die Nervenkrankheit Chorea Huntington habe sein Team dies schon gezeigt. Eine neue Arbeit belegt die amyloidhemmenden Wirkungen des EGCG eindeutig bei Parkinson und Alzheimer. Sie wurde jetzt bei einem Fachblatt eingereicht.

Erich Wanker ist erfreut über Hunsteins Krankheitsverlauf. Als Wissenschaftler ist er auch wegen seiner überzeugenden Ergebnisse mit EGCG "voller Erwartung auf Patientenstudien". Gerade bei Amyloidosepatienten, wo man sicher sein könne, dass die Substanz auch im Körper ankomme, sollten schnell Studien mit dem Wirkstoff EGCG begonnen werden.

Tests an der Mayo-Klinik

Am Amyloidosezentrum der Universität Pavia in Italien steht man schon in den Startlöchern, in der amerikanischen Mayo-Klinik wird das EGCG auf seine Wirkung bei einem bestimmten Blutkrebs bereits getestet. An der Hämatologischen Abteilung der Medizinischen Uniklinik in Heidelberg sei man schon seit längerem bemüht, eine klinische Studie mit EGCG beim Lymphdrüsenkrebs auf die Beine zu stellen, erklärte Hunstein-Nachfolger Anthony D. Ho. Auch für die Amyloidose wolle man eine Studie initiieren. Doch die Planung sei wegen der Finanzierung und des Arzneimittelrechts schwierig. Hunstein widerspricht: Grüner Tee beziehungsweise sein Wirkstoff EGCG sei kein Arzneimittel, da es sich um einen Nahrungsmittelzusatz handle und nicht dem Arzneimittelgesetz unterliege. Ermutigt durch objektive Verbesserungen der Herzfunktion bei weiteren Amyloidosepatienten, die inzwischen täglich grünen Tee trinken, soll schon im Januar an der Kardiologischen Abteilung der Medizinischen Uniklinik Heidelberg eine klinische Studie starten.